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Eishockey : Ungestillte Sehnsucht

Ein besonderes Erlebnis: Marcel Goc bejubelt seinen Treffer gegen Nürnberg. Bild: Imago

Marcel Goc und die gerupften Mannheimer Adler arbeiten nach einer „schwierigen Zeit“ an einem neuen Meisterstück. Nach fast acht Monaten Pause, ist der Profi nun wieder vollständig belastbar.

          Wenn er verschmitzt lächelt, kommt bei ihm das für Eishockey-Profis typische Merkmal zum Vorschein: Die markante Zahnlücke im Oberkiefer zeugt von den unkalkulierbaren Risiken und Nebenwirkungen in diesem Geschäft. Marcel Goc steht an diesem Abend in den Katakomben der Mannheimer Arena und zieht zufrieden Bilanz. Fast acht Monate musste er außen vor bleiben. Seit rund acht Wochen ist der Profi nun wieder vollständig belastbar, sodass er sich ohne Zurückhaltung in den Kampf um den Puck stürzen kann. Den Hinweisen der Ärzte und Physiotherapeuten zufolge, in deren Hände er sich nach seinem Kreuz- und Außenbandriss im vergangenen Winter begab, hat sich der 34-Jährige weiterhin aber auch in Geduld zu üben. Es brauche, sagen die Mediziner, bei einer Verletzung dieser Dimension üblicherweise genauso lange, sein vorheriges Leistungsniveau zu erreichen, wie zuvor die Zwangspause gedauert habe. Ausnahmen bestätigten freilich die Regel.

          Geschont hat sich der gebürtige Schwarzwälder in seiner Laufbahn noch nie, wenn es darum ging, seine Sache als Center möglichst gut zu machen. Am Sonntag, beim 2:1-Sieg nach Verlängerung gegen die Nürnberg Ice Tigers, traf Goc mal wieder. Für ihn ein besonderes Erlebnis, wie am Jubel mit geballten Fäusten erkennbar war. Denn: Es war sein erster Treffer in dieser Saison vor eigenem Publikum. Er ebnete den Adlern Mannheim den Weg zum fünften Erfolg in Serie, der den Klub in der Tabelle der Deutschen Eishockey Liga (DEL) auf den vierten Platz vorrücken ließ. Nach zwanzig Spieltagen ein „recht solides“ Zwischenresultat, wie Goc urteilt. Er, der frühere NHL-Star, konnte dazu erst zwei Tore beitragen. Goc kommentiert es gelassen: „Ich bin froh, dass ich nach so einer Verletzung wieder auf dem Eis stehen kann. Nun will ich mich weiter verbessern.“ Goc kehrte im Herbst 2015 als gereifter Spieler aus der nordamerikanischen Wahlheimat in die Kurpfalz zurück, wo einst seine Karriere entscheidenden Schwung aufnahm. Bei den Adlern will er ein Ziel verwirklichen, dem er zuvor bei den Schwenninger Wild Wings, San Jose Sharks, Nashville Predators, Florida Panthers, Pittsburgh Penguins und St. Louis Blues zwar nahe kam, aber es trotz allem nie erreichte: Er möchte seine Sehnsucht nach einem Meistertitel stillen.

          Den Adlern gelang das Kunststück zuletzt vor zwei Jahren, seitdem war in den Play-offs spätestens im Viertelfinale Schluss, daran konnte auch die Mithilfe Gocs nichts ändern. Ihren Status als Branchenprimus verloren sie inzwischen an den EHC München, der sich zuletzt zweimal als Maß aller Dinge entpuppte und auch aktuell wieder als Spitzenreiter beste Aussichten genießt. Anders als in der Vergangenheit bewiesen die Adler nach ihrem enttäuschenden Abschneiden im Frühling bei der Kaderplanung im Sommer diesmal Gelassenheit und tauschten nicht wieder einen Großteil des Personals aus, sondern suchten gezielt nach Verstärkungen. Ihr Budget unterstreicht ihre Ambitionen. Es beläuft sich dem Vernehmen nach auf rund zwölf Millionen Euro, nur den vom Getränkekonzern Red Bull unterstützten Münchnern steht mehr Geld zur Verfügung (12,5 Millionen).

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          Doch die Hoffnungen, die Adler-Manager Teal Fowler und Trainer Sean Simpson mit ihrem moderaten Kaderumbau verbanden, erfüllten sich nicht auf Anhieb. Sie erhielten zwar den genesenen Nationalmannschaftskapitän als Anführer zurück, doch unlängst blieb keine ihrer Reihen von Ausfällen verschont. Gegen Nürnberg fehlte gleich eine Handvoll Cracks, die eigentlich für Führungsfunktionen vorgesehen sind. Den Verzicht auf die Stürmer Ryan MacMurchy (Nackenverletzung), David Wolf (Beinverletzung) sowie die Verteidiger Mathieu Carle (Handgelenksbruch) und Denis Reul (Handverletzung) hatte Simpson eingeplant, während ihn der Wegfall von Carlo Colaiacovo jedoch unvermittelt erwischte.

          Der Kanadier wurde zum Auftakt des Wochenendes beim Auftritt in Ingolstadt (1:0) vom gegnerischen Verteidiger Fabio Wagner so hart attackiert, dass die Disziplinarkommission der DEL den Übeltäter nachträglich für vier Partien sperrte; Colaiacovo wird den Adlern wesentlich länger fehlen. Seine Blessur am Knie sei „sehr schwer“, sagte Manager Fowler. Der Verteidiger werde mindestens acht Wochen nicht zur Verfügung stehen.

          Auf die Personalnot reagierten die Mannheimer unter anderem mit einer vorzeitigen Beförderung von Nachwuchstalenten; so kamen der erst 16 Jahre alte Moritz Seider sowie der 18-jährige Pierre Preto zu ihren DEL-Debüts. Goc sagte, er halte es für ein vielversprechendes Zeichen, wie die gerupften Adler zusammengerückt seien und jeder akzeptiert habe, „dass Rollenwechsel in solchen Situationen dazu gehören“. Simpson sprach von „einer schwierigen Zeit“ und fügte an, dass er stolz sei, wie sein Team reagiert habe: „Das spricht für unseren Geist.“

          An diesem Dienstag wartet in der Champions League in Schweden bei Brynäs IF die nächste Prüfung, ehe in der Liga wegen des „Deutschland Cups“ der Nationalmannschaft vorübergehend der Betrieb ruht. „Vier bis fünf Tage Pause“ will Simpson allen Spielern gönnen, die nicht zu internationalen Einsätzen angefordert wurden. Bundestrainer Marco Sturm befreite Goc von der Zusatzschicht in der Einstimmung auf Olympia: „Für ihn ist es einfach besser, dass er die Woche nutzt, um den Akku wieder aufzuladen“, begründete Sturm seine Rücksicht auf die Gesundheit des Routiniers, „in dieser Saison passiert noch viel“ – und gerade Goc ist dabei dank seiner Erfahrung als Wegbereiter vorgesehen. Nicht nur in Mannheim.

          Quelle: F.A.Z.

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