Home
http://www.faz.net/-gub-14bj7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eishockeyprofi Greilinger Hallodri vor dem Happy End

06.11.2009 ·  Einst als Jahrhunderttalent gefeiert, dann als untrainierbar abgestempelt und in diesen Tagen beim Deutschland-Cup auf der großen Bühne zurück: Eishockey-Nationalspieler Thomas Greilinger hat alle erdenklichen Höhen und Tiefen einer Sportlerkarriere erlebt.

Von Marc Heinrich
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Im eishockeybegeisterten Nordamerika hätten erste Drehbuchschreiber bei Thomas Greilinger sicherlich schon angeklopft und sich die Filmrechte seines Sportlerlebens gesichert. Aus dem, was er an Höhen und Tiefen durchgemacht hat, könnte ein geschickter Regisseur eine packende Episodengeschichte entstehen lassen - wie es ausschaut, hätte sie sogar ein Happy End.

In Teenagertagen galt der Bayer als Jahrhunderttalent. Als Achtzehnjähriger feierte er ein bejubeltes Debüt in der WM-Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes. Der frühe Ruhm, das räumt der gereifte Stürmer inzwischen ein, sei ihm ein wenig zu Kopf gestiegen: „Ich war schon ein Hallodri, habe sicherlich Fehler gemacht. Als junger Mensch sieht man einige Dinge einfach anders“, sagt er im Rückblick auf seine Anfangszeit als Profi. „Untrainierbar“ sei der Bursche gewesen, urteilte damals Hans Zach, und nicht nur der ehemalige Coach der Nationalmannschaft ärgerte sich, „wie so ein Toptyp seine Begabung einfach so verschleudern kann“.

„Die besten Hände aller deutschen Spieler“

Mangelnde Fitness, fehlende Leistungsbereitschaft und die Lust an allen erdenklichen Lastern waren Greilingers größte Schwächen als junger Mann. Nach einer schweren Knieoperation schien das Karriere-Aus mit Mitte zwanzig gekommen. Er zog sich frustriert in seinen Heimatklub Deggendorf zurück, wo er nach seiner Genesung nur noch als Aushilfe in der Oberliga dem Puck nachjagen wollte. Zur eigenen Überraschung und zur Verwunderung vieler Weggefährten fand Greilinger die Lust am Spiel wieder - und ihn ergriff ein bis dahin unbekannter Ehrgeiz.

Seitdem ist viel geschehen. Greilinger, inzwischen dreißig Kilo leichter als in besten Partytagen, bekam beim ERC Ingolstadt eine Bewährungschance, die er nutzte. Und wie. Vor allem Assistenztrainer Greg Thomson nahm das schlampige Genie unter seine Fittiche und hob ihn mit einem Fitnessprogramm auf ein neues Niveau. Mit Ausstiegsklauseln und einer Bezahlung pro Partie sicherte sich der oberbayerische Klub gegen einen Rückfall Greilingers ab.

Zum Topscorer der DEL aufgestiegen

Nach Eingewöhnungsproblemen erreichte der Rückkehrer immer mehr seine einstige Form, im Februar verlängerte er seinen Vertrag langfristig bis 2012. Momentan ist er mit 13 Toren und 17 Vorlagen der Topscorer der Deutschen Eishockey Liga. „Ich war ganz unten und habe mich aus eigener Kraft dank der Hilfe der Mitspieler wieder hoch gekämpft“, beschreibt er die Wendung seines Werdegangs nicht ohne Selbstbewusstsein. „Thomas hat die besten Hände aller deutschen Spieler“, meint sein Mentor Thomson.

Auch Uwe Krupp verfolgte das Comeback des einstigen Müßiggängers mit Interesse. Der Bundestrainer nominierte ihn für den „Deutschland-Cup“ in München, bei dem sich seinem Team gegen die Schweiz, die Slowakei und das „Team USA“ die letzte große Testmöglichkeit vor den Olympischen Spielen bietet. „Auf Greilinger sind wir besonders gespannt“, sagte Krupp. „Ich bin überzeugt, dass er nicht nur unser Powerplay, sondern die ganze Mannschaft besser machen wird.“

Nationalteam und Trainer unter Druck

Das wird auch nötig sein. Denn knapp ein halbes Jahr vor der Heim-WM steht sein Kader unter besonderem Druck. Krupp bekam von den DEL-Vereinen nur vier Tage Zeit, um sich vorzubereiten. „Dadurch sind mir die Hände gebunden“, sagt der ehemalige NHL-Star. Aus der miserablen Vorstellung bei den letzten internationalen Titelkämpfen im Mai in der Schweiz zog der Bundestrainer Lehren: „Wir haben versucht, ein paar weitere spielerische und taktische Variationen zu automatisieren“, sagte er, monierte aber zugleich ein weiteres Mal die ungünstigen Rahmenbedingungen, unter denen er seine Mannschaft auf die beiden kommenden Großereignisse vorbereiten muss.

„Unsere Fachleute vergessen recht schnell, dass großartige Multifunktionsarenen und fragwürdige Ansprüche, was die Stärke der DEL angeht, auf dem Eis niemanden interessieren.“ Dass die deutschen Spieler in der Liga weiter „bis auf wenige Ausnahmen untergeordnete Rollen“ innehaben und ihm selbst für das Engagement mit der Nationalmannschaft nur wenig Freiraum gegönnt wird, ärgert Krupp. Ob er nach Vancouver und der Heim-WM als Bundestrainer weitermacht, lässt er deshalb offen. „Darüber möchte ich jetzt noch nicht diskutieren“, sagt er.

Krupp vor dem Abschied?

Die Zeichen stehen eher auf Abschied. Denn die geballte Kritik nach dem WM-Debakel von Bern aus der DEL (siehe auch: Eishockey-Kommentar: Das blaue Wunder von Bern) hinterließ Spuren. Krupp lässt kaum eine Gelegenheit aus, auf die schlechten Rahmenbedingungen seiner Arbeit hinzuweisen. Die Zeit, über taktische Details zu reden, habe man „im deutschen Eishockey nur im Verein, nicht mit der Nationalmannschaft“.

Das Umfeld in der DEL sei weiterhin „kontraproduktiv für deutsche Spieler“, sagt Krupp: „Wenn ich mich mit 18 Jahren gegen zehn ausländische Profis in Köln hätte durchsetzen müssen, hätte ich auch nicht gespielt und nie den Stanley-Cup gewonnen. Trotzdem schaffen es manche Spieler, aber das sind absolute Ausnahmetalente.“

Er gab seinen Leuten vor allem eine Lektion aus seiner eigenen Laufbahn mit auf den Weg für dieses Wochenende: „Es darf in dem Moment, wenn wir spielen, nichts Wichtigeres für uns geben, als den nächsten Zweikampf zu gewinnen.“ Zumindest bei Greilinger muss er sich wohl keine Sorgen machen, dass es ihm am nötigen Ansporn mangelt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1974, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1