13.12.2006 · Boris Capla, Geschäftsführer der Hamburg Freezers, spricht im Interview über den umstrittenen neuen Trainer, unlautere Tricks, Fragen des guten Stils im Eishockey und die Rassismus-Vorwürfe gegen Bill Stewart.
Boris Capla, Geschäftsführer der Hamburg Freezers, spricht im Interview über den umstrittenen neuen Trainer, unlautere Tricks, Fragen des guten Stils im Eishockey und die Rassismus-Vorwürfe gegen Bill Stewart.
Unter dem neuen Trainer Bill Stewart gab es für die Hamburg Freezers gleich drei Siege. Herrscht plötzlich wieder eitel Sonnenschein auf dem "Planet Ice"?
Nein, eitel Sonnenschein herrscht nicht. Es ist gut, daß wir Spiele gewonnen haben. Daß die Zuschauerzahlen ansteigen, hat auch etwas mit der Jahreszeit und dem Spielkalender zu tun. Wir haben noch viel Arbeit vor uns, um einen Play-off-Platz zu erreichen.
Warum gelang das unter Stewarts Vorgänger Mike Schmidt nicht?
Am Anfang haben wir sehr vernünftig, gut und attraktiv gespielt. Dann ist die Mannschaft in ein Loch gefallen, aus dem sie nicht mehr herauskam. Es war wichtig, ein Zeichen zu setzen und einen richtigen Wake-up-call zu machen.
Der Wake-up-call fiel ziemlich laut aus. Schmidt war bei allen beliebt, Stewart steht nicht in diesem Ruf. War die Panik im Verein so groß, daß unbedingt ein "harter Hund" hermußte?
Es war keine Panik. Man tut Bill Stewart unrecht, wenn man ihn nur als "harten Hund" darstellt. Er ist ein außerordentlicher Fachmann und hat Teams zum Erfolg geführt. Stewart ist jemand, der alle Coaching-Tricks beherrscht und anwendet.
Manche seiner Tricks gingen über das Ziel hinaus. Heiligt der Zweck die Mittel?
Es gingen keine Tricks über das Ziel hinaus. Es gab einige Dinge, aber die hat er in Kanada und Amerika gemacht. Die liegen schon Jahre zurück . . .
. . . auch die Vorfälle in Mannheim?
Das tat er, um die Mannschaft aufzuwecken. Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob eine Flasche im Bus fliegen muß oder eine Flasche in der Kabine fliegen soll.
Er hat 2001 auch einen Schwächeanfall vorgetäuscht, um Zeit dafür zu haben, sein Team neu einzustellen.
Der Schwächeanfall war eine sehr gute Idee, um die Zeit zu gewinnen, die er für seine Spieler brauchte. Viel dümmer war, daß diese Geschichte überhaupt an die Öffentlichkeit gelangt ist. Sich dafür zu rühmen ist eine andere Sache. Jeder Trainer hat seine Art, um eine Mannschaft aufzuwecken. Über Glasscherben zu laufen, ist für manch einen auch nicht das Intelligenteste, was man machen kann. Waren alle Dinge richtig, die er gemacht hat? Das muß Bill Stewart selbst beurteilen. Waren sie alle vernünftig? Da würde ich nein sagen.
Bei den Verhandlungen mit Bill Stewart haben Sie seinen Verein Black Wings Linz davon nicht in Kenntnis gesetzt. Ist das Eishockey kein gutes Terrain für Formen des guten Stils?
Sein Agent ist an uns herangetreten. Es war bekannt, daß Stewart Linz verlassen wollte, weil er sich dort nicht wohl fühlte. Jeder Klub verhandelt mit Spielern oder Trainern, auch wenn sie anderswo noch unter Vertrag stehen. Wir machen nichts, was Linz nicht auch macht.
Sie machten in der Pressekonferenz einen überraschten Eindruck, als plötzlich davon die Rede war, daß Stewart den dunkelhäutigen Wiener Mentalcoach Chris Hamilton rassistisch beleidigt hätte. Hatten Sie sich nicht ausreichend informiert?
Wir wußten nichts davon. Es war eine Geschichte, die nicht in der Öffentlichkeit war. Sie ist am Freitag abend passiert. Wir haben am Samstag nachmittag den Wechsel gemacht. Wir konnten es nicht wissen.
Wäre Bill Stewart heute Trainer in Hamburg, wenn Sie von der Geschichte Kenntnis gehabt hätten?
Wir hätten mehr Klärungsbedarf gehabt, keine Frage. Wenn man irgendwo nicht dabei ist, muß man erst einmal wissen, warum welche Dinge passiert sind. Fakt ist: Die Äußerung gehört nicht in den Sport.
Stewart hat die Worte "Go home, fucking nigger" benutzt. Die meisten Menschen halten das für eine rassistische Beleidigung. Können Sie das nachvollziehen?
Erst einmal ist das eine Beleidigung. Jeder wird sie anders zuordnen. Wenn wir als "Scheiß Hamburger" bezeichnet werden oder wenn man als "Scheiß Tscheche" oder "Scheiß Slowake" tituliert wird, weiß ich nicht, ob das rassistisch ist oder nicht. Im Sport geht man sehr direkt miteinander um. Bill Stewart hat sich bei Chris Hamilton entschuldigt. Die beiden sind Freunde.
Kann eine Mannschaft gegen den Trainer spielen?
Ja, das kann sie.
War das der Fall bei Mike Schmidt?
Nein, die Mannschaft wollte mit ihm weitermachen. Das hat die Situation auch so schwierig gemacht. Keiner wollte die Trennung, auch ich nicht. Aber manchmal verliert ein Trainer seine Magie.
Hoffen Sie, daß bei seinem Nachfolger Bill Stewart die Altersweisheit einsetzt?
Er hat einen Punkt in seiner Trainerlaufbahn erreicht, an dem er nicht mehr alles dafür tun muß, um zu gewinnen. Er hat bewiesen, daß er gewinnen kann. Trainer, die erfolgreich sind, wandeln auf einem sehr schmalen Grat. Sie verstehen es, aus einer Mannschaft über einen langen Zeitraum das Maximum herauszuholen. Und es ist nicht immer mit normalen Mitteln möglich, das Maximum aus Menschen herauszuholen. Es ist dann auch mal gefragt, Dinge zu tun, die in anderen Bereichen vielleicht als verrückt gelten.
Das Gespräch führte Christian Görtzen.