02.11.2009 · In Amerika war Jeff Friesen ein Star. Er wurde zweimal Eishockey-Weltmeister und holte den Stanley Cup. Nun spielt er in einer Stadt namens Berlin. Dort kennt er nicht viel mehr als die O2-World und Starbucks.
Von Thomas Klemm, BerlinGanz Berlin ist eine Gedenkstätte, in diesen Tagen noch mehr als sonst. Auf Plätzen, Plakaten und Litfaßsäulen wird in der einst geteilten Stadt überall darauf hingewiesen, dass sich der Fall der Mauer in einer Woche zum zwanzigsten Male jährt. An den Zeichen der Wiedervereinigung kommt in Berlin kein Tagestourist vorbei; nur ein Mann, der seit zwei Monaten in Berlin-Mitte wohnt, einen Steinwurf vom Checkpoint Charlie entfernt, hat von dem Drumherum nicht viel mitbekommen.
„Ach, wirklich?“, antwortet der 33 Jahre alte Jeff Friesen auf die Frage, ob er wisse, dass er im einst abgeriegelten Teil der Stadt wohne. Um die Umgebung zu erkunden, sagt Friesen, habe er sich nur ein paar Stunden Zeit nehmen können, als seine in Deutschland geborene Mutter ihn neulich besucht habe. Ansonsten sei nicht viel mehr möglich, als regelmäßig bei Starbucks den Kaffee zu holen: „Schließlich habe ich hier einen Job zu erledigen.“
977 NHL-Spiele, Stanley-Cup-Sieger, Weltmeister
Was der Kanadier lässig als „Job“ bezeichnet, ist für seinen Arbeitgeber eine Riesensache: Die Berliner Eisbären sind vor dieser Saison angetreten, in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) ihre dritte Meisterschaft nacheinander und die fünfte in sechs Jahren zu gewinnen. Und wer könnte dem Seriensieger dabei besser zu Gesicht stehen als ein NHL-Champion, der in der amerikanischen Profiliga nicht nur 977 Spiele hinter sich gebracht, sondern 2003 mit den New Jersey Devils auch den Stanley Cup gewonnen hat und obendrein zweimal mit dem Team Canada Weltmeister geworden ist? „Von seiner Erfahrung auf absolutem Topniveau können wir profitieren“, sagt Eisbären-Manager Peter John Lee.
Noch aber scheint Jeff Friesen nicht richtig angekommen zu sein in Berlin. Er pendelt vor allem zwischen dem ollen Wellblechpalast in Hohenschönhausen, wo die Eisbären werktags trainieren, und der tollen O2-World nahe dem Ostbahnhof, in der das DEL-Team an Wochenenden seine Heimspiele absolviert. Über die Herkunft des Klubs, der im letzten DDR-Jahrzehnt einer von zwei verbliebenen Eishockeyvereinen war, weiß er nichts. Auch dass die Fans ihr Team noch heute unter dem alten Namen „Dynamo“ anfeuern, hat Friesen noch nicht gehört. Sein Job beschränkt sich aufs Eisoval: „Ich bin wirklich glücklich, bei den Eisbären einen Vertrag bekommen zu haben.“ Was wie eine Floskel klingt, die nordamerikanische Gastarbeiter immer und überall von sich geben, zeugt bei Friesen durchaus von Demut.
Berlin statt Karriereende
Jeff Friesen ist ein bisschen bescheidener geworden in den vergangenen zwei Jahren. Der Mann, der im Alter von fünf Jahren in der kanadischen Provinz Saskatchewan das Eishockeyspielen begann und bei fünf NHL-Teams unter Vertrag stand, hat zwei Spielzeiten völlig versäumt - eine kleine Ewigkeit im Eishockey. Ein Leistenbruch, den er zu lange ignorierte, und anschließend Nervenprobleme zwangen ihn zu dieser Pause. Sogar dem möglichen Karriereende musste Friesen ins Auge blicken. „Ich habe zwar viel an meiner Fitness gearbeitet, kam aber nicht mehr auf das Niveau, das in der NHL gefordert ist.“ Weil kein nordamerikanischer Klub das Wagnis eingehen wollte, den Rekonvaleszenten zu verpflichten, war der zuvor gefeierte Flügelstürmer plötzlich arbeitslos. „Man lernt, sehr geduldig zu sein“, sagt er. Im vorigen August meldete sich dann Berlin.
Eigentlich war das Eisbären-Team schon komplett gewesen: Manager Lee vertraute auf den Erfolgskader aus der Vorsaison, die wenigen Abgänge waren ersetzt worden durch eine Handvoll neuer Profis. Doch kurz vor Liga-Start erhielt Lee einen Anruf von Marco Sturm, deutscher NHL-Profi bei den Boston Bruins und ein guter Freund Jeff Friesens. Sein kanadischer Kumpel finde keinen Klub in der NHL, erklärte Sturm und fragte, ob sich denn die Eisbären vorstellen könnten, Friesen zu verpflichten. Daraufhin tat der Berliner DEL-Klub etwas, was im Falle eines gewöhnlichen Profis eine ganz normale Angelegenheit ist, bei einem hochdekorierten Eishockeystar aus der stärksten Liga der Welt aber als Affront hätte ankommen können: Lee lud den NHL-Star nach Berlin zum Vorspielen ein. „Es war wie eine Bewährungsprobe“, sagte Friesen, „aber das Training bei den Eisbären ist gut für mich, um wieder mein altes Niveau zu erreichen.“
Durchschnittlicher Saisonstart
Noch ist der Angreifer ein Stück von seiner Bestform entfernt. Gut in die DEL-Saison gestartet, stagniert Friesen auf gehobenem Niveau. Nach 16 Saisonspielen kommt er auf 14 Punkte (fünf Tore, neun Vorlagen); das ist ein guter, aber kein überragender Wert. „Wir haben noch nicht unser bestes Eishockey gespielt“, sagt Friesen, „auch ich muss noch viel besser werden.“ Die Selbstkritik kommt an beim Klub, der am Sonntag bei den Mannheimer Adlern die Tabellen antreten muss. Auch Don Jackson ist noch nicht restlos überzeugt von den Auftritten seines Stars. Friesen habe „aus der NHL die Angewohnheit mitgebracht, möglichst oft den leichten Weg zu gehen“, sagt der Trainer.
Jeff Friesen - ein Drückeberger? Er selbst versteht sich als einer, der ohne Allüren auch mal die Drecksarbeit übernimmt. Eine Tätowierung auf dem linken Oberarm gehört zu seiner Selbstdarstellung: „21st century warrior“ steht dort. Der Kanadier mit den Knopfaugen und dem ausgeprägten Familiensinn als Krieger? Kaum vorstellbar. Aber Friesen sagt: „Natürlich ist Eishockey ein Spiel, aber auch eine Schlacht. Um dich in der NHL durchzusetzen, musst du körperlich und geistig knallhart sein.“
Die Großeltern nennt er Oma und Opa
Weich wirkt Jeff Friesen vor allem dann, wenn er über seine Familie spricht, die daheim in Kalifornien geblieben ist und nur alle paar Wochen mal nach Deutschland kommt. Seine Gattin Rhonda sei „eine starke Frau“, die sich rührend um die vier Jahre alte Tochter Kaylee, den neun Monate jungen Sohn Benjamin und eine Handvoll Hunde und Katzen kümmere. Ohne seine Familie in der Fremde leben zu müssen, sagt Friesen, „das ist ein Opfer, das ich für den Job bringen muss. Meine Frau weiß aber, wie sehr ich Eishockey liebe. Ihr Rückhalt hilft mir.“
Dabei könnte sich Friesen auch hierzulande heimisch fühlen. Seine Mutter ist in Deutschland geboren, ebenso seine Großeltern, die er „Oma and Opa“ nennt. Und auch die Namen der hiesigen Spezialitäten „Rouladen and Currywurst“ kommen dem Kanadier mühelos über die Lippen. Nicht zu erwarten ist von Jeff Friesen allerdings das Bekenntnis „Ick bin ein Berliner“, mit dem John F. Kennedy während des Kalten Krieges aufhorchen ließ. Jeff Friesen, der sich mit seinen 33 Jahren jung und frisch fühlt und noch „bis nahe an die 40 heran“ Eishockey auf höchstem Niveau spielen will, bleibt ein DEL-Star auf Abruf.