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Eishockeyprofi Ehrhoff : Abflug nach Europa

  • -Aktualisiert am

Ausgebremst: Christian Ehrhoff hat in Boston seine Eishockeytaschen gepackt Bild: dpa

Keine Lust auf einen Tribünenplatz: Nach 862 Spielen ist die NHL-Karriere von Christian Ehrhoff vorbei. Es ist nicht nur ein Abschied in Wehmut.

          Christian Ehrhoff wirkt wie in seiner eigenen Welt. Um ihn herum stehen, sitzen, gehen Menschen, doch der 34-Jährige ist mit seinem Telefon beschäftigt, das immer wieder klingelt. Zwischen den Gesprächen schaut Ehrhoff an diesem Montagnachmittag auf die Anzeige am Terminal E des Bostoner Flughafens. Gleich wird er nach Frankfurt fliegen, zurück in die Heimat, zurück zur Familie. Die Vorfreude ist ihm anzumerken. Ehefrau Farina sowie die Töchter Leni, Milla und Olivia hat er seit dem 21. August nicht mehr gesehen.

          Doch das Gefühl der gespannten Erwartung ist gepaart mit Wehmut. „Es ist irgendwo ein Lebensabschnitt, der zu Ende geht“, sagt Ehrhoff im Gespräch mit dieser Zeitung. Ihm ist bewusst, dass seine Zeit in der besten Eishockey-Liga der Welt vorbei ist. Wer in seinem Alter kurz vor Saisonbeginn den Flieger nach Europa besteigt, kommt nicht mehr zurück in die nordamerikanische NHL - es sei denn, er heißt Jaromir Jagr.

          Mit Schläger zum Flughafen

          Wenige Stunden zuvor hatte Ehrhoff selbst den Schlussstrich unter seine NHL-Karriere gesetzt. Es war kein Ende, wie er es sich gewünscht hatte. Kein letzter Sieg auf dem Eis, keine jubelnden Massen. Ehrhoff saß in einem Büro in der Trainingshalle der Bruins im Bostoner Vorort Brighton und bekam von Manager Don Sweeney zu hören, dass der Verein mit ihm zu Saisonbeginn als Verteidiger Nummer sieben plane. Ehrhoff sollte abermals nur Ersatzmann sein - wie schon in der Vorsaison so oft bei den Los Angeles Kings und den Chicago Blackhawks. Dabei hatte er gehofft, sich im einwöchigen Probetraining einen Platz unter den besten fünf Abwehrspielern erarbeiten zu können. Die Aussicht auf Tribüne statt Eisfläche missfiel ihm. Er lehnte ab, packte und fuhr mit Schläger, zwei Eishockeytaschen sowie einem Koffer zum Flughafen.

          Boston war Ehrhoffs letzte Chance auf einen NHL-Arbeitsplatz. Doch die Bruins setzen auf jüngere Spieler. Deshalb hatten sie bereits Ende Juni Dennis Seidenberg aus seinem bis 2018 datierten Vertrag herausgekauft. Der 35-Jährige hat nach starken Leistungen im Trikot des Team Europe beim World Cup of Hockey mittlerweile für ein Jahr bei den New York Islanders unterschrieben. Auch Ehrhoff wusste beim hochklassig besetzten Acht-Nationen-Turnier im September in Toronto zu überzeugen und hatte so das Interesse der Bruins geweckt. Seine Leistungen im Training sowie den drei Testspielen waren ansprechend - gegen den Erzrivalen Montreal Canadiens gelang ihm sogar ein Tor. Aber wenn der Verein junge Spieler einsetzen wolle, „haste als 34-Jähriger schlechte Karten“.

          Jung und motiviert: Christian Ehrhoff mit einer kirchlich geweihten Kerze, die ihm 2003 in der Bundesliga Glück bringen sollte
          Jung und motiviert: Christian Ehrhoff mit einer kirchlich geweihten Kerze, die ihm 2003 in der Bundesliga Glück bringen sollte : Bild: Picture-Alliance

          Mit seiner Familie macht Ehrhoff bis Freitag Urlaub an der niederländischen Nordsee und will die Frage nach seiner Zukunft besprechen. Angebote aus Europa gibt es genug. Die russische KHL komme „wahrscheinlich nicht“ in Frage. Ansonsten wolle er derzeit nichts ausschließen - also auch keine Rückkehr zu den Krefelder Pinguinen, seinem Heimatverein. Hier hat der gebürtige Moerser einst mit Eishockey begonnen und wurde 2003 Meister.

          Obwohl die Eltern selbst nie Schlittschuh liefen, fuhren sie mit dem Sohn nicht wie die Nachbarn zum Fußball nach Dortmund oder in die Grotenburg-Kampfbahn zu Bayer 05 Uerdingen, sondern ins Eisstadion des KEV. Was der kleine Christian sah, gefiel ihm. Bald stand er selbst auf dem Eis. Es wurde schnell deutlich, dass Ehrhoff besonders talentiert war und deutschlandweit zu den Besten seines Jahrgangs zählte. An die NHL dachte er zu jener Zeit jedoch nicht. Trotzdem gab der schussstarke Abwehrmann am 9. Oktober 2003 im Trikot der San Jose Sharks sein Debüt. Bis zum 9. April 2016 sind 861 weitere Partien hinzugekommen - von allen deutschen Eishockey-Profis weist nur Marco Sturm mehr NHL-Spiele auf.

          Stationen einer Erfolgskarriere

          Die Stationen San Jose und Vancouver listet Ehrhoff als „Highlights“. Mit beiden Vereinen gewann er die Presidents-Trophy als bestes Team der Vorrunde. Der Rheinländer zählte zu den Stützen, war für seinen Schlagschuss ebenso bekannt wie für seine läuferischen Qualitäten. „Er war eine Zeitlang einer der besten offensiven Verteidiger der NHL, vor allem in Vancouver“, lobt Seidenberg. Im Juni 2011 standen sich Ehrhoff und Seidenberg mit Vancouver und Boston im Stanley-Cup-Finale gegenüber. Erstmals in der NHL-Geschichte spielten zwei Deutsche um die bedeutendste Eishockey-Trophäe der Welt. Vancouver hatte im entscheidenden Spiel Heimrecht, verlor aber 0:4. Ehrhoff bezeichnet jenen 15. Juni 2011 neben den „schlimmen Gehirnerschütterungen 2014“ als „größte Enttäuschung“.

          Auf Vancouver folgte Buffalo - finanziell ein Volltreffer. Ehrhoff unterschrieb für zehn Jahre, verdiente 40 Millionen Dollar. Ein Viertel der Summe bekam er in der Saison 2011/12, war somit der bestbezahlte Verteidiger der NHL. Sportlich wurde der Ausflug an die Niagarafälle jedoch zum Reinfall, so dass sich beide Seiten trennten. Ehrhoff zog weiter, erst Pittsburgh, dann Los Angeles, schließlich Chicago. Große Klubs mit großen Stars. Seine Mitspieler waren unter anderem Sidney Crosby, Anze Kopitar, Jonathan Toews. Doch Ehrhoff kam aufgrund von Verletzungen, fehlendem Vertrauen der Trainer und daraus resultierenden Selbstzweifeln nicht mehr an seine Top-Leistungen heran.

          Irgendwann, sagt er, sei alles in der NHL Routine geworden, und er habe „ein bisschen den Weitblick“ verloren. Wenn er sich jedoch in Ruhe hinsetze, so Ehrhoff, und aus der Ferne auf seine NHL-Karriere blicke, merke er, wie gut er es gehabt und was für einen Traum er gelebt habe.

          Quelle: F.A.Z.

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