08.04.2009 · Konjunktur für Kufen-Nachwuchs mit Helm und Schläger aus der Region: Spitzeneishockey in Frankfurt soll nicht nur amerikanisch geprägt sein.
Von Marc HeinrichAm Dienstag ist Dwayne Norris nach Füssen aufgebrochen. Der Manager der Lions schaut sich in dem Kurort nach einer Unterkunft für das Sommer-Trainingslager des Frankfurter Klubs aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL) um. Im August wird Trainer Rich Chernomaz mit seinem Team im Allgäu Quartier beziehen, um sich auf die nächste Saison vorzubereiten. Mit welchem Kader er anreist, ist momentan völlig offen.
Fest steht nur: Wieder einmal wird es bei den Löwen einen personellen Umbruch geben. Und die künftigen Spieler werden auf dem Transfermarkt in aller Herren Ländern eingekauft, weil es im eigenen Haus keine Nachwuchsmannschaften gibt, aus denen Talente nach oben drängen. Eine systematische Unterstützung der Frankfurter Eishockey-Jugend fand in den vergangenen Jahren nicht statt. In fast anderthalb Jahrzehnten Zugehörigkeit zur DEL trug bis heute nicht ein Spieler, der in dieser Stadt aufgewachsen ist, in der ersten Liga das Frankfurter Trikot. „Das muss sich endlich ändern“, findet Axel Erk, der sich als Sprecher des Beirats der „Young Lions“ für eine Neuausrichtung der Jugendarbeit stark macht.
Fester Etatteil für den Nachwuchs
In Norris, dessen drei Söhne selbst bei den jungen Löwen die Schlittschuhe schnüren, hat Erk dabei neuerdings einen Verbündeten gefunden. Was die Chancen, dass sich bei den Lions etwas ändert und die Beschäftigung mit den Interessen der Kinder, Teenager und Amateure wieder eine größere Rolle spielt, möglicherweise ein wenig verbessert. Lange Zeit galt das Augenmerk nur den in eine GmbH ausgegliederten Profis. Alle anderen Aktivitäten des Stammvereins waren zu vernachlässigende (Kosten-)Faktoren, „Made in Germany“, so wünscht es aber Erk, soll an dem bislang nordamerikanisch geprägten Standort künftig zu einem Markenzeichen werden.
Bis 2011 unterliegt Norris ohnehin der Pflicht, auch am Ratsweg auf Druck der DEL einen weitreichenden Beschluss umzusetzen: Zwischen drei und sechs Prozent des Fünf-Millionen-Jahresetats muss die Lions GmbH dann dem Nachwuchs jährlich zur Verfügung stellen, vier Stunden Trainingszeiten pro Woche und Team für mindestens fünf Jugendmannschaften werden vorgeschrieben, die Einstellung qualifizierter Trainer wird zur Pflicht – sonst droht dem Meister von 2004 schlimmstenfalls der Lizenzentzug. Das Konzept Erks, bei dem er eine „fast hundertprozentige Übereinstimmung mit den Ideen von Norris“ erkennt, sieht unter anderem den Aufbau einer Mannschaft vor, die sich in spätestens fünf Jahren in der Deutschen Nachwuchs-Liga behaupten kann. Lions-Konkurrenten sind in dieser obersten Spielklasse für Jugendliche längst vertreten und rekrutieren aus diesem Pool Spitzenkräfte von morgen. „Mindestens fünf Frankfurter Jungs“, so Erk, hätten kürzlich der Heimat mangels Perspektive verlassen und sich „Berlin, Mannheim und Krefeld angeschlossen“. Diesen Aderlass gelte es zu stoppen.
„Wiedererkennungswert steigern“
Der 52 Jahre alte Erk, früher Zweitliga-Handballspieler und heute als Unternehmensberater erfolgreich, schwebt vor, dass die Löwen „durch einheimische Gesichter ihren Wiedererkennungswert steigern“. Er nennt das „ständige Kommen und Gehen der Söldner in der DEL“ eine Entwicklung, die dazu führen könne, „dass das Eishockey bald tot ist“. Ähnlich klingen die Parolen, mit denen Bundestrainer Uwe Krupp aufzurütteln versucht. Mit dem Einstieg von Siggi Schneider und der SSD AG, die im Winter die Anteile des verstorbenen Klub-Eigentümers Gerd Schröder übernahmen, sei die Bereitschaft zu Unterstützung der Young Lions grundsätzlich gewachsen, sagt Erk.
Noch fehlen allerdings endgültige Zusagen, die die Ausbildung auf eine breitere finanzielle Basis stellen. Momentan beläuft sich das Budget durch Mitgliederbeiträge, Spenden und Zuwendungen auf 150.000 Euro – „unsere Bordmittel sind ausgeschöpft“. Mehr Geld sei dringend nötig, um Jugend-Chefcoach Danilo Valenti durch Assistenten zu unterstützen, neue Monturen zu beschaffen und Trainingslager zu finanzieren. Aktuell sind es rund 250 Kinder, die dem Puck hinterherjagen, teilweise auch ehrenamtlich unterrichtet von Norris oder DEL-Keeper Ian Gordon. „Die Nachfrage ist viel größer, doch wir müssen aus Kapazitätsgründen Interessenten absagen.“
„Wir investieren permanent in den Nachwuchs“
Dass die jüngsten Bemühungen Erfolg mit sich bringen, ist für Erk und seine Mitstreiter die größte Triebfeder. Die Schülermannschaft der Dreizehn- bis Vierzehnjährigen stieg unlängst ungeschlagen in die Bundesliga auf. Und die Besten von ihnen erhielten daraufhin Angebote, zu den Adlern Mannheim zu wechseln – Aufwandsentschädigung, Unterbringung im Sportinternat und spätere Hilfe bei der Ausbildungsplatzsuche inklusive. „Es ist ein klarer Aufwärtstrend erkennbar. Nur, wenn der Klub jetzt kein Zeichen setzt, dass er sich langfristig in der Jugendarbeit neu positionieren will, besteht die Gefahr, dass alles wieder zusammenbricht.“
Beim Osterturnier an diesem Wochenende messen sich die Young Lions am Ratsweg mit Gegnern aus Europa. Als Zuschauer hat sich auch Norris angekündigt. Er ist ein gern gesehener Gast. An akutem Gesprächsbedarf mangelt es nicht. Peter John-Lee, sein Kollege von den Eisbären Berlin, die in der DEL gerade mit zehn Spielern unter 23 Jahren dabei sind, den Meistertitel zu verteidigen, sagte Anfang der Woche: „Wir investieren permanent in den Nachwuchs, und das zahlt sich auch andauernd aus.“ Mal sehen, ob die Lions die Botschaft verstehen.