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Dressur Hehre Unschuld, reuige Sünderin, resolute Klägerin?

 ·  Gute Nerven hat sie. Das weiß man seit Olympia 2000 in Sydney, als die Dressurreiterin Ulla Salzgeber sich unter aufreibenden Bedingungen am letzten Tag die Bronzemedaille schnappte. Gute Nerven braucht sie heute mehr denn je.

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Gute Nerven hat sie. Das weiß man seit den Olympischen Spielen in Sydney, als die Dressurreiterin Ulla Salzgeber sich unter aufreibenden Bedingungen am letzten Tag die Bronzemedaille schnappte. Damals fiel mitten in ihrer Kür die Musik aus, ein schmissiges Potpourri aus Carmina Burana. Scheinbar ungerührt ließ sie ihr Pferd Rusty weiterschreiten und diskutierte mit dem Chefrichter. 30 Minuten später ritt sie zur Musik von der Ersatz-CD fehlerlos an der Stelle weiter, an der sie unterbrochen worden war.

Gute Nerven braucht Ulla Salzgeber heute mehr denn je. An diesem Freitag beginnen in Gera die deutschen Meisterschaften der Spring- und Dressurreiter, und wie angekündigt ist die 44 Jahre alte Europameisterin aus Bad Wörishofen am Start. Sie wird mit dem fünfzehnjährigen lettischen Wallach Rusty und mit ihrem Nachwuchspferd Wall Street antreten. Und nicht nur wegen ihrer vielen Erfolge werden alle auf sie schauen. Ein positiver Dopingtest bei Rusty hat gerade ihre strahlende Karriere verdunkelt. Während des laufenden Verfahrens darf sie zwar bei den deutschen Meisterschaften starten. Ihre Titelverteidigung bei den Europameisterschaften in fünf Wochen in Hickstead steht jedoch in Frage. Die Regularien des Deutschen Olympiadekomitees besagen nämlich, daß Reiter, gegen die ein Dopingverfahren läuft, nicht für ein Championat nominiert werden dürfen.

Ulla Salzgeber wird sich in Gera nicht nur von den fünf Richtern beurteilen lassen müssen. Viele Zuschauer werden fragen: Ist sie unschuldig oder eine reuige Sünderin? "Fahrlässigkeit" hat sie ja immerhin selbst eingeräumt, weil sie ihren Haustierarzt Hans Stihl bei Rusty ohne Kontrolle eine Medikation hatte vornehmen lassen. Mit welchen Mitteln wird sie um die Chance kämpfen, bei den Europameisterschaften ihren Titel zu verteidigen? Wird sie es wagen, sich juristisch mit dem eigenen Verband anzulegen? Hält sie sportlich dem Druck stand? Unter normalen Umständen wäre ihr der deutsche Meistertitel sicher, zumal Farbenfroh, das zweite deutsche Spitzenpferd, nach einer nicht genau benannten Verletzung noch geschont wird und fehlt.

Der Fuchswallach, mit dem Nadine Capellmann im vergangenen Jahr Doppelweltmeisterin wurde, wird schmerzlich vermißt. Mit ihm und Rusty im Team gäbe es keinen Zweifel daran, daß die deutsche Equipe zum 20. Mal nacheinander den Europameistertitel gewinnen würde. Ohne die beiden ist die Erfolgsserie in Gefahr. "Die Dressur ist so spannend wie nie", tröstet sich Ferdi-Jörgen Wassermeyer, der neue Vorsitzende des deutschen Dressurausschusses, zwar. Aber in Gera kommen unangenehme Aufgaben auf ihn zu. Nadine Capellmann nämlich, die sich mit dem Ausschuß zerstritten hat, weil sie bei ihrem Heimturnier in Aachen nicht für Deutschland reiten durfte, wird nun wahrscheinlich wieder dringend gebraucht - auch mit ihrem bereits achtzehnjährigen Gracioso, der für die Equipe von Aachen noch für zu alt befunden worden war. "Das ist kein Widerspruch", sagt Bundestrainer Holger Schmezer. "In Aachen wollten wir ein junges Pferd auf internationalem Niveau bekannt machen, und zwar im Hinblick auf Olympia 2004." Für Hickstead jedoch käme ein wackerer Punktesammler wie Gracioso gerade recht. Man darf also auch in dieser Beziehung gespannt sein: Welche Demutsgeste wird die 37jährige Nadine Capellmann vom Ausschuß verlangen? Wird er um des Erfolges willen darauf eingehen?

Die Auseinandersetzung mit der beleidigten Weltmeisterin dürfte aber noch der einfachere Teil des Funktionärstreffens in Gera werden. Wenn es gelingt, eine beschlußfähige Anzahl von Vorstandsmitgliedern des Deutschen Olympiadekomitees für Reiterei (DOKR) zusammenzutrommeln, wird dieses Gremium über den weiteren Umgang mit dem Dopingfall Salzgeber entscheiden müssen. Die Zeit drängt: Bereits am kommenden Dienstag müssen fünf Reiter für die Europameisterschaften fest benannt werden. Es gilt, auf schwankendem Grund eine klare Strategie zu entwickeln. "Es muß ein sauberes Verfahren sein", betont DOKR-Geschäftsführer Reinhard Wendt. "Wir müssen es nach innen und auch gegenüber der Öffentlichkeit vertreten können." Die wichtigste Frage wird sein, ob das DOKR die Reiterin entgegen seiner eigenen Richtlinie für das Championat nominieren kann - und soll.

Geht es nach Ulla Salzgebers Anwalt Ulf Walz, so muß das Verfahren sowieso wegen Formfehlern eingestellt werden. Er hat ein Gutachten erstellen lassen, das besagt, daß im Dopingreport der Internationalen Reiterlichen Vereinigung die Beweise für eine Überschreitung des Testosteron-Grenzwertes fehlen. (Siehe F.A.Z. vom 4. Juli.) Außerdem moniert er die dreimonatige Zeitverzögerung zwischen Dopingkontrolle Ende März und Veröffentlichung des Ergebnisses Ende Juni, die nun die Reiterin vor der EM unter Zeitdruck setze. Eine eventuelle vierwöchige Sperre könne andernfalls ja sogar bereits abgesessen sein. Sollte Walz' Argumentation tatsächlich das ganze Verfahren in Frage stellen, würde das DOKR wahrscheinlich über seinen Schatten springen und Ulla Salzgeber nominieren. Andernfalls würde wohl der seit 1995 gültige Beschluß angewandt, auf die Gefahr hin, daß Ulla Salzgeber ihn juristisch abprüfen läßt. Dann müßte der Verband versuchen, die Lücke so gut wie möglich zu schließen. Neben den Mannschafts-Weltmeistern Klaus Husenbeth mit Piccolino und Ann Kathrin Linsenhoff mit Renoir kämen vor allem Isabell Werth mit dem vielversprechenden neunjährigen Satchmo und Heike Kemmer auf dem zehnjährigen Bonaparte in Frage. Und Nadine Capellmann mit Gracioso. Das wäre noch in anderer Hinsicht eine Genugtuung für die Dressur-Rebellin. Schließlich war sie es, die damals in Sydney die Bronzemedaille an die kämpferische Ulla Salzgeber verlor.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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