29.12.2008 · Man nehme viel Größenwahn, eine Prise Nostalgie, Schneegestöber und nennt es „Winter Classic“ - Eishockey unter freiem Himmel soll in Amerika die Massen locken. Die Rechnung ging auf. Das nächste Spiel wartet schon am Neujahrstag 2009.
Von Jürgen Kalwa, New YorkDas Rezept für eine gelungene Eishockey-Veranstaltung sieht in den Vereinigten Staaten in diesen Tagen etwa so aus: Man nehme sehr viel Größenwahn, eine ordentliche Prise Nostalgie, mische es mit etwas Schneegestöber, lasse die Zuschauer rund um die Eisfläche gehörig frieren und gebe dem Ganzen einen anspruchsvollen Namen: zum Beispiel „Winter Classic“, ein Etikett, das alles sagt und nichts. Zu guter Letzt lege man das Ereignis noch auf einen Tag, an dem sich Millionen von Männern aller Altersklassen müde auf dem Sofa räkeln und auf ihrer Fernbedienung von einem College-Football-Finale zum anderen schalten – fertig ist der Achtungserfolg.
Vor einem Jahr hat die National Hockey League (NHL) diese Mixtur zum ersten Mal ausprobiert und ein 73.000 Zuschauer fassendes Football-Stadion gebucht (siehe auch: Schnee-Spektakel mit Zuschauerrekord), um dort in der Woche nach Weihnachten auf dem Rasen eine ganz normale Spielfläche samt Bande anzulegen. Der wichtigste Teil der Rechnung war bereits Monate vorher aufgegangen. Da hatten 40.000 Interessierte innerhalb weniger Stunden übers Internet die in den freien Handel gegangenen Eintrittskarten gekauft und so die optimistischen Erwartungen der Liga-Verantwortlichen angeheizt.
Bei der Wahl des Gegner nichts dem Zufall überlassen
Ein Teil des positiven Ausgangs hatte mit der Ansetzung zu tun. Die Planer der Großveranstaltung hatten sich mit dem 1. Januar für einen Feiertag entschieden und die Begegnung nach Buffalo vergeben, wo die Sabres, einer der besseren Klubs des Landes, zu Hause sind. Deren Fans kommen zum Teil aus dem angrenzenden Eishockey-Mutterland Kanada. Als Gegner wurden die Pittsburgh Penguins ausgewählt – weniger wegen der jungen, attraktiven Stürmer wie Sydney Crosby und Jewgeni Malkin, sondern wegen der Geographie. Die beiden Städte im Nordosten der Vereinigten Staaten liegen mit einer Distanz von rund 350 Kilometern für amerikanische Verhältnisse ausgesprochen nahe beieinander und pflegen im Sport eine gewisse Rivalität.
Was das Herz der Liga-Manager an diesem kalten, verschneiten Neujahrstag jedoch noch mehr erwärmte als die hervorragende Stimmung im ausverkauften Ralph-Wilson-Stadion, in dem die meisten Zuschauer ein Fernrohr brauchten, wenn sie den Puck sehen wollten, war die Einschaltquote im Fernsehen. In mehr als zwei Millionen Haushalten verfolgten Neugierige die Freiluftübertragung. Eine derartige Kennziffer hatte die NHL zehn Jahre lang nicht mehr erreicht. Nicht mal bei den Finalserien um den Stanley Cup.
„Du kommst aus dem Tunnel, und alles ist offen“
Das enorme Echo auf die Novität ließ die NHL-Führung denn auch nicht ruhen. Und so steigt am Neujahrstag 2009 der zweite „Winter Classic“. Diesmal spielen die Chicago Blackhawks und der amtierende Stanley-Cup-Gewinner Detroit Red Wings gegeneinander. Austragungsort: das alte Baseball-Stadion Wrigley Field, eine der berühmtesten Arenen in den Vereinigten Staaten. Die Wettervorhersage: vereinzelt Schneefall und eine Temperatur von knapp unter null. Auch sportlich hat die Partie ihre Reize.
Die Blackhawks, ein Traditionsklub aus den Gründertagen der Liga, können nach Jahren der Leistungsrezession wieder eine Mannschaft von Format aufbieten. Blackhawks-Verteidiger Brian Campbell war vor einem Jahr, beim ersten „Winter Classic“, noch bei den Sabres unter Vertrag und erinnert sich noch gut an das Match, in dem er das einzige Tor für seine Mannschaft schoss, die in einem Penalty-Schießen mit 1:2 verlor. „Ich habe gezittert“, sagte er in diesen Tagen. „Nicht wegen der Kälte, sondern weil es verrückt und aufregend war. Du kommst aus dem Tunnel, und alles ist offen. Das explodiert quasi vor deinen Augen.“
Das Besondere liegt in der Vermarktungsdimension
Genau genommen aber war der „Winter Classic“ von Buffalo gar keine Premiere. Und das nicht nur, weil Eishockey einst so gut wie überall unter freiem Himmel gespielt wurde und man bei bedeutenden Begegnungen wie etwa bei der Weltmeisterschaft 1957 in Moskau eine so große Arena wie das Lenin-Stadion als Austragungsort zu nutzen pflegte. Auch als Kuriosität reicht die Veranstaltung nicht an jenen Abend im September 1991 heran, als die New York Rangers und Los Angeles Kings auf dem Parkplatz eines Casinohotels in Las Vegas bei 30 Grad Lufttemperatur und vor 13000 Zuschauern ein Freundschaftsspiel austrugen.
Das Besondere an der Idee der NHL liegt in der Vermarktungsdimension. Der Open-Air-Termin ist ein Anlass mehr, die Werbetrommel zu rühren für eine Liga, in der ein Teil der 30 Teams ums nackte Überleben kämpft. Das Hauptproblem: die Einnahmen aus den Fernsehverträgen, die nur im vergleichsweise bevölkerungsschwachen, aber eishockeybesessenen Kanada ausreichend hoch sind.
In Deutschland soll es einen Weltrekord geben
Im bedeutend größeren amerikanischen TV-Markt erzielt die NHL nur sehr bescheidene Erlöse. Nicht genug jedenfalls, um auf die Dauer Klubs in Phoenix (zurzeit 35 Millionen Dollar Jahresverlust) und Florida zu halten, die darüber hinaus unter der Schuldenlast ächzen, die sich die Eigentümer beim Kauf der Teams aufgebürdet haben.
Von solchen Gedanken werden die Veranstalter der Eishockey-WM in Deutschland 2010 übrigens nicht geplagt. Sie wollen das Eröffnungsspiel des Turniers ebenfalls in einem riesigen Stadion durchführen. 76.000 Zuschauer sollen dann in die Gelsenkirchener Fußball-Arena kommen, ein Eishockey-Weltrekord (siehe auch: Eishockey auf Schalke: 76.000 Fans erwartet). Mit Wind und Wetter will man jedoch nicht kokettieren. Das Dach auf Schalke bleibt zu.