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Dwain Chambers Ein Mann rechnet ab

08.03.2009 ·  Dwain Chambers ist der Schwarze Mann der Leichtathletik. Er tut alles, um seinen Sport in Verlegenheit zu bringen und dessen Repräsentanten bloßzustellen. Am Montag erscheint sein Skandalbuch. Vorher will er Europameister werden.

Von Michael Reinsch, Turin
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Voraussichtlich wird Dwain Chambers die ersten Exemplare seines Skandalbuches als Hallen-Europameister signieren. Bereits im Halbfinale am Samstag rannte der Brite bei den Titelkämpfen in Turin über 60 Meter in 6,42 Sekunden: Europarekord. Im Endlauf an diesem Sonntag (17:20 Uhr) ist er damit der große Favorit. Das Buch „Race Against Me“ erscheint am Montag.

Chambers geht es längst nicht mehr um Medaillen und Titel allein. Der dreißig Jahre alte Londoner jamaikanischer Abstammung tut alles, um seinen Sport in Verlegenheit zu bringen und dessen Repräsentanten bloßzustellen. Das fällt ihm leicht und sagt alles über die europäische Leichtathletik. Es gibt keine großen Namen in Turin. „Ich will mich nicht mit weniger als Gold zufriedengeben“, sagt Chambers über den Endlauf am Sonntagnachmittag. „Das ist die Vorbereitung auf den großen Showdown in der Freiluftsaison.“

Im American Football so erfolglos wie im Rugby

Chambers ist der Schwarze Mann der Leichtathletik. Anders als Baseballspieler Barry Bonds, die andere wandelnde Erinnerung an den Balco-Skandal, ist er des Dopings überführt, hat mehr gestanden, als ihm mit der positiven Doping-Probe von Saarbrücken im Oktober 2003 nachgewiesen werden konnte, und hat eine Sperre von zwei Jahren hinter sich. Anders als Olympiasiegerin Marion Jones saß er nicht wegen Lügen im Gefängnis.

Obwohl Chambers 2006 mit der britischen Staffel Europameister im Sprint wurde, konnte er seiner Vergangenheit nicht davonlaufen. Er versuchte sich im American Football so erfolglos wie im Rugby. Seine Klage auf einen Platz in der britischen Olympiamannschaft scheiterte. Der Internationale Leichtathletikverband, der ihm unter anderem seinen Sieg bei der Europameisterschaft 2002 aberkannte, fordert immer noch rund 150.000 Euro Prämien zurück. Dwain Chambers sagt, er sei mittellos.

In „Race Against Me“ rechnet er ab

Nun rechnet der Mann ab. In „Race Against Me“ beschreibt er, wie leicht es war, hemmungslos und mit Chuzpe zu dopen. Anabole Steroide, EPO, Wachstumshormon und Insulin setzte er ein, dem Doping-Kontrolleur öffnete er mit der Verschleierungssalbe „The Clear“ auf den Armen die Wohnungstür. Mit einem Koffer voller Doping-Mittel, einige davon in Kühlboxen, kam er durch die amerikanische Einreisekontrolle. Doch außer zehn Kilo mehr Muskeln und schweren Magenkrämpfen brachte die 30.000 Dollar teure Kur nicht viel.

„Nach einem Jahr mit schlaflosen Nächten, Angst, den Schmerzen der Krämpfe, den Blutabnahmen, um einen Herzschlag oder Schlimmeres zu vermeiden, den schwankenden Ergebnissen und den Enttäuschungen wegen verpasster Starts war meine Bestzeit 9,87 Sekunden“, resümiert Chambers. „Ich war ein wandelnder Junkie.“ Sauber war er nur eine Zehntelsekunde langsamer gelaufen.

Zur Abrechnung kommt die Hochrechnung

Das klingt ein bisschen nach dem Drogenroman „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ mit Systemkritik. Lebhaft beklagt Chambers Scheinheiligkeit und Doppelmoral. Dafür nimmt er Rache. Über Sebastian Coe, Olympiasieger, Lord, IOC-Mitglied und Vorsitzender des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 2012 in London, schreibt er: „Er hat mich oft einen Betrüger genannt, und doch ist er der Mann, der zehn Jahre lang eine außereheliche Affäre hatte.“ Chambers zitiert genüsslich, was die Ex-Geliebte Vanessa Lander über die körperlichen Qualitäten des Läufers zu sagen hatte.

Christine Ohuruogu, die nach einjähriger Sperre Weltmeisterin und Olympiasiegerin werden durfte, schreibt er ins Stammbuch: „Einen Test zu verpassen kann als Nachlässigkeit durchgehen, zwei zu verpassen, ist fast unverzeihlich, aber drei zu verpassen, zeigt, dass ein Athlet keinen Fokus hat oder jemand schlicht den Kontrolleuren ausweicht.“ Chambers bezweifelt, dass Fußballprofi Rio Ferdinand eine Doping-Kontrolle vergaß, sondern insinuiert, dass er vom Vereinsgelände von Manchester United floh.

Chambers will, dass sie ihre Prinzipien aufgeben

Zur Abrechnung kommt die Hochrechnung. Von seiner Bestzeit in der Halle, 6,51 Sekunden, schließt Chambers auf 9,83 für hundert Meter – Weltklasse. Dabei sei er gar nicht richtig gefordert, er könne bestimmt noch viel schneller laufen, sagt er und verrät, dass er sein Wintertraining nach dem dreifachen Olympiasieger und Weltrekord „Project Bolt“ nennt. „Ich könnte Usain Bolt schlagen. Er ist auch nur ein Mensch.“

Da die Veranstalter der großen Sportfeste Chambers nicht verpflichten wollen, dürfte das Duell wohl bis zur Weltmeisterschaft in Berlin auf sich warten lassen. Chambers will dort nicht allein Bolt besiegen. Er will potentieller Medaillenkandidat der Olympischen Spiele in seiner Heimatstadt London werden. Die Herren der Verbände sollen bedauern, dass sie ihn 2012 nicht starten lassen wollen. Dwain Chambers würde sich wünschen, dass sie ihre Prinzipien aufgeben könnten für die Aussicht auf eine Medaille. Wie er es tat.

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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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