Claudia Pechstein hat am Donnerstagnachmittag zum Auftakt der Eisschnelllauf-Weltmeisterschaften in Inzell eine Medaille deutlich verpasst. Die Berlinerin, die wegen auffälliger Blutwerte zwei Jahre gesperrt war und Anfang Februar ihr Comeback gegeben hat, wurde in der neuen Inzeller Eishalle im Rennen über 3000 Meter Achte. Claudia Pechstein, die für die Zeit des Championats in Oberbayern Sonderurlaub von der Bundespolizei bekommen hat, benötigte wenige Stunden nach der folkloristisch gefärbten Eröffnungszeremonie in der 36 Millionen Euro teuren Arena 4:08,11 Minuten für drei Kilometer auf dem Eis. Sie war damit fast vier Sekunden langsamer als die Erfurterin Stephanie Beckert, die hinter der Niederländerin Ireen Wüst und der Tschechin Martina Sablikova Dritte wurde. Ein kleiner Erfolg also wenigstens für die Deutschen am ersten Tag der Weltmeisterschaft.
Claudia Pechstein, die auch in diesen Tagen unter besonderer Beobachtung steht, hatte sich im siebten Lauf des Tages mit der Dresdnerin Jennifer Bay auseinandersetzen müssen. Sie hatte sofort ein hohes Tempo angeschlagen, doch ihre Kraft reichte nicht, um den gewünschten Rhythmus beibehalten zu können. Weder das Eis beflügelte die Berlinerin, noch das Publikum, das sie freundlich, aber nicht überschwänglich begrüßt hatte.
Mit dem Start schon alle Saisonziele erreicht?
Claudia Pechstein, die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin, hatte kürzlich gesagt, dass sie mit dem Start in Inzell schon alle Saisonziele erreicht habe. Das dürfte aber untertrieben sein. Sie strebt, das ist zu vermuten, doch auch diesmal eine Medaille an. Es wäre immerhin die 53. Auszeichnung bei Olympia, WM und EM - keine andere Läuferin hat mehr gewonnen. Und sie würde einen weiteren Rekord aufstellen: Noch nie hat es eine 39 Jahre alte WM-Medaillengewinnerin im Eisschnelllauf gegeben.
Mit 36 hatte Claudia Pechstein noch im Team mit Anni Friesinger und Daniela Anschütz WM-Bronze geholt - das war 2008 in Nagano. In Inzell hat die Berlinerin noch zwei Möglichkeiten, einen Rang mit Auszeichnung zu belegen - am Samstag über 5000 Meter und am Sonntag zum Abschluss der Titelkämpfe in der Teamverfolgung. Dabei soll sie gemeinsame Sache mit ihrer „Rivalin“ Stephanie Beckert machen. Claudia Pechstein blickt dem gemeinsamen Auftritt angeblich gelassen entgegen: „Wir sind Profis. Auch mit Anni Friesinger war ich nicht befreundet, und wir sind Olympiasieger geworden.“
Der Bundestrainer findet „ein paar Spannungen gar nicht so schlecht“
Die stets polarisierende Claudia Pechstein hatte auch zuletzt immer wieder für Aufsehen gesorgt. Dabei war es auch um ihr angespanntes Verhältnis zu Stephanie Beckert gegangen. Zwischen den beiden deutschen Läuferinnen herrscht seit längerem Eiszeit. Im Jahr 2009 war es während eines Trainingslagers zum offenen Konflikt zwischen der Berlinerin und der Erfurterin gekommen. Stephanie Beckert hatte damals moniert, dass die gesperrte Claudia Pechstein am Trainingsbetrieb teilnahm, allerdings auf eigene Faust. Die Berlinerin warf der Thüringerin daraufhin „mangelnden Respekt“ vor und drückte ihren Ärger auch in ihrer Biografie aus.
Bundestrainer Stephan Gneupel sieht den Zwist, der jedoch nicht mit dem „Zickenkrieg“ zwischen Claudia Pechstein und Anni Friesinger bei Olympia 2002 zu vergleichen ist, mit einem Schmunzeln. „Ein paar Spannungen sind gar nicht so schlecht. Sportlich bringt uns diese Rivalität eher voran“, sagte der Erfurter, der nicht nur Stephanie Beckert, sondern auch deren Bruder Patrick betreut.
Wesentlich heftiger war Claudia Pechstein vor kurzem von einem Holländer angegangen worden. Bart Veldkamp, der 10.000-Meter-Olympiasieger von 1992 und derzeitige Assistenztrainer im niederländischen Privatteam TVM, hatte die Deutsche als ein „Geschwür“ des Eisschnelllaufs bezeichnet. Sie sei trotz des Ablaufs ihrer unfreiwilligen Auszeit unerwünscht. Veldkamp war aber für seine abfälligen Äußerungen am Rande des Eisschnelllauf-Weltcups in Salt Lake City von TVM abgemahnt worden. In die Normalität, so scheint es, wird Claudia Pechstein so schnell nicht zurückkehren können.