12.10.2009 · Die ARD stellt Linus Gerdemann unter Doping-Verdacht. Ob man den Radprofi, Kapitän des deutschen Teams Milram, tatsächlich für vertrauenswürdig hält oder nicht: Die Hemmschwelle, Fahrer an den Pranger zu stellen, wird immer geringer.
Von Michael EderDie Apokalypse war für vergangenen Mittwoch angekündigt. Die Agenturen überboten sich vorab in düsteren Vorahnungen und der Aussicht auf Sensationen. „Ein Doping-Nachbeben“ stünde bevor, wenn die französische Anti-Doping-Agentur (AFLD) in Paris ihre Pressekonferenz halte und die Ergebnisse der Nachkontrollen der Tour de France 2008 bekanntgebe. „Bis zu 17 Radprofis“, hieß es, seien von der AFLD „ins Visier genommen“. Würde der Radsport dieses Beben überleben? Oder endgültig im Doping-Sumpf verschwinden? Am Mittwoch dann: Nichts. Kein Beben, nicht die kleinste Erschütterung. Alle Nachtests negativ.
Diese ausgefallene Apokalypse ist bezeichnend für die Situation, in der sich der Radsport befindet. Seit 1998, seit dem Festina-Skandal, ist er zu einem Synonym für Doping im Sport geworden. Die Geister, die er rief, wird er nicht mehr los. Er hat fleißig dazu beigetragen, durch immer neue Enthüllungen, durch immer neue Skandale. Dass seit einigen Jahren keine andere Sportart härter und ausgiebiger auf Doping kontrolliert, konnte nichts am katastrophalen Image ändern. Es ist zu einem Automatismus geworden: In keiner anderen Disziplin werden Athleten so selbstverständlich als mutmaßliche Doper betrachtet wie im Radsport. Die Hemmschwelle, „Erdbeben“ anzukündigen, ist so gering, wie Fahrer an den Pranger zu stellen.
Das jüngste Beispiel betrifft Linus Gerdemann. Der Kapitän des Teams Milram, der von 2006 bis 2008 für T-Mobile und dessen Nachfolgeteam Columbia fuhr, ist am vorvergangenen Sonntag in der ARD-Sportschau in die Doping-Ecke gestellt worden. Den Beitrag kann man sich in der ARD-Mediathek noch immer unter dem Titel „Dopingverdacht bei Ullrich und Gerdemann“ anschauen. Die Präsentation: gewaltig. Die Beweislage: lausig.
„Das sind offensichtlich keine validen Daten“
Die Staatsanwaltschaft Freiburg, erfuhr man, hätte im Zuge der Doping-Ermittlungen gegen die ehemaligen T-Mobile-Ärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmitt in Hamburg ein Gutachten von in Freiburg beschlagnahmten Blutwertaufzeichnungen in Auftrag gegeben, und der ARD sei „eines dieser hoch brisanten und streng geheimen Blutgutachten zugespielt“ worden. Ergebnis: In Gerdemanns Proben seien zwischen Januar und Mai 2006 auffällige Hämoglobinschwankungen (17,2 und 14,2 Gramm pro Prozent) festgestellt worden. Normal seien Schwankungen von maximal einem Gramm. Das Gutachten ließe Zweifel wachsen am deutschen Radstar, hieß es in dramatischem Duktus. Die Übersetzung fand sich am nächsten Tag in den Medien wieder: „Gerdemann unter Doping-Verdacht”. So einfach ist das.
Ein Blick auf die Fakten freilich wirft ein anderes Licht auf den Fall, und da spielt es keine Rolle, ob man Gerdemann, der bis vor kurzem noch als Vorzeigeprofi der jungen Rennfahrergeneration galt, für vertrauenswürdig hält oder nicht. Die Fakten sind diese: Bei den Werten, die 2008 von Professor Klaus-Michael Braumann in Hamburg begutachtet wurden, handelt es sich nicht um offizielle Doping-Proben, sondern um Werte sportärztlicher Untersuchungen, wie sie der internationale Radsportverband für Profis mehrmals im Jahr vorschreibt.
Die Hämoglobinwerte, mit denen die ARD den Doping-Verdacht gegen Gerdemann nährte, haben vor diesem Hintergrund so gut wie keine Aussagekraft. „Das sind offensichtlich keine validen Daten“, sagt der Darmstädter Anti-Doping-Experte Dr. Klaus Pöttgen. Solche „blanken Werte“ würden in einem Doping-Verfahren keinesfalls ausreichen, um einen Sportler zu verurteilen.
„Aufgrund von solchem Material kann man keinen Rufmord riskieren“
Zwar sprächen die Schwankungen für eine Manipulation, aber genauso deutlich sei, dass es sich bei den Messungen nicht um „valide Daten“ handele. Dafür brauche man Messprotokolle der Geräte, Originalausdrucke, und man müsse die Bedingungen kennen, unter denen das Blut abgenommen wurde. „Vor einem Wettkampf, in einem Wettkampf, nach einem Wettkampf - schon diese drei Abnahmen sind unterschiedlich zu bewerten. Man muss wissen: War das vor einer Belastung, nach einer Belastung, wie waren die Bedingungen?“ Man müsse die Transportdauer der Proben kennen.
„Einfach zwei Zahlen rauszuhauen“, sagt Pöttgen, „das ist nicht seriös. Aufgrund von solchem Material kann man keinen Rufmord riskieren. Zwei solche Werte einfach in die Öffentlichkeit knallen, das geht nicht, das ist eine Katastrophe für den betreffenden Sportler. Das ist absolut unseriös. Der Athlet hat ein Recht auf valide Daten, und deshalb muss man Gerdemann ganz klar in Schutz nehmen. Wenn man einen Athleten an die Wand nagelt, dann muss man sauber vorgehen, und das ist hier offenbar nicht geschehen.“ Gerdemann hat nun das Problem, dass er sich nicht wehren kann. Dass er das „hoch brisante und streng geheime“ Gutachten nicht einsehen kann. Dass er nichts hat als zwei in den Raum gestellte Zahlen.
„Kein aktiver oder ehemaliger Radrennfahrer als Beschuldigter“
Der Freiburger Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier hat mit Hinweis auf das laufende Ermittlungsverfahren erklärt, er werde „zu Personen und Werten nichts sagen“. Was er sagen könne, sei, „dass bei uns kein aktiver oder ehemaliger Radrennfahrer Beschuldigter ist“. Beschuldigte in dem Freiburger Verfahren, das bis zum Jahresende abgeschlossen sein soll, sind vielmehr die beiden früheren T-Mobile-Teamärzte Heinrich und Schmidt, außerdem eine Apothekerin, die Epo geliefert haben soll, sowie die ehemaligen Sportlichen Leiter des Teams T-Mobile Mario Kummer, Rudy Pevenage und Olaf Ludwig wegen Beihilfe zur Körperverletzung.
Gerdemann, sagt der Freiburger Oberstaatsanwalt, könne einen Antrag auf Akteneinsicht stellen, über den der ermittelnde Staatsanwalt dann entscheide. Unter juristischen Gesichtspunkten sieht Maier allerdings keinen zwingenden Grund für eine Akteneinsicht mit der Begründung, sich gegen die ARD-Vorwürfe verteidigen zu müssen.
Wie ein Schatten auf Linus Gerdemanns weiterer Karriere
„Gerdemann wird nichts vorgeworfen, er ist nicht angeklagt, also muss er sich auch nicht verteidigen.“ Vielleicht muss er dies aber doch, denn Gerdemann weiß: Es steht ein Verdacht im Raum, der ihm seine Karriere kosten kann. Als Radsportler mit Doping in Zusammenhang gebracht zu werden ist eine Katastrophe, nicht nur für den Fahrer, sondern auch für sein Team, in diesem Fall Milram, das ohnehin um seine Zukunft kämpft.
Gerdemann ist erst einmal, wie lange geplant, nach Südafrika in Urlaub geflogen. Von dort aus hat er die ARD schriftlich aufgefordert, ihm innerhalb einer Woche jene Unterlagen zugänglich zu machen, die ihn angeblich belasten. Sein Anwalt prüft derzeit das weitere Vorgehen. Den Verdacht wird auch er nicht mehr aus der Welt schaffen können, er wird wie ein Schatten auf Gerdemanns weiterer Karriere liegen.