Wanderstiefel statt Schlittschuhe: Am ersten freien Tag, den der enge Spielplan der Eishockey-Weltmeisterschaft vorsah, zog es einen Teil der russischen Nationalmannschaft raus aus dem Hotel in der Stadt und hinein in die Natur. Das Team von Trainer Slawa Bykow gönnte sich eine Auszeit vom Turnierstress, unternahm eine Klettertour und erklomm auf sicheren Pfaden den Berner Hausberg „Gurten“, um beim Aufstieg zum Panoramarestaurant in knapp 900 Metern Höhe Kraft zu tanken für den angepeilten Gipfelsturm bei dieser WM.
Für den Titelverteidiger läuft es in der Schweiz nach Plan. Ungeschlagen zog die Sbornaja ins Viertelfinale ein, in dem es an diesem Mittwoch zur Begegnung mit der weißrussischen Auswahl kommt. Vor allem das 6:5 in der Zwischenrunde gegen Schweden war eine Demonstration der wieder gefundenen Stärke. Der aktuelle Kader der Russen findet scheinbar mühelos einen Weg, Spiele für sich zu entscheiden. Selbst Rückstände machte der Favorit, der beim Kampf um Gold wohl allenfalls die kanadischen Cracks zu fürchten braucht, durch Tempo, Technik und wenn nötig auch Härte wett. „Wir sind auf einem guten Weg“, lautete das Zwischenfazit Bykows. Mehr ist dem 48-Jährigen selten zu entlocken. Er ist einfach kein Sprücheklopfer. In seiner Heimat nennen sie ihn „den Eisernen“. Egal, ob seine Spieler Tore schießen, sehenswert kombinieren oder eine Strafzeit hinnehmen müssen - sein Gesicht zeigt meist kaum eine Regung.
2008 wurde er zum Eisheiligen
Bykow ist nicht nur Trainer der Nationalmannschaft, er ist in Personalunion auch Coach des Spitzenklubs ZSKA Moskau. Eine Leitfigur war er schon immer in seiner Karriere, spätestens im Frühjahr 2008 wurde er für seine Fans endgültig zu einem Eishockey-Heiligen. Vor zwölf Monaten triumphierten die von ihm betreuten Männer ausgerechnet bei der WM in Québec gegen Angstgegner Kanada nach Verlängerung mit 5:4 Toren. Es war der erste große Sieg nach sechzehn bewegten Jahren, in denen dreizehn Trainer daran scheiterten, in die Fußstapfen des legendären Generals Wiktor Tichonow hineinzuwachsen. Die Russen hatten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs komplette Talentjahrgänge verloren, die in den vermeintlich goldenen Westen auswanderten - zum Nachteil der Nationalmannschaft, deren Stellenwert als sportliches Aushängeschild unter dem Exodus mächtig litt.
Auch Bykow zog es damals in die Schweiz, deren Staatsbürgerschaft er seit 2006 ebenfalls besitzt, wo ihm nach wie vor ein Haus gehört, wo sein Sohn Andrej lebt und wie der Vater für den Nationalligaverein Fribourg-Gottéron Tore schießt. Auch deswegen sei diese WM „ein wenig speziell“, wie er es auf seine zurückhaltende Art ausdrückte. Mit seiner engagierten, beinahe idealistisch anmutenden Idee eines Kollektivs, „bei dem niemand auf Kosten der anderen im Scheinwerferlicht glänzen darf“, formte er Profis aus der nordamerikanischen Superliga NHL und dem neureichen russischen Gegenentwurf KHL zu einer kompakten Einheit. Ihm gelang quasi die perfekte Symbiose zwischen großer sowjetischer Eishockeykultur und der Moderne.
Bei der Heim-WM in Moskau 2007 sortierte er Topstar Alexander Semin aus, weil dieser fünf Stunden zu spät ins Camp eingerückt war; diesmal erwischte es wegen eines ähnlichen Lapsus Alexej Kowalew von den Montreal Canadiens. Verteidiger Denis Grebeschkow gefällt der aufs Neue erweckte Mannschaftsgeist: „Nur jene, denen das Team wirklich am Herzen liegt, sind bei Bykow dabei. Der Unterschied zu früher ist, dass jeder für den anderen spielt. Wir sind wieder eine Familie.“ Für die Konkurrenz verheißt das nichts Gutes.