Sie nahm schon mal Haltung an und lauschte mit stiller Freude der Hymne, die ihr zu Ehren gespielt wurde. Die 21 Jahre alte Aljona Sawtschenko, die erst noch Deutsche werden will, ist in ihrem Element längst einheimisch geworden und feierte an der Seite ihres Eispartners Robin Szolkowy ihren ersten internationalen Sieg für die Deutsche Eislauf-Union (DEU). Da es im Sport auch bei eher zweitklassig ausgeflaggten Begegnungen zu den Gepflogenheiten gehört, daß die Gewinner unter hymnischen Begleitumständen auf dem Podium stehen, genoß die im August 2003 nach Chemnitz gekommene Paarläuferin aus Kiew diesen für sie großen Moment. Als "cool, einfach cool" empfand Aljona Sawtschenko diese Auszeichnung für die Gewinner der Nebelhorn-Trophy, die als Warm-up-Party für die internationale Eiskunstlaufszene im Oberstdorfer Leistungszentrum der DEU stattfand.
Gemessen an der impulsiven und meist aufgekratzt wirkenden strahlend blonden jungen Kollegin nahm Stefan Lindemann fast schon routiniert Siegerpokal und Blumen für den ersten Erfolg in der jungen Saison entgegen. Der Erfurter Europameisterschaftsdritte hat schon öfter ganz oben auf dem Treppchen gestanden und dabei seine Nationalhymne gehört. Unter anderem in Oberstdorf, wo er im Jahr 2000 Juniorenweltmeister geworden ist. Die Nebelhorn-Trophy eroberte Lindemann auch deshalb erstmals, weil er diesen Wettbewerb, der in den vergangenen Jahren dem Nachwuchs vorbehalten war, sonst ausließ.
Diesmal aber ist das Oberstdorfer Stelldichein eingangs des olympischen Winters besser besetzt gewesen und durch die Teilnahme der besten deutschen Läufer und einiger Stars aus dem Ausland wie der siegreichen Russin Jelena Sokolowa oder der souverän auf Rang eins getanzten amerikanischen WM-Zweiten Belbin/Agosto aufgewertet worden. Und zwar gerade so, daß die Deutschen frischen Mutes in die Saison starten konnten. Zwei erste Plätze und ein dritter Rang für die tanzenden Geschwister Beier - ein solches deutsches Gedrängel auf den besten Plätzen hat es bei einer Veranstaltung unter dem Patronat der Internationalen Eislauf-Union seit Jahr und Tag nicht gegeben.
Immerhin weisen die Oberstdorfer Indizien darauf, daß die besten deutschen Kunstläufer auf ein Winterhoch zuzusteuern scheinen. Lindemann möchte bei den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin wie selbstverständlich um die Medaillen mitkämpfen. Das ist inzwischen kein verwegener Anspruch mehr, da der Thüringer längst zum elitären Klub der Besten zählt.
Wo laufen sie denn?
Aber auch Sawtschenko/Szolkowy könnten mit etwas Fortune auf die Podeste ihrer Welt zurückkehren. Udo Dönsdorf, der Sportdirektor der DEU, hat sich angesichts der neuen, technisch ausgereiften, wenn auch erst im Rohentwurf sichtbaren Programme der beiden Chemnitzer zu einer optimistischen Prognose verleiten lassen: "Ich denke, daß sie in dieser Saison gute Chancen haben, um die Medaillen mitzulaufen."
Die Frage lautet: wo überall? Bei der Europameisterschaft und der Weltmeisterschaft des kommenden Jahres sind die zweimaligen deutschen Meister gewiß dabei, doch was ist mit Turin? Im Augenblick fehlt Aljona Sawtschenko noch das wichtigste Qualifikationsmerkmal, um auch dort ihre Kunst und Spitzenklasse demonstrieren zu können: ein deutscher Paß. Der Antrag auf Einbürgerung ist gestellt, und nun muß der sächsische Innenminister nach einem Procedere, an dem die Läuferin, die DEU, der Deutsche Sportbund, das Bundesinnenministerium und das Land Sachsen beteiligt waren, entscheiden. Drückt Thomas de Maiziere ein Auge zu, dann genügen zweieinhalb statt der sonst geforderten drei Jahre stetigen Aufenthalts in ihrer zweiten Heimat, um Aljona Sawtschenko zu einer Bürgerin der Bundesrepublik Deutschland zu machen.
Die Läuferin selbst ist sich in ihrem jugendlichen Frohsinn ganz sicher: "Das klappt. Gott weiß das schon." Gottes Hilfe allein aber reicht nicht, um deutsche Behörden von der Dringlichkeit eigener Herzenswünsche zu überzeugen. Die Ukrainerin könnte ihr Glück vielleicht auf dem "zweiten Bildungsweg" machen, nachdem sie als "Studentin" einen ersten Test auf ihre deutschen Artikulationsmöglichkeiten nicht bestanden hatte. Nun bewirbt sie sich mit Steuerkarte nebst deklariertem jährlichen Mindesteinkommen von 27 000 Euro als selbstständiger Kunstlaufprofi um Einlaß in das Land ihrer sportlichen Wahl.
Fix und schlagfertig
Die Berufungs- und Berufsläuferin Sawtschenko hat in der Zwischenzeit nicht nur sportlich beachtlich zugelegt. "Deutsche Sprache, schwere Sprache", das gilt für sie inzwischen nicht mehr. Aljona Sawtschenko versteht nicht nur alles, was sie, die EM-Vierte und WM-Sechste dieses Jahres, zu hören bekommt, sie antwortet auch auf sämtliche Fragen fix und schlagfertig in einem ordentlichen, manchmal originellen Deutsch. Vorbei die Zeiten, da sie sich - Originalton Sawtschenko - so fühlte: "Ich war wie Hund. Ich habe alles verstanden, konnte aber nichts sagen." Wow!
Mittlerweile redet Aljona Sawtschenko mit - nicht nur auf der Eisbahn, sondern auch auf ihrer Lebenslaufbahn, die sie nach Deutschland geführt hat. Und so hat sie schon angekündigt, daß sie als nächstes den Text der deutschen Nationalhymne auswendig lernen will. "Ich möchte wissen, was da steht", sagte sie nach ihrem Sieg in Oberstdorf, "auch das kommt noch."