03.05.2009 · Das deutsche Eishockeyteam erlebt bei der WM in der Schweiz eine Blamage nach der anderen. Der gute Ruf ist beschädigt - und das ein Jahr vor der WM in der Heimat. Am Sonntag geht es gegen Österreich nur noch um Schadensbegrenzung.
Von Marc Heinrich, BernAn diesen Ort wird Uwe Krupp am Abschluss seiner Tage im Eishockey-Geschäft garantiert schlechte Erinnerungen haben: Bern. In der Hauptstadt der Schweiz erlebte er 1990 als Spieler einen Tiefpunkt seiner Karriere. Er, der deutsche NHL-Star von den Buffalo Sabres, wurde damals während der Weltmeisterschaft eingeflogen, um als Leitfigur der Nationalmannschaft vorneweg zu marschieren beim Kampf um den Verbleib in der A-Gruppe. Der Trip in die Berge war kurz und folgenreich: Unmittelbar nach seiner Ankunft gab er eine positive Doping-Probe ab, und die Organisatoren schlossen ihn vom Turnier aus – über die in Europa gültigen Regularien hatte ihn der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) nicht informiert, er hatte arglos ein von seiner Ehefrau in einem amerikanischen Supermarkt gekauftes Medikament, das gegen Jetlag helfen sollte, eingenommen.
19 Jahre später erlebt Krupp bei der Rückkehr nach Bern die größte Krise seiner noch jungen Laufbahn als Bundestrainer. Angereist war er mit seinen Spielern im sicheren Glauben, nach einer ordentlich verlaufenen Vorbereitung das Viertelfinale erreichen zu können – nach vier Niederlagen, durchweg desolaten Leistungen und dem Absturz in die Relegationsrunde ist der ursprüngliche Optimismus blankem Entsetzen gewichen. Alle Beteiligten sehnen nur noch ein Ende des Schreckens herbei. „Jetzt haben wir zwei High-Noon-Spiele nacheinander“, sagte DEB-Generalsekretär Franz Reindl vor den Auftritten an diesem Sonntag gegen Österreich und am Montag gegen Ungarn (jeweils um 12.15 Uhr): „Das sind so Partien, da wünscht sich kein Mensch, dabei zu sein. Aber die müssen wir überstehen.“
Der Ruf ist beschädigt
Zu retten ist vor allem nach der 1:3-Blamage gegen Dänemark die Bilanz nicht mehr. Der gute Ruf, den sich die DEB-Auswahl zuletzt durch kleine, aber stetige Fortschritte unter Krupps Verantwortung erarbeitet hatte, ist beschädigt. Ein Jahr vor der Heim-WM, die mit großem Tamtam und Zuschauer-Weltrekord in der Schalker Fußball-Arena beginnen soll, gerät der Coach unter Druck. Der Frankfurter Verteidiger Sebastian Osterloh meinte bereits, dem in die Kritik geratenen Krupp öffentlich beistehen zu müssen: „Er macht einen Superjob. Ich hatte noch keinen Trainer, der so gut ist wie er und der den Spielern so hilft.“ Krupp selbst wirkt jedoch erstmals seit Beginn seines Engagements vor dreieinhalb Jahren hilflos und angeschlagen. Die Fans, die ihm schon nach der Niederlage gegen Frankreich den Inhalt eines Getränkebechers übers Sakko gegossen hatten, verhöhnten ihren ehemaligen Eisheiligen am Freitagabend aufs Neue mit Schmähgesängen: „Uwe, wir haben ein Bier für dich.“
Krupps Erklärungsversuche nach dem Debakel gegen die Dänen klangen nicht überzeugend. „Torschüsse, Chancen, Überzahlsituationen – rechnerisch waren wir in allen Belangen überlegen“, zählte der Dreiundvierzigjährige auf, der noch zwölf Monate vertraglich an den DEB gebunden ist. Er räumte aber auch ein, dass Eishockey keine Mathematik ist. Der größte Schwachpunkt der Mannschaft ist und bleibt der Angriff. Die frühere Paradereihe Wolf-Hackert-Gogulla steht völlig neben sich, das ganze Team leidet darüber hinaus an einem Tor-Trauma; von den bislang vier Treffern entfielen zwei sogar auf Verteidiger Christoph Schubert.
Schicksalsspiele für Krupp
Interessant an den verbleibenden Vorstellungen, die wegen der Gastgeberrolle 2010 sportlich unbedeutend sind, wird vor allem sein, wie Krupp auf seine deprimierten Spieler einwirken kann. „Alle sind frustriert und nervös, keiner kriegt die Handbremse gelöst“, stellte Kapitän Andreas Renz fest. Die heikle Situation erinnert längst an das Katastrophenjahr 2005, als die Deutschen unter Krupps Vorgänger Greg Poss mit unrealistischen Halbfinalträumen starteten und am Schluss in die Zweitklassigkeit abstürzten. Das kann jetzt nicht passieren, doch es droht immerhin noch die Peinlichkeit, als eigentlich abgestiegenes Team bei der WM im eigenen Land anzutreten. Und der Blick in die Eishockey-Geschichtsbücher verheißt nichts Gutes. Vor vier Jahren, bei den Titelkämpfen in Österreich, stand nach vier Spielen auch nur ein Punkt zu Buche. Dann gelang mit dem 9:1 gegen Slowenien der vermeintliche Befreiungsschlag, dem mit dem 2:3 gegen Dänemark prompt das endgültige Desaster folgte; sieben Monate später zog Poss die Konsequenzen und trat zurück.
Uwe Krupp besitzt nach wie vor den Rückhalt der DEB-Spitze. „Er steht außer Frage“, hob Reindl zuletzt immer wieder hervor. Er möchte mit seinem demonstrativen Rückhalt vor allem vermeiden, dass sich eine weitere unangenehme Begebenheit aus dem Berner Unglücksfrühling 1990 aktuell an Ort und Stelle wiederholt: Seinerzeit schmiss ein entnervter Cheftrainer Xaver Unsinn während der genauso enttäuschend verlaufenen Veranstaltung das Handtuch – und stürzte den DEB nachhaltig ins Chaos.