15.12.2009 · Harte Methoden, schneller Erfolg: Trainer Bill Stewart führt die Kölner Haie aus der Krise und in Hamburg zum vierten Sieg in Folge. Die Mannschaft spielt kompakt, körperbetont, kämpferisch, kurzum: kanadisch. Am Dienstagabend will Stewart die Erfolgsserie gegen ERC Ingolstadt fortsetzen.
Von Richard Leipold, KölnNachdem auch die letzten bangen Sekunden überstanden waren, schmetterten Tausende Fans aus voller Kehle „Kölle alaaf!“ Ein Karnevalsruf mitten im Advent. Den Grund für die gute Laune auf den Rängen hatte am Freitagabend eine Gruppe hart arbeitender Männer auf dem Eis geliefert. Die Kölner Haie bereiten ihren Anhängern wieder Vergnügen und haben selbst wieder Freude an Arbeit, Sport und Spiel. Beim 2:1 über die Mannheimer Adler, den Zweiten des Klassements, gelang den Rheinländern in der Deutschen Eishockey Liga der dritte Sieg binnen acht Tagen, am Sonntag ließen sie beim 4:1-Auswärtstriumph in Hamburg den vierten folgen. Heute abend (19.30 Uhr) soll im HEimspiel gegen ERC Ingolstadt der nächste Sieg folgen.
William, genannt „Bill“ Stewart, ihr neuer Trainer, hat sein erstes Etappenziel indes schon erreicht auf dem langen Marsch zurück zu alter Stärke, den er noch vor sich und der Mannschaft sieht. „Die Jungs hatten keinen Spaß mehr, den wollte ich ihnen zurückgeben“, sagt der strenge Kanadier.
Besessen von seiner Sportart
Zu Beginn dieses Monats im Eilverfahren als Nachfolger des entlassenen Igor Pawlow aus Toronto eingetroffen, hatte Stewart eine Mannschaft vorgefunden, die nur noch ein loser, im Schlussdrittel oft desolater, hilfloser Haufen war (siehe: Eishockey: Die Kölner Haie beißen nicht mehr). Die Lust auf Eishockey schien nur noch in Spurenelementen vorhanden - wen wundert's nach nur zwei Siegen aus dreizehn Partien? Nach dem Kraftakt gegen die Adler fühlen die Haie sich fast schon wieder wie in alten Zeiten, als sie einem Luxus-Ensemble der Kategorie Mannheim auf Augenhöhe zu begegnen pflegten. „Es hat riesigen Spaß gemacht“, sagte Verteidiger Andreas Renz, der in Köln schon viel erlebt und erlitten hat. „Wir haben uns wieder den Re-spekt verschafft, den wir als Kölner lange hatten. Wir sind eine starke Mannschaft, und das zeigen wir jetzt auch wieder.“
Auf den ersten Blick wirkt Stewart nicht unbedingt wie ein Spaßmacher - und auf den zweiten Blick auch nicht; er wirkt nicht beflissen, sondern wie besessen von seiner Sportart. Wen er mit seinen Augen entschlossen, fast drohend fixiert, der dürfte sich eher eingeschüchtert als animiert fühlen - auch der furchteinflößenden Aura wegen, die diesen Mann umgibt. Stewart steht in den Ruf, ihm sei nahezu jedes Mittel recht, um den Erfolg notfalls zu erzwingen. Der Boulevard nennt ihn wegen seiner harten, oft kompromisslosen Haltung „Kill Bill“. Stewart findet dieses Etikett „okay“, wie er sagt. Als Trainer hat er eine bewegte Vita, nicht nur der deutschen Meisterschaft wegen, die er vor mehr als acht Jahren mit den Adlern gewann.
Die Profis lernen, eine Mannschaft zu werden
Sein Ruf gründet sich auch auf manchen Skandal. Einst beförderte er einen ukrainischen Spieler illegal über die amerikanisch-kanadische Grenze, was ihm ein Berufsverbot einbrachte. In Deutschland lieferte er sich mit einem Berliner Trainerassistenten eine Prügelei, und an der Bande soll er einen Schwächeanfall vorgetäuscht haben, um Zeit zu gewinnen, damit einer seiner Spieler neue Schlittschuhe einlaufen konnte. „Ich habe in meinem Leben viele richtige und viele falsche Entscheidungen getroffen“, sagt der 52 Jahre alte Eishockeylehrer. „Aber man lernt mit der Zeit, ein besserer Mensch zu werden.“
In Köln scheint er einiges richtig zu machen. Die KEC-Profis lernen gerade, eine bessere Mannschaft zu werden, ja überhaupt wieder eine Mannschaft zu werden. „Die Jungs spielen wieder zusammen“, sagt der Trainer. Und sie gehen mit Energie und Ausdauer zu Werk, auch Ivan Ciernik, der gegen Mannheim beide Treffer erzielte. Unter Pawlow galt Ciernik als Diva, die sich nichts sagen lassen wollte. Mit Stewart kommt er offenbar besser zurecht. „Er ist laut und hart, macht aber auch Späße.“
Kompakt, körperbetont, kämpferisch, kurzum: kanadisch
Aber nicht nur der Stürmerstar, zu Saisonbeginn aus Russland zurückgeholt, steht für neuen Tatendrang. Stewart hat seinem Personal eine andere Herangehensweise verordnet. Die Mannschaft scheint ihm zu folgen. Sie spielt kompakt, körperbetont, kämpferisch, kurzum: kanadisch. Und dennoch diszipliniert. Gegen Mannheim gab es nur sechs Strafminuten für die Haie. Auch die Konzentration ist besser geworden - bis zum Ende. Früher brachen im letzten Drittel oft alle Dämme; mehrmals wurde ein Vorsprung, der zum Sieg hätte reichen müssen, noch verspielt. Neuerdings setzen die Kölner in der Schlussphase selbst den entscheidenden Treffer. So war es gegen Mannheim und auch zuvor gegen Nürnberg. Und auch in Hamburg beeindruckten die Kölner mit Nervenstärke: Die ersten drei Tore erzielten sie in Unterzahl.
Der gelungene Neustart nach Stewarts Update stimmt die Haie wieder zuversichtlich. Während der Trainer Prognosen mit Blick auf die Play-offs noch meidet, preschen die ersten Spieler schon vor. „Wir wollen das Feld von hinten aufrollen, das ist noch ein weiter Weg, aber wir glauben an uns“, sagt Routinier Renz. Und sie glauben an Stewarts Methoden, vorerst jedenfalls.