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Doping-Test positiv Vor der Wahrheit kann Marion Jones nicht flüchten

20.08.2006 ·  Marion Jones hat laut ihrem Trainer Steve Riddick ihren positiven Dopingtest bestätigt. „Sie informierte mich, es gäbe bei ihr Spuren von Epo“, teilte der Coach der dreimaligen amerikanischen Sprint-Olympiasiegerin mit.

Von Jürgen Kalwa, New York
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Es dauerte nicht lange, und eine Stimme aus der Vergangenheit meldete sich via E-Mail. Es war Victor Conte, der Mann im Mittelpunkt des größten Dopingskandals in der amerikanischen Geschichte, der 2004 in einem Fernsehinterview beschrieben hatte, auf welche Weise sich seine berühmte Kundin verbotene leistungsfördernde Mittel injiziert habe. „Ich habe bezogen auf meine Beziehung zu Marion Jones immer die Wahrheit gesagt“, meinte der ehemalige Eigentümer des ominösen Balco-Dopinglabors in San Francisco, der inzwischen seine Gefängnisstrafe abgesessen hat.

Die Stellungnahme vom Samstag war das ferne Echo auf die Meldung des Tages aus der Leichtathletik, die am Anfang nur auf der Basis von anonymen Quellen kursierte, aber dann sogar von ihrem Trainer bestätigt wurde. Der hatte auf elektronischem Wege eine Nachricht direkt von der dreißigjährigen Sprinterin erhalten: „Sie sagte, ich hatte Spuren von Epo“, berichtete Steve Riddick. „Ich habe angefangen zu lachen. Aber sie hat gesagt, es sei ernst gemeint.“

„Öffentlicher Selbstmord“

Der Coach, der aufgrund seiner Verwicklungen in einen Scheckbetrügerring selbst in Schwierigkeiten steckt, mag die jüngste Entwicklung angeblich noch immer nicht glauben. Riddick tut so, als verstünde er überhaupt nichts von den vielen pharmakologischen Erkenntnissen, die sich Sportler heutzutage zu Nutze machen, um sich unlautere Vorteile zu verschaffen. Riddick hat angeblich erst in dem Moment mit der Recherche begonnen, als Marion Jones ihn mit dem positiven Dopingbefund auf Erythropoeitin (Epo) kontaktierte, und er ist zu diesem Fazit gelangt: „Es ist im Grunde unmöglich für Marion Jones, Epo zu nehmen und bei den Meisterschaften zu laufen. Das macht einfach alles keinen Sinn. Ich würde mein Leben darauf setzen, daß sie nie Epo genommen hat, es sei denn, sie möchte öffentlichen Selbstmord begehen.“

Mit dieser Einschätzung hätte Riddick vielleicht noch vor ein paar Jahren in den Vereinigten Staaten Zweifel säen und Sympathien wecken können. Im Sommer des Jahres 2006 erzielen solche Aussagen jedoch keinerlei positive Wirkung mehr. Statt dessen machten die wenigen Informationen über den Dopingfall Marion Jones am Samstag rasch und ohne jede Einschränkung die Runde. Sicher, so hieß es, man müsse noch die B-Probe abwarten. Aber die meinungsbildenden Medien sahen wenig Anlaß dafür, das Resultat aus der Urinprobe von den nationalen Meisterschaften am 24. Juni in Indianapolis anzuzweifeln, wo Marion Jones ihren ersten Titel im Sprint seit 2002 gewonnen hatte.

Kryptische Hinweise

In diesem Sommer war sie zum ersten Mal seit der Balco-Affäre wieder nennenswerte Zeiten (und sogar mehrmals unter elf Sekunden) gelaufen. Die Tatsache, daß sich die Athletin am Freitag urplötzlich ohne Worte aus Zürich abgesetzt und es ihren Repräsentanten überlassen hatte, der Welt ein paar kryptische Hinweise auf die Gründe für die Abreise vor ihrem geplanten Start bei Letzigrund-Meeting zu geben, wurde fast schon als Geständnis gewertet. Nachdem die Hauptdarstellerin verschwunden war, wurden die wenigen Fakten rasch verdichtet zu neuen Albtraum-Nachrichten für Amerika.

Die jüngsten Dopingbefunde bei Leichtathletik-Olympiasieger Justin Gatlin (Siehe: Doping: Olympiasieger Gatlin droht lebenslange Sperre) sowie bei Radprofi und Tour-Sieger Floyd Landis (Siehe: B-Probe bestätigt Dopingverdacht gegen Landis) haben auch dem letzten sportinteressierten Menschen in den Vereinigten Staaten klar gemacht, daß die Kritik der Dritten der WM von Helsinki über 100 und 200 Meter nicht mehr vom Tisch zu fegen ist: „Sie haben keine Skrupel, keine ethischen Grundsätze. Sie wollen Ruhm und Geld, selbst wenn das nur ein paar Jahre reicht“, so die Französin Christine Arron gegenüber der Sportzeitung „L'Equipe“ - eine Breitseite gegen die amerikanischen Sportler aus aktuellem Anlaß. Diese pauschale Anklage gegen eine systematische Mißachtung der Regeln des Sports wurde ohne Einschränkung von der „Chicago Tribune“ übernommen.

Sie hat keine Freunde mehr

Es ist deutlicher denn je: Marion Jones, die Frau mit dem vielfach gedopten Ehemann (Kugelstoßer C.J. Hunter) und dem gedopten Lebensgefährten (Sprinter Tim Montgomery, dem der Weltrekord aberkannt worden ist) hat keine Freunde mehr. Verdacht weckte nicht zuletzt ihre langjährige Zusammenarbeit mit Trainer Trevor Graham, der sie bei den Spielen in Sydney betreut hatte und der zuletzt Gatlin trainierte. Sie hat immer abgestritten hatte, jemals eine leistungsfördernde Substanz genommen zu haben, sie wurde bislang nie erwischt, nie angeklagt, trotz vieler Indizien und belastender Aussagen von Weggefährten. Hunter etwa hatte während des Balco-Prozesses ausgesagt, Zeuge gewesen zu sein, wie sich Marion Jones Dopingmittel injiziert habe.

Typisch war nun der Kommentar des Sprinters Ato Boldon, der aus Trinidad kommt, aber seine sportliche Karriere in den Vereinigten Staaten voran getrieben und dort die dreifache Goldmedaillengewinnerin von Sydney über 15 Jahre lang auf vielen Sportfesten erlebt hat. Es sei doch „jedem mit Verstand“ klar gewesen, daß Jones „im Grunde ihre ganze Laufbahn gedopt war“. Einem Radiosender in Melbourne in Australien gab er dies ganz unverblümt zu Protokoll.

Konsequente Politik der Verschleierung

Auch die Verantwortlichen im amerikanischen Leichtathletikverband (USA Track & Field) müßte diese Stimmung endlich zum Umdenken bewegen. Die Funktionäre praktizieren seit Jahren mit dem Argument, die Persönlichkeitsrechte verdächtigter Sportler hätten Vorrang vor der Integrität von Disziplinen und Wettbewerben, eine konsequente Politik der Verschleierung. So durfte der ertappte Justin Gatlin noch an den amerikanischen Meisterschaften teilnehmen, obwohl eine Woche zuvor in der A-Probe von einem Sportfest im April in Kansas Spuren eines anabolen Steroids gefunden worden waren. Inzwischen droht ihm eine lebenslange Sperre. In diesem Fall würde sein Titelgewinn in Indianapolis aus den offiziellen Listen gestrichen, die anderen Endlaufteilnehmer rückten jeweils um einen Rang auf. Dasselbe könnte in der Causa Jones geschehen - im Nachhinein müssen die nationalen Meisterschaften in Indianapolis wohl als Farce eingestuft werden.

Angesichts solcher Blamagen keimen Spekulationen, daß sich bei USA Track & Field immer mehr Funktionäre gegen die herrschende Praxis wenden und aus diesem Grund bereit gewesen sind, das Epo-Testergebnis von Marion Jones auf inoffiziellem Weg an die Öffentlichkeit zu bringen. Eine interne Revolution könnte ihr also zum Verhängnis geworden sein. „Es ist sehr traurig, daß die Vertraulichkeit der Testprozedere in diesem Fall verletzt worden ist, aber sie hat immer klar gesagt, nie leistungsfördernde Substanzen genommen zu haben“, sagte ihr Anwalt Richard Nichols. Ein letztes Gefecht steht bevor.

Quelle: F.A.Z. vom 21. August 2006
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