Keine Sentimentalitäten bitte! Er fordert das mit keinem Wort, aber er vermittelt diesen Eindruck. Nein, das würde nicht zu Robert Müller passen. Selbst nicht in dieser Lebenssituation. „Die letzte Eiszeit“ hat „Der Spiegel“ seinen Beitrag über den Eishockey-Torhüter betitelt. Nach dieser Schlagzeile hat Marc Müller, der Mannschaftsleiter der Kölner Haie, weder verwandt noch verschwägert mit Robert Müller, die Geschichte gar nicht erst lesen wollen. Weil er nicht akzeptieren will, was da fettgedruckt als Fakt vorweggenommen wird: die Aussichtslosigkeit des Robert Müller im Kampf gegen den bösartigen Tumor in seinem Kopf. Sein Auftritt auf dem Eis am Freitag in Duisburg möchte man als Dementi auf alle Prognosen deuten. Müller ist an diesem Abend, an dem seine Mannschaft 2:3 in der Verlängerung bei den Füchsen verliert, der Gefragteste. Dabei hat er gar nicht gespielt. Aber er ist nach seiner zweiten Operation, nach schlauchenden Therapien wieder auf dem Posten. Der Trainer hat ihn als Ersatzmann des verletzten Ersatzmanns nominiert. Ein zweiter Neuanfang nach dem letzten Eingriff am 18. August.
Robert Müller betritt als Erster das Eis. Als es gilt, als sich das Team im Kabinengang formiert, schicken sie ihren Goalie vor. Er dreht ein paar Runden auf dem Eis, bevor er sich auf die Spielerbank hockt. Am äußersten linken Rand, in voller Montur, Fanghandschuh links. In den ersten Minuten der Partie stützt er die Unterarme auf die Bande, lehnt sich weit vor, als wolle er die Distanz zum Spielgeschehen verkürzen. Später wird er sagen, dass der Empfang durch das Publikum „Gänsehaut pur“ war. Die Fan-Lager einte das Votum pro Müller. Sie hielten quadratische Papierbogen mit der Ziffer „80“ hoch, gefolgt von Sprechchören: „Robert Müller, Robert Müller.“ Die „80“ ist seine Rückennummer, in Anspielung auf sein Geburtsjahr 1980.
Die Heilungschance? Hier und heute ein Tabu
Die Schirmmütze hatte er sich tief in die Stirn gezogen und behielt sie auch auf, als ihm nach der Schlusssirene Fragen gestellt wurden. Jene große Narbe, von der einen Schläfe zur anderen, äußeres Zeichen der Operation, blieb verborgen. Nach Gefühlen wurde nicht gefragt, aber nach gefühlten Fakten. Seine momentane Leistungsfähigkeit sehe er bei „achtzig Prozent“. Die Heilungschance? Hier und heute ein Tabu. Wie könnte man auch. Er befindet sich nach allem, was vom behandelnden Arzt zu hören ist, in der Verlängerung. Den meisten Menschen bleibt weniger als ein Jahr Lebenszeit nach der Entdeckung, weil der Tumor vierten Grades so rasend schnell wächst. Statistisch schaffen nur drei Prozent der Patienten mit Müllers Krankenbild gerade mal fünf Jahre. „Robert Müller“, so wird Professor Wolfgang Wick zitiert, „ist schon über die mittlere Lebenserwartung bei dieser Art von Tumoren hinweg.“ Im November 2006 hat sich Müllers Tumor erstmals gemeldet, er ist umgehend operiert worden. Damals war der Bayer nach drei Monaten zurück auf dem Eis. Jetzt sind 198 Tage vergangen.
Auf dem Stehplatzrang in Duisburg haben sie ein Transparent entrollt, das Mut machen soll. „Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzt, dann ist es der Glaube an die eigene Kraft!“, steht da. Franz Fritzmeier, der Manager der Füchse, kennt Müller von Kindesbeinen an. Er hat seinen Spezi, kaum dass dieser dem Mannschaftsbus entstiegen ist, in Empfang genommen und „keinen Unterschied zu früher ausgemacht. Es war ein Gespräch wie vor zehn Jahren.“ Natürlich hätten sie auch über den Kampf gegen den angeblich übermächtigen Gegner gesprochen. „Er strotzt vor Zuversicht“, gibt Fritzmeier seinen spontanen Eindruck wieder. Er deckt sich mit allem, was aus Kölner Kreisen zu hören ist. Marc Müller, so etwas wie der gute Geist der Haie, gesteht seine Ohnmacht im Fall Robert ein und stellt zugleich fest: „Er ist wie immer - freundlich, witzig, schlagfertig, will nicht groß drüber reden, will ganz normal behandelt werden.“
Nach außen tut er den Krebs ab wie ein Gegentor
Normal, Normalität sind die Stichworte, mit denen Robert Müller fremdelnden Gesprächspartnern über die Hürden hilft. Nach außen tut er den Krebs ab wie ein Gegentor auf dem Eis. Das habe ihn im Sport ausgezeichnet, markant unterschieden von anderen im Kasten, sagt Fritzmeier. Das Negativerlebnis verstehe Müller auszublenden, agiere anschließend so, als wäre nichts geschehen. Sonst hätte er ja auch nicht als Nationaltorhüter Karriere gemacht. Er ist einer, der auf die Teilnahme an neun Weltmeisterschaften zurückblicken kann - die letzte im Mai. Am Schauplatz Halifax haben die kanadischen Zeitungen Storys über den wundersamen Mann publiziert, der den Krebs besiegte.
Dabei hat Robert Müller stets mehr geahnt als gewusst, dass da immer noch etwas kommen kann. Wie so viele andere mit seinem Krankenbild. Es mögen hierzulande Hunderte, vielleicht Tausende mit einem ähnlichen Schicksal sein. Aber keines ist so publik wie das des Torhüters Müller. Er hat die Publizität nicht gesucht. Er nimmt sie als gegeben, weil er sich nicht verkriechen will und kann. Er ist besessen von der Idee, wieder hundert Prozent für seinen Sport zu bringen. Der Einsatz dafür verschafft ihm keine Immunität, aber vielleicht gewährt ihm seine Mission einen Aufschub. Wenn es einer schafft, dann Müller, so der Tenor. Dieter Hegen, heute Trainer in Duisburg, einst gemeinsam mit Müller im Team vom Sportbund Rosenheim, schwärmt: „Ein Supertyp.“ In der Heimat galt Müller seinerzeit als „John Travolta von Rosenheim“. Und heute? „Man soll die Hoffnung nicht aufgeben.“
„Auf der Bank zu sitzen ist das Schlimmste, was es gibt“
Fünf Fernsehteams waren am Freitag angerückt, um dem Phänomen Robert Müller auf die Spur zu kommen. Erst sprach er von seiner Familie, die ihm Kraft gebe, dann vom „Lebensstil Eishockey“. Die Kumpels in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) werden am ehesten verstanden haben, was damit gemeint ist. Die Geborgenheit in einem Kreis Gleichgesinnter, „die ungemein hilft“. Müller ist, wenn es um Sport geht, ein Getriebener, Besessener. „Sport ist sein Leben“, charakterisiert ihn Fritzmeier, einst sein Coach in der Jugend-Nationalmannschaft. Müller konnte und kann nicht genug kriegen vom Eishockey. Im Training der „U 16“ agierte er vormittags als Stürmer, am Nachmittag stellte er sich ins Tor. „Wo er war, hat er für Aufbruchstimmung gesorgt“, erinnert sich Fritzmeier. Bei seinem kurzen Gastspiel vorige Saison bei den Duisburger Füchsen war das nicht anders. Da war Müller von den Mannheimer Adlern zum Tabellenletzten gewechselt, weil er beim deutschen Meister keine rechte Perspektive mehr sah. Die Ersatzbank ist nämlich nichts für einen wie Müller.
„Auf der Bank zu sitzen ist das Schlimmste, was es gibt“, sagte er am Freitag. Er brennt also wie eh und je auf ein Comeback. Nach seiner ersten Operation hat er es zurück in die Nationalmannschaft geschafft und auf dem Umweg über Duisburg auch zur Stammkraft in Köln, ausgestattet mit einem Vertrag bis 2010. Für immer werden sie sich am Rhein an das Play-off-Duell in diesem Frühjahr mit den Mannheimer Adlern erinnern, das erst nach 111 Minuten und 29 Sekunden beendet war. Die Haie siegten. Mit Teufelskerl Müller im Tor, der das Spiel seines Lebens machte. Heute würde man das so wohl nicht mehr nicht formulieren, aber warum eigentlich nicht? „Wir betrachten und behandeln ihn als normalen Spieler“, sagt Haie-Manager Rodion Pauels. Danach gab Robert Müller sein knappes Statement. Ganz so, als gäbe es nicht viel zu sagen, aber viel zu tun in der Verlängerung.
Die Mannschaft im Bus wartete auf ihn. Sie vermittelt ihm das belebende Gefühl, auf ihn zu setzen, ungeachtet aller Prognosen. Man ertappt sich bei dem Wunsch, dass die „80“ seine Lebenserwartung anzeigen möge. Aber man soll nicht zu viel verlangen.
Solche Männer braucht das Land...
Mark Sein (realcuse)
- 15.11.2008, 16:44 Uhr