14.07.2006 · Die Episode im Gelben Trikot war nur kurz, im Gespräch bei der Tour de France ist Sergej Gontschar dennoch geblieben. Das hat mit einer Großrazzia beim Giro d'Italia 2001 zu tun, als auch Gontschar unter Dopingverdacht geriet.
Von Rainer Seele, Val d' AranDie Episode in Gelb war nur von kurzer Dauer für Sergej Gontschar, im Gespräch ist der Ukrainer bei der Tour de France dennoch geblieben. Das hat mit seiner Vergangenheit zu tun, mit dem Jahr 2001, als der Giro d'Italia von einer Großrazzia erschüttert worden war - und auch Gontschar unter Dopingverdacht geriet.
Das Geschehen von damals holte den Radprofi, der seit dieser Saison bei T-Mobile unter Vertrag steht, nun wieder ein. Und es beschäftigte auch seinen Rennstall, der wegen einer Veröffentlichung in der französischen Zeitung „Le Monde“ am Donnerstag über einen Gontschar betreffenden Vorfall beim Giro 2001 noch einmal Erkundigungen über den Radprofi einholte. Allerdings sieht man bei T-Mobile keinen Anlaß, Maßnahmen zu ergreifen. „Le Monde“ berichtete über ein angebliches Verfahren gegen Gontschar; es ist jedoch im vergangenen Jahr von der italienischen Justiz eingestellt worden.
Doping Bestandteil des öffentlichen Alltags
Es handele sich um eine „uralte Sache“, sagte Christian Frommert, Leiter der Kommunikationsabteilung bei T-Mobile. Die Bonner hatten gleichwohl schon am Mittwoch, als Gontschar das Gelbe Trikot an den Franzosen Cyril Dessel verlor, den Ukrainer befragt und auch Kontakt zu seinem italienischen Anwalt aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war bereits bekannt, daß „Le Monde“ Gontschar in den Mittelpunkt eines Artikels über die Vorkommnisse bei der Italien-Rundfahrt 2001 stellen würde. T-Mobile ließ sich dabei bestätigen, daß die Angelegenheit erledigt sei. Außerdem setzten sich die Bonner am Mittwoch mit dem nationalen Rivalen Team Gerolsteiner in Verbindung, da dessen italienischer Star Davide Rebellin - er startet nicht bei der Tour de France - ebenfalls im Zuge der Untersuchungen beim Giro 2001 ins Gerede gekommen war. Aber auch gegen Rebellin wird nicht mehr ermittelt.
Diese Aktivitäten verdeutlichen allerdings, wie sehr das Thema Doping Bestandteil auch des öffentlichen Alltags im Profiradsport geworden ist. Auch T-Mobile, das seinen Kapitän Jan Ullrich kurz vor der Tour wegen der schweren Anschuldigungen, daß der Rostocker in ein Dopingnetzwerk verstrickt sei, suspendiert hatte und das nun auch die Zusammenarbeit von Profis mit umstrittenen italienischen Medizinern neu regeln möchte, kann sich davon nicht lösen. Der beinahe schon überlebenswichtige Eindruck, nach der Suspendierung verdächtiger Fahrer wäre die Tour nun sauber, habe gar erfolgreich Selbstreinigungskräfte entwickelt, ist permanent bedroht durch die Möglichkeit, daß schon morgen neue Verdachtsmomente ans Licht kommen könnten.
„Ich bin zu einem Freund gegangen“
„Le Monde“ gab nun eine Unterhaltung zwischen Gontschar und Paolo Barro, der bei dem Team Liquigas verantwortlicher Arzt war, während des Giro 2001 wieder. Sie war von den italienischen Behörden heimlich in Zimmer 205 des Hotels Italia in Molina di Fiemme aufgenommen worden. Der Radrennfahrer hatte sich gegenüber Barro über ein „ein Pfeifen in den Lungen“ beklagt. Barro untersuchte Gontschar und fragte den Ukrainer: „Wie fühlst du dich für das Zeitfahren morgen? Was fehlt dir? Ein Zäpfchen? Du weißt, das Hormon wird nicht lange genug anhalten, das Zeitfahren ist zu lang, du riskierst einen Hungerast.“
Gontschar antwortete, er habe Optalidon, ein Schmerzmittel in Ampullen. „Außerdem habe ich ...“ - Schweigen. „In welcher Form?“ „In Phiolen“, entgegnete Gontschar. „Wo hast du das her?“ Daraufhin sagte Gontschar: „Ich bin zu einem Freund gegangen.“ Barros Replik: „Du machst es richtig, das Zeitfahren ist wirklich lang.“ Die Zeitung „Le Monde“ schrieb weiter, daß Giuliano Peruzzi, zweiter Mediziner bei der Equipe Liquigas, der damaligen Staatsanwältin von Padua, Paola Cameran, erzählt habe, über welches „Hormon“ Gontschar und Barro gesprochen hatten: Es sei Glucagon gewesen, das die Bildung des Wachstumshormons stimuliert. Es steht auf der Liste der verbotenen Substanzen.
Von der Tour de Suisse ausgeschlossen
Am 6. Juni 2001 war die Polizei im Zimmer von Gontschar in einem Hotel in San Remo aufgetaucht und stellte zahlreiche aus Rußland stammende Medikamente sicher, für die, wie es hieß, der Ukrainer nicht die geringste Rechtfertigung habe liefern können. Solche Produkte wurden auch bei seinem Masseur Nicolai Morosow entdeckt. Die Beamten vermuteten, daß Morosow den Handel auf Rechnung von Gontschar organisiert habe.
Der italienische Radsportverband soll die Akten über den Fall Gontschar nach Informationen von „Le Monde“ nie an die sportliche Gerichtsbarkeit weitergeleitet haben. Auch Hein Verbruggen, der einstige Präsident des Internationalen Radsportverbandes, habe - obwohl von Paola Cameran unterrichtet - nichts unternommen, so „Le Monde“.
Gontschar, Weltmeister im Zeitfahren von 2000, war nach dem Skandal beim Giro 2001 von seiner Mannschaft Liquigas suspendiert worden. Zwei Jahre zuvor war er wegen eines überhöhten Hämatokritwertes, der als ein Indiz für mögliches Blutdoping betrachtet wird, von der Tour de Suisse ausgeschlossen worden. Gontschar ist jetzt 36 Jahre alt. Bei der 93. Tour de France, bei der angeblich die Masken fallen sollten, erlebte er, mit Etappensieg und Gelbem Trikot, noch einmal einen sportlichen Höhepunkt.