15.04.2009 · Berlin wird durch einen 4:2-Sieg in Düsseldorf zum vierten Mal binnen fünf Jahren Eishockeymeister. Die Dominanz nimmt allmählich gespenstische Züge an. Denn der Beutezug der Eisbären könnte weitergehen.
Von Richard Leipold, DüsseldorfIrgendwie war es Stefan Ustorf gelungen, eine Zigarre in seinem Mund zu fixieren. Das ist bei ihm nicht so einfach. Der Berliner Rechtsaußen hatte sich vor ein paar Wochen den Kiefer gebrochen und dabei sieben Zähne verloren. Im Kampf um die deutsche Eishockeymeisterschaft zeigte Ustorf erst Zähne, als Zeichen für Kampfkraft, und dann Zigarre, als Statussymbol der Erfolgreichen.
Dank eines 4:2-Erfolgs im vierten Spiel der Finalserie „Best of five“ gewannen die Berliner Eisbären den Titel, zum zweiten Mal nacheinander und zum vierten Mal binnen fünf Jahren. Mit seinen Zahnlücken stand der Stürmer als Vorbild für die unwiderstehliche Mischung aus Selbstvertrauen und Selbstdisziplin, die den alten und neuen Meister auszeichnet. Obwohl die Wiederholungstäter aus Berlin ihren jüngsten Triumph begeistert auskosteten, schien Ustorf darin, abseits geldwerter Vorteile, eine Art Geschäft auf Gegenseitigkeit zu sehen. „Für unsere Erfolge lohnt es sich sogar, seine Zähne zu geben“, sagte er.
„Aber jede Meisterschaft hat ihren eigenen Charakter“
So sprechen harte Männer, die unersättlich nach Erfolg gieren; denen die Langeweile fremd ist, die manche Beobachter angesichts der Berliner Vormachtstellung befürchten. Die Dominanz der Eisbären erinnert an die glorreiche Ära der Düsseldorfer EG in den neunziger Jahren, als die Rheinländer fünfmal in sieben Jahren deutscher Meister wurden. „Aber jede Meisterschaft hat ihren eigenen Charakter“, sagt der Ur-Berliner Sven Felski, der schon für den Klub gespielt hat, als er in der DDR noch SC Dynamo hieß - ein Name, an den viele Fans in ihren Gesängen gern erinnern, was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass die Eisbären als ostdeutscher Großstadtverein ausnahmsweise einen westlichen Konkurrenten (die Berlin Capitals) überflügelt, übertrumpft, überdauert haben und in ihrer Branche als Hauptstadtmarke an die nationale Spitze gelangt sind.
Felskis Bekenntnis klang so, als wollte er sich gemeinsam mit seinen Kollegen noch manchem Charaktertest unterziehen. In Düsseldorf ist es ihnen eindrucksvoll gelungen. Auch gute und sehr gute Mannschaften wären schwach geworden und hätten sich auf die nächste Chance im Heimspiel zu verlassen, wenn sie mitten im zweiten Drittel 0:2 zurückliegen wie die Eisbären nach den beiden Treffern von Adam Courchaine (13./32. Minute) - auswärts gegen motivierte Düsseldorfer Spieler und dreizehntausend Fans, die beim Torschrei den nur zögerlich angenommenen Dom im Ortsteil Rath erzittern ließen wie einst den Altbau an der berühmten Brehmstraße.
„Die Berliner haben die Play-off-Routine, die man braucht“
Aber vermutlich gerade solcher Erlebnisse wegen wird den Berlinern nicht langweilig, und der Hunger lässt nicht nach. Tyson Mulock (33.), Steve Walker (41.), Andy Roach (48.) und Nathan Robinson (52.) drehten die Partie und brachten alles wieder in eine Ordnung, die fürs Erste festgeschrieben scheint in der Deutschen Eishockey Liga. „Die Berliner haben die Play-off-Routine, die man braucht“, sagte der Düsseldorfer Trainer Harold Kreis, der mit seiner Mannschaft in dieser Saison die Herzen der DEG-Fans zurückerobert hat, am Ende aber gern mehr gewesen wäre „als eine Fußnote der deutschen Meisterschaft“.
Nicht bloß Routine, sondern vor allem Kontinuität ist das höchste Gut der Berliner. Den Stamm der Mannschaft zu behalten und ein paar noch fehlende Teile in das Puzzle einzufügen, „ist der Schlüssel zum Erfolg“, sagt Kapitän Steve Walker, der seit neun Jahren bei den Eisbären unter Vertrag steht. Diese Strategie praktiziert der Klub seit längerem so, dass es für die Konkurrenz allmählich gespenstische Züge annimmt, weil der Erfolg noch anhalten könnte. Zumal auch die Wirtschaftskraft erhalten bleiben dürfte; nach dem Umzug in die neue Arena haben die Eisbären, die zum Portfolio des amerikanischen Milliardärs Philip Anschutz gehören, ihre Zuschauerzahl verdreifacht.
Beaufait: „Ich denke, es war mein letztes Spiel“
In Düsseldorf standen neun Profis auf dem Eis, die schon beim ersten Titelgewinn 2005 mit von der Partie waren. Dazu gehören nicht nur altgediente Kämpen wie Felski, Walker und Beaufait, sondern auch eine Reihe jüngerer Spieler. „Auch sie haben schon einige Male die Meisterschaft gewonnen und wissen genau, was zu tun ist“, sagt Felski.
Neben Felski und Walker steht Mittelstürmer Mark Beaufait für die Kontinuität der Eisbären. Bei seinem Wechsel in die Hauptstadt habe er im Jahr 2002 „nie damit gerechnet, hier viermal Meister zu werden, nicht in hundert Jahren“. Nach dem letzten Saisonspiel in Düsseldorf kündigte Beaufait, gegen den Berliner Trend, an aufzuhören. „Ich denke, es war mein letztes Spiel“, sagte er. Der Beutezug der Eisbären indes könnte weitergehen. Das jedenfalls war die Botschaft fast aller Spieler, während der Partie und auch danach.