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Dressurreiterin Isabell Werth : Fast unwirkliche Momente des Schwebens

Erfolgsduo: Isabell Werth (oben) und Weihegold Bild: dpa

In der Mannschaft haben die deutschen Dressurreiter erwartet überlegen die Goldmedaillen erritten. Weitere Siege dürften folgen, wenn Isabell Werth in Grand Prix und Kür mit Weihegold abermals entrückte Vorstellungen im Viereck zeigt.

          „Heute ist heute“, sagte Isabell Werth. Sie war fest entschlossen, diese Nacht in Göteborg zu genießen, diese Phase der großen Leichtigkeit, in der es immer wieder fast unwirkliche Momente des Schwebens gibt. Dann scheint es kurz so, als hätte die Dressurreiterin, die schon so viele Kämpfe ausgetragen hat, sich verabschiedet vom alltäglichen Ehrgeiz und der Härte des Verteilungskampfes. Und wirklich hat sie am Mittwoch in Göteborg wieder so eine entrückte Vorstellung gegeben mit ihrer Rappstute Weihegold, bei deren Anblick die Lager sich auflösten und alle sich einig waren, dass man so etwas einfach genießen sollte: Die zelebrierte Schlusslinie ihres Grand Prix, die Passage, Piaffe, Passage bis zum Halten und zum abschließenden Gruß. die Leute klatschten mit bei Weihegolds letzten Tritten, was eigentlich verpönt ist beim Dressurreiten, wo es immer heißt: Psst! Bitte nicht stören. Aber diesmal standen die Zuschauer auf im Ullevi-Stadion von Göteborg und scherten sich nicht mehr um die Etikette.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Mit dem Mannschafts-Sieg vom Donnerstag hat die 48 Jahre alte Isabell Werth bereits ihren 15. Europameistertitel gewonnen, zusammen mit dem Bad Homburger Sönke Rothenberger auf Cosmo, Helen Langehanenberg (Havixbeck) auf Damsey und Dorothee Schneider (Framersheim) mit Sammy Davis jr. Und wenn nichts Unerwartetes dazwischenkommt, schnappt Isabell Werth sich an diesem Freitag im Grand Prix Spécial und am Samstag in der Kür auch noch die EM-Titel Nummer 16 und 17.

          Stolze Sammlung an Medaillen

          Die Medaillen würden zu Hause in Rheinberg eine einmalige Sammlung ergänzen, zu der auch sechs olympische Goldmedaillen gehören – gesammelt in fast 30 Jahren Spitzensport. Die „deutsche Maschine“ sei nicht aufzuhalten, sagte die Reiterin Cathrine Dufour vom dänischen Silber-Team zum Thema Werth. „An sie reicht niemand heran.“ Isabell Werth aber ist wachsam. Auf keinen Fall lässt sie sich von der Konkurrenz in Sicherheit wiegen. „Heute ist heute“, sagte sie nochmals. „Und wir freuen uns auf die kommenden Tage.“ Nur nicht allzu lange abheben und sich ja nicht allzu sicher fühlen. Isabell Werth weiß genau, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem sie wieder jemand besiegt. Wenn sie das sagt, macht sie ein Gesicht, als könnte sie in diesem Moment das Wetzen der Messer schon hören. „Sie sind hinter mir her“, sagte sie, „und versuchen, mich zu schlagen. Ich hoffe, der Tag kommt nicht schon diese Woche.“

          Im Grand Prix jedenfalls, der Aufgabe, in der bei Europameisterschaften die Mannschaftswertung entschieden wird, war sie mit ihren 83,743 Prozentpunkten unantastbar. Die zweitbeste Note erzielte Sönke Rothenberger mit 78,343 vor der Dänin Cathrine Dufour mit 78,300. Nur sie allein erzielte also mehr als 80 Prozentpunkte – eigentlich die Grenze zur wahren Weltklasse. Isabell Werth ist also nicht nur auf einer überwältigenden Umlaufbahn – den Nationen, die jahrelang die Deutschen erfolgreich herausforderten, ist die Luft ausgegangen. Großbritannien und die Niederlande erreichten als Vierte und Fünfte in Göteborg nicht einmal einen Medaillenrang, Silber und Bronze mussten sie Dänemark und Schweden überlassen.

          Der Beste aus den einstigen Star-Mannschaften war der Brite Carl Hester mit Nip Tuck als Fünfter, und das mit Hilfe von Noten, in denen die Richter seine alte Klasse noch einmal würdigten. Valegro, der Wallach, mit dem die Engländerin Charlotte Dujardin die Einzel-Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Rio gewann, und zwar vor Isabell Werth mit Weihegold, wurde kurz darauf schon mit 14 Jahren verabschiedet. Die Deutsche hätte sich gerne noch ein paar Mal mit den beiden gemessen. „Für mich ist es immer am besten, wenn ich gegen die besten Paare antreten kann“, sagte Isabell Werth. „Es ist schade, beide waren jung genug, um weiterzumachen. Aber am schlimmsten ist das nicht für uns, sondern für das britische Team.“

          Das kann ja heiter werden für die Konkurrenz

          Weil auch die Niederlande schwächeln, hätten die deutschen Dressurreiter sogar gewonnen, wenn Isabell Werth nur das Streichresultat geliefert hätte. Und das, obwohl sich zwei Pferde auf dem Weg zur EM verletzt hatten: Showtime, die Nummer eins im Stall von Dorothee Schneider, und Desperados, der Hengst der Olympia-Reiterin Kristina Broering-Sprehe. Das ist ein enormer Erfolg auch für Bundestrainerin Monica Theodorescu, nach dem Mannschafts-Olympiasieg in Rio 2016.

          Die Bundestrainerin ritt einst selbst in unschlagbaren deutschen Mannschaften mit. Tatsächlich schickte die aktuelle Equipe so manchen älteren Dressur-Freund auf eine Zeitreise. Mehr als vier Jahrzehnte lang blieben deutsche Mannschaften bei internationalen Titelkämpfen ungeschlagen. Sie gewannen zum Beispiel alle seit 1965 vergebenen Europameistertitel, seit Silber 1972 dominierten sie überhaupt jedes Championat, die einzige Spannung ergab sich aus der Frage, welche Nation hinter den Deutschen Platz zwei erobern würde. Bis sich bei der EM 2007 in Turin das Blatt wendete und erstmals sensationell die Niederlande vorne lagen. Der Dressur-Langweiler wurde plötzlich spannend.

          Und heute? „Dies ist für mich die stärkste Mannschaft seit den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona“, sagte Isabell Werth in Göteborg. Das kann ja heiter werden für die Konkurrenz, bedenkt man die reiterlichen Langzeit-Karrieren. „Ich erinnere mich an die Zeit, als meine Eltern noch Dressur geritten sind“, sagte zum Beispiel der 22 Jahre alte Student Sönke Rothenberger. „Schon damals gewann Isabell jedes Wochenende. Und jetzt sitze ich hier neben ihr und habe eine Goldmedaille.“ Und auch dabei soll es nicht bleiben. Auch Rothenberger hat ehrgeizige Pläne mit seinem erst zehnjährigen Cosmo. Wenn eines Tages jemand Isabell Werth wieder schlägt, dann will er es sein.

          Quelle: F.A.Z.

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