Home
http://www.faz.net/-gub-12mlm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eishockey-Kommentar Das blaue Wunder von Bern

02.05.2009 ·  Der Schauplatz eines der bis heute größten deutschen Sporttriumphe lag hundert Meter von der Berner Eishockey-Arena entfernt. Dort erlebte die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft auch ein Wunder - allerdings ein blaues.

Von Marc Heinrich
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der Schauplatz eines der bis heute größten deutschen Sporttriumphe lag hundert Meter von der Berner Eishockey-Arena entfernt. Hier gelang der Fußball-Nationalelf 1954 ein Erfolg von historischer Bedeutung. 55 Jahre später erlebte die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) auf dem Gelände des einstigen Wankdorf-Stadions ihr blaues Wunder: Mit dem 1:2 gegen ein Team von französischen Halbprofis und dem Verpassen der Zwischenrunde bei der Weltmeisterschaft steht der Verband vor einem Scherbenhaufen. (siehe: Eishockey-WM: Mal wieder am Tiefpunkt und Eishockey-Trainer Krupp: „Der Trainer kriegt es immer als Erster ab“)

Die zuletzt spürbare Aufbruchstimmung ist wieder verschwunden. Die (psychologische) Aufbauarbeit muss unter Zeitdruck von neuem beginnen. Schon das Frühjahr 2010 soll Eishockey-Festspiele bieten, die es so hierzulande noch nicht gab: Gelsenkirchen, Köln und Mannheim sind Veranstaltungsorte der kommenden WM. Für die deutsche Eröffnungspartie in der Arena „Auf Schalke“ wurden bereits mehr als 65.000 Eintrittskarten verkauft, ein Zuschauer-Weltrekord und der Eintrag ins Guinness-Buch sind das Ziel. Die Perspektiven muten grotesk an in Anbetracht der Ausgangslage. Nur der Tatsache, dass die Ausrichter-Nation im Spielplan gesetzt wird, ist es zu verdanken, dass kein Absturz in die Zweitklassigkeit droht. Für die Fans ist die Sachlage deswegen klar: „Uwe, das ist dein letztes Spiel!“, höhnten sie während der Blamage gegen die Franzosen und eröffneten damit die Diskussion um Bundestrainer Krupp.

Eishockey-Gastarbeiter als Hindernis

Doch die DEB-Führung sollte in dieser heiklen Situation kühlen Kopf bewahren. Eine Ablösung des Wahl-Amerikaners würde die Krise noch verschlimmern. Keine Frage: Krupp, unter dessen Regie es zuletzt in kleinen Schritten aufwärtsging, besaß diesmal kein glückliches Händchen bei der Personalauswahl. Seine Entscheidung, lediglich drei Spieler des Meisters aus Berlin und nur ein Duo des Finalgegners Düsseldorf mitzunehmen, weckte zwar in der Vorbereitung Hoffnungen. Aber das Konzept, auf eingespielte Reihen mit Akteuren zu setzen, die früh in den Play-offs ausgeschieden waren, entpuppte sich beim WM-Stresstest als nicht konkurrenzfähig. Den Auserwählten flatterten entweder die Nerven, oder es fehlte ihnen an Können.

Die Ursache für den Misserfolg ist aber grundsätzlicherer Natur. Negativ auf die Qualität der Nationalspieler wirken sich seit Ewigkeiten hausgemachte Probleme aus. Während beispielsweise die Schweiz durch konsequente Nachwuchsförderung den Anschluss an die Spitzennationen schaffte, greift die Deutsche Eishockey Liga (DEL) nach wie vor lieber auf kostengünstigere Gastarbeiter zurück. Die Eidgenossen verpflichteten ihre Vereine dazu, jeweils jährlich mindestens 400.000 Euro in die Arbeit mit Talenten zur investieren, wenn sie ihre Lizenz behalten wollen.

An den DEL-Standorten wird dagegen mehrheitlich die darwinistische These gepredigt, dass Konkurrenz von außerhalb deutsche Spieler international weiterbringe. Wie falsch diese Behauptung ist, lässt sich aktuell beobachten. Es ist kaum zu erwarten, dass ausgerechnet jetzt, nach dem Fiasko von Bern, Verband und Profiklubs ihre unterschiedlichen Interessen bündeln. Das wäre ein kleines deutsches Eishockey-Wunder.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1974, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1