08.11.2007 · Michael Wolf hat sich beinahe unbemerkt zu einem der besten deutschen Eishockeyspieler entwickelt. Der Torjäger liebt das Leben in der Provinz, widersteht noch dem Lockruf des Geldes und gehört zu Bundestrainer Uwe Krupps Lieblingen.
Von Marc Heinrich, KölnNie war der Name passender als in diesen Tagen. Im vierzehnten Jahr nach ihrer Gründung trägt die Deutsche Eishockey Liga (DEL) ihre Bezeichnung endlich zu Recht. So viele Einheimische wie in dieser Saison haben noch nie ihre Schlittschuhe für die mittlerweile 15 Profiklubs geschnürt - der Anteil der Gastarbeiter ist mit 36 Prozent auf einen Tiefststand gesunken. Vorbei die Zeiten, als in Folge des Bosman-Urteils, vor allem nordamerikanische und osteuropäische Importspieler das Gros der Mannschaften bildeten.
Aktuell dürfen nur noch elf der zweiundzwanzig am Spieltag eingesetzten Cracks Ausländer sein, und die Regel wird auf Bestreben von Bundestrainer Uwe Krupp und dem Deutschen Eishockey-Bund weiter verschärft: von Mitte 2008 an wird die Höchstzahl der Legionäre auf zehn begrenzt. Wobei schon heute ein interessanter Trend zu beobachten ist, wie DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke sagt: „Viele Teams schöpfen ihr Ausländerkontingent überhaupt nicht mehr aus, weil die jungen deutschen Spieler so gut geworden sind.“
Verjüngungskur zahlt sich aus
Eine Erfahrung, die Krupp aus seiner Arbeit mit der Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes bestätigen kann. Im Mai überzeugte die radikal verjüngte Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Moskau mit dem Erreichen des neunten Platzes - ein Jahr nach dem Wiederaufstieg aus der Zweitklassigkeit ein vorher von vielen Kritikern kaum für möglich gehaltener Achtungserfolg. An diesem Wochenende beim Deutschland-Cup probt Krupp mit seinen Leuten für den nächsten Ernstfall: bei den kommenden Titelkämpfen an prestigeträchtiger Stätte in Kanada will man sich endgültig wieder im Kreis der besten Nationen etablieren.
Große Hoffnungen setzt der Bundstrainer vor dem Einladungsturnier in Hannover, das mit der Partie gegen das „Team USA“ an diesem Donnerstag beginnt (19.30 Uhr/FAZ.NET-Liveticker) auf einen Senkrechtstarter, der seit Wochen mit seinen Leistungen in der DEL für Furore sorgt: Michael Wolf, 26 Jahre alt, kaltschnäuziger Vollstrecker vom Dienst bei dem Underdog-Verein Iserlohn Roosters: in den ersten 19 Spielen erzielte er bereits 21 Treffer. Seit 1992 war kein Deutscher mehr Torschützenkönig in der höchsten Eishockey-Klasse - Wolf hat beste Chancen, das Gesetz der Serie zu brechen.
Auf einer Ebene mit den Weltstars
Für Krupp, der die Endspielteilnahme am Sonntag als Ziel ausgegeben hat, ist der Höhenflug des auf einen flüchtigen Blick schmächtig wirkenden Angreifers keine Überraschung: „Ich habe ihm vor der Saison gesagt, dass ich ihn in der Scorerliste der Liga oben sehen möchte. Er hat international bewiesen, dass er das Zeug dazu hat.“ Die Motivationshilfe des einstigen Stanley-Cup-Gewinners scheint in vielerlei Hinsicht zu fruchten.
Für Wolf, im Frühjahr in Russland neben den Weltstars Jewgeni Malkin (Russland) und Eric Staal (Kanada) mit fünf WM-Treffern beste Offensivkraft, „passt seit langem alles zusammen. Mittlerweile gehen auch die Dinger rein, die früher nicht rein gingen“, sagt der Bayer, der im Sauerland heimisch geworden ist. Wechselangebote namhafterer Klubs, darunter in diesem Sommer von Meister Mannheim und den Kölner Haien, lehnte der gebürtige Füssener ab: „Geld ist nicht alles“, sagte er, nachdem er stattdessen seinen Vertrag bei den Roosters bis 2010 verlängerte. „Ich bin noch jung, ich kann auch mit 28 noch woanders spielen“, ist er sich sicher.
Lukrative Angebote ausgeschlagen
In Iserlohn fühlt sich der zurückhaltende Zeitgenosse wohl, in der (Sport-)Provinz, hat er sich die Anerkennung seiner Kollegen und der Fans erarbeitet, ins Rampenlicht drängt er sich freilich nicht. Als ihn Iserlohns Manager Karsten Mende vor zwei Jahren aus Essen verpflichtete, galt er als veritabler Zweitligastürmer - mehr aber auch nicht. „Ich war mir damals nicht sicher, ob ich den Sprung wagen sollte“, erinnert er sich.
Inzwischen ist sein Selbstvertrauen gewachsen, auch dank der Wertschätzung durch Krupp. Der Trainer strich ihn vor Olympia in Turin und der B-WM jeweils kurz vor dem Auftakt aus dem Kader. „Nachher habe ich mich aber jedes Mal geärgert, dass ich ihn nicht mitgenommen habe“, gibt der Bundestrainer heute zu. Dieser Fehler unterläuft ihm nicht mehr. Am Mittwochabend beim 4:2-Testsieg gegen die Vereinigten Staaten in Köln erzielte Wolf sein 13. Tor im 29. Länderspiel. Eine ähnliche beachtliche Erfolgsquote hatte zuletzt das frühere deutsche Eishockey-Idol Dieter Hegen - ob er will oder nicht: Scharfschütze Wolf wird fortan an den großen Namen seiner Zunft gemessen.