03.04.2005 · Der Dopingfall Danilo Hondo erschüttert das Radteam Gerolsteiner. Aber die Existenz der Mannschaft, die der neugeschaffenen ProTour angehört, soll deswegen nicht gefährdet sein.
Von Rainer SeeleEigentlich ein schöner Tag zum Radfahren: Sonnig und mild und damit wie geschaffen für einen flämischen Nationalfeiertag, als der in Belgien der Sonntag der Flandern-Rundfahrt gilt. Natürlich war dies auch wieder ein Tag, an dem der Zauber des Koppenberg gepriesen wurde und die Magie der Mauer von Geraardsbergen.
Allerdings war dazu am Sonntag, bei der 89. Auflage der „Ronde van Vlaanderen“ (die Lokalmatador Tom Boonen am Nachmittag gewann), doch nicht jedermann im Stande, denn über diesem sonnenhellen Sonntag lag auch ein Schatten, für das Team Gerolsteiner vor allem, aber auch für den deutschen Radsport generell.
Team Gerolsteiner erschüttert
Am Vorabend des Rennens sprach Hans-Michael Holczer, Teamchef der Equipe aus der Eifel, noch von seinem Schock, von einem Gefühl „wie bei einem schweren Schicksalsschlag“, von Unsicherheit, jedoch auch von einem gewissen Trotz. Der „Fall Danilo Hondo“, der Dopingverdacht gegen den Sprinter, hat das Team Gerolsteiner erschüttert.
Aber die Existenz der Mannschaft, die der neugeschaffenen ProTour angehört, soll deswegen nicht gefährdet sein. „Wir sind nicht das Team Hondo“, sagt Holczer, und er versichert, „konsequent dranbleiben“, dafür sorgen zu wollen, daß „die Geschichte weiterläuft“. Das zielt auf die Zukunft des Rennstalles, dessen Hauptsponsor ein Mineralwasserkonzern ist. Dieser wiederum hat bereits mitgeteilt, er wolle sein Engagement wie geplant bis 2008 fortsetzen.
„Völlig gegen das Prinzip“
Zwar gibt es gegen den Italiener Davide Rebellin, Klassiker-Spezialist des Rennstalls, ein schwebendes Verfahren; es geht dabei um Dopinganschuldigungen, die den Giro d'Italia 2001 betreffen. Die Affäre um Hondo, der bei der Murcia-Rundfahrt, wo er zwei Etappen gewann, zweimal positiv getestet worden war, trifft das Team jedoch wesentlich härter. Der Umgang damit fällt dem Schwaben Holczer schwer, er beteuert das jedenfalls immer wieder. „Es ist kein Job, den wir gewohnt sind“, sagt Holczer, und er betont auch, daß dieses Geschehen „völlig gegen das Prinzip“ des Teams Gerolsteiner laufe.
Holczer steht mit Hondo, der sich angeblich unschuldig fühlt, aber umgehend suspendiert worden war, in telefonischem Kontakt. Am Samstag hat er ihm dabei noch geraten, „zur Ruhe zu kommen, von der Sache Abstand zu gewinnen“. Allerdings fordert er von ihm auch, zu helfen, die Angelegenheit lückenlos aufzuklären.
Fakten werden verlangt
Holczer macht klar, daß er nichts wissen wolle von Märchen und Mythen, von einem möglichen dritten Mann. Holczer verlangt Fakten; schnellstmöglich soll geklärt werden, um welche Substanz es sich handelt, die bei Hondo gefunden worden ist. „Wir sind fieberhaft bemüht, Ergebnisse zu bekommen“, sagt der Macher des Teams Gerolsteiner, das von ihm in den Elitekreis des Profiradsports geführt worden ist und sich als nationaler Konkurrent von T-Mobile etabliert hat. Holczer wundert sich nur darüber, daß offensichtlich ein stimulierendes Mittel eingesetzt wurde - „das kann jeder Chemielaborant nach der zweiten Woche nachweisen“.
Hondo muß, sollte auch die B-Probe positiv ausfallen, mit einer zweijährigen Sperre rechnen. Die Karriere des Mannes, der beim Frühjahrs-Klassiker Mailand-San Remo Zweiter hinter dem Italiener Alessandro Petacchi geworden war, wäre damit vermutlich zu Ende. Schließlich wäre auch eine Anstellung in einem ProTour-Team im Anschluß an eine solche Strafe für weitere zwei Jahre ausgeschlossen; das ist in einer Vereinbarung der ProTour-Mitglieder verankert. Für Hondo ist nun, da der gebürtige Cottbuser mit Freundin und Tochter in Ascona lebt, der Schweizer Radsportverband zuständig.
„Ich habe mir nichts vorzuwerfen“
Holczer räumt zwar ein, daß er für niemanden die Hand ins Feuer lege. Er glaubt dennoch behaupten zu können, daß in seinem Team nicht von „organisiertem Doping“ geredet werden könne. „Das weiß ich mit Sicherheit“. Er habe ein ruhiges Gewissen, „ich habe mir nichts vorzuwerfen“. Eine intensivere medizinische Überprüfung der Profis als Konsequenz aus dem jüngsten Geschehen um eine sportliche Führungsfigur wie Hondo erachtet er nicht als sinnvoll - „das geht nur über die Einsicht und das Selbstverständnis der Fahrer“.
Holczer sagt sogar, daß der Profiradsport grundsätzlich sauberer geworden sei. Dem zu folgen, fällt allerdings nicht leicht angesichts eines Frühjahrs, in dem bei einer Razzia angeblich Dopingmittel bei der italienischen Formation Acqua e Sapone gefunden worden sind, in dem ein sportlicher Leiter des französischen Teams Ag2r wegen der Verwicklung in einen Dopingskandal in Polizeigewahrsam genommen wurde - und in dem nun auch ein deutscher Radstar ins Zwielicht gerückt ist.