24.04.2009 · Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft startet mit viel Selbstvertrauen in die WM in der Schweiz
Von Marc Heinrich, BernDie Zuversicht ist so groß wie lange nicht mehr. Nur scheinbar gedankenverloren lässt Uwe Krupp das Podium hinter sich. Er gibt Autogramme, schüttelt Hände, posiert für Erinnerungsfotos und kommt mit den Schulterklopfern ins Gespräch. Der Eishockey-Bundestrainer besitzt das Talent, Erlebnisse und Eindrücke zu seinem Sport so eindringlich zu formulieren, dass seine Umgebung, wenn er ins Plaudern gerät, gerne gebannt zuhört. Zumal nach einer gelungenen Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft mit vier Siegen in sechs Partien.
Und weil der Dreiundvierzigjährige im Laufe seiner Karriere gelernt hat, dass es nicht nur genügt, sportlichen Erfolg zu haben, sondern man sich und seine Ideen auch präsentieren muss, wandern seine Augen umher - auf der Suche nach dem Fernsehteam. Schließlich handelt es sich um einen bei der Nationalmannschaft nicht alltäglichen und deswegen gerngesehenen Besuch. „Unser Selbstvertrauen ist weiter gewachsen“, spricht Krupp kurz darauf überzeugt ins Mikrofon.
Nachwehen der Dopingaffäre
Bis unmittelbar vor Beginn der Titelkämpfe in der Schweiz machten der Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) noch die Nachwehen des vorangegangenen Championats zu schaffen. Ein Jahr nachdem der Verband wegen der ausgebliebenen Sperre für den Dopingprobenverweigerer Florian Busch in einen bis heute nicht ausgeräumten Konflikt mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) geraten war, fand die Hängepartie um Jochen Hecht aber auf den letzten Drücker ein vorläufiges Ende. Der Profi von den Buffalo Sabres darf von Krupp eingesetzt werden, da die Nada eine Ausnahmegenehmigung erteilte (siehe: Jochen Hecht: Aus dem Haifischbecken zur Eishockey-WM) . Der Verband musste die Erlaubnis unter großem Zeitdruck einholen, weil versäumt wurde, den Stürmer rechtzeitig in den sogenannten Testpool aufzunehmen.
Die nun vorliegende Bewilligung steht unter dem Vorbehalt, dass die Analyse einer jüngst in Übersee genommenen Probe negativ ausfällt. Mit dem Ergebnis wird bis zum Auftaktspiel an diesem Freitag gegen Russland (16.15 Uhr/ live im DSF) gerechnet. Im Idealfall wird der Wahl-Amerikaner Hecht erstmals seit vier Jahren bei der Großveranstaltung in Bern wieder für sein Heimatland stürmen - was kein schlechtes Omen sein soll: 2005 stieg die DEB-Auswahl mit ihm vorübergehend in die Zweitklassigkeit ab.
Experiment im Hinblick auf die Heim-WM
Ein ähnliches Schicksal droht diesmal definitiv nicht. Als Gastgeber ist Deutschland im nächsten Jahr automatisch gesetzt. Krupp warnte seine Leute zuletzt dennoch davor, die kommenden Prüfungen auf die leichte Schulter zu nehmen: „Das Wort Nichtabstieg haben wir aus unserem Vokabular gestrichen. Es ist egal, ob es Regularien gibt, die eine Katastrophe verhindern würden. Ich mag die Komfortzone nicht“, sagte er. Für ihn sind die kommenden Partien ein Experiment im Hinblick auf die Heim-WM: „Ich will herausfinden, welche Spieler auch unter Druck gut spielen. 2010 werden wir nämlich eine Menge Druck haben.“
International gehört die jüngere Vergangenheit zu den besseren Zeiten der deutschen Cracks. Seit Krupp die Verantwortung übernahm, veränderte sich das Erscheinungsbild wieder zum Positiven. Galt es früher bisweilen als notwendiges Übel, im Nationaltrikot zu spielen, so sind Krupps Vorstellungen in der Branche zwar nicht immer unumstritten, doch das von ihm nominierte Personal trägt seit vier Jahren seine Ideen mit und dankte für das Vertrauen stets mit Leistung. „Wir haben bewiesen, dass wir uns nicht verstecken müssen, wenn wir geschlossen auftreten“, sagte Michael Hackert, eine der Stützen des abermals verjüngten Teams. „Gute Aussichten“ rechnete sich der Mannheimer Angreifer besonders für das Duell gegen Gastgeber Schweiz am Sonntag und den Vorrundenabschluss gegen Frankreich am Dienstag aus.
Kein neues Wunder von Bern
Von den guten Resultaten der Vorbereitung ließ sich der Chefcoach bei seinen Prognosen nicht blenden. „Ein neues Wunder von Bern wird es nicht geben“, legte er sich schon fest. Doch Krupp sagte auch: „Das Viertelfinale ist sicherlich eine Sache, die wir anpeilen.“ Weil er weiß, dass die spielerische Qualität der ersten Liga seit längerem leidet, forciert er die Entwicklung der talentierten Nachwuchskräfte. Auch wenn sie erst auf Umwegen in den Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft gekommen sind. „Wer unseren Pass hat, egal ob er in Quebec geboren wurde oder in Bad Tölz, und außerdem gut in mein Konzept passt, der bekommt bei mir eine Chance“, lautet seine Überzeugung, mit der er bei Puristen in der deutschen Eishockey-Szene, die den Einbürgerungen skeptisch gegenüberstehen, auf Widerstand stößt.
Doch der anhaltende Aufschwung ist sein bestes Argument. So förderte er auch in diesem Frühjahr den Generationswechsel und gestattet in der Schweiz sechs Neulingen einen WM-Schnupperkurs. Für ihn ist das die konsequente Fortschreibung des Jugend-Stils, „der langfristig den Abstand zu den Top-Nationen ein wenig verringern soll“, wie er sagte. Sein nach oben gerichteter Blick sprach dabei für sich.