28.05.2007 · Die Schmalspur-Geständnisse suggerieren: Doping im Radsport, das war in den neunziger Jahren. Doch das ist nicht die Wahrheit. Es ging natürlich weiter. Viele Substanzen können nur schwer nachgewiesen werden, nach einigen wird gar nicht gesucht.
Von Evi SimeoniAls Erik Zabels treue Augen sich mit Tränen füllten, musste Oscar Sevilla noch schwitzen. Doch er war gut dabei. Am späten Donnerstagnachmittag, als sich der Saal in Bonn nach den Epo-Geständnissen von Zabel und Rolf Aldag schon wieder geleert hatte, gewann der Spanier die Königsetappe der Katalonien-Rundfahrt und übernahm für einen Tag die Gesamtführung. Oscar Sevilla? Das ist der Profi, den T-Mobile im vergangenen Jahr wie Jan Ullrich von der Tour de France suspendiert hatte wegen seiner Verstrickung in das spanische Doping-Netzwerk. Nun stellt er sich hin und sagt: "Man kann auch sauber gewinnen."
Es setzt sich offenbar eine neue Mode durch im Peloton: Man gibt den Geläuterten. Irgendwie muss die Branche ja auf den Druck durch die "Operación Puerto", die Enthüllungen des ehemaligen Telekom-Pflegers Jef D'hont und die Recherchen verschiedener Staatsanwaltschaften reagieren. Nun soll offenbar das allgemeine Bauchgefühl genutzt werden, um der Welt eine Umkehr vorzuspielen. Die Schmalspur-Geständnisse der vergangenen Woche suggerieren: Doping im Radsport, das war in den neunziger Jahren. Doch das ist nicht die Wahrheit. Es ging natürlich weiter. Doping im Radsport, das ist heute.
„Substanzen immer noch schwer zu finden“
Aldag und Zabel machten klar, wieso der Schritt zum Epo-Doping so verlockend war: Sie waren sicher, dass alle es nahmen. Und sie waren sicher, dass man es ihnen durch Tests nicht würde nachweisen können. Dazu bemerkte wenig später Bob Stapleton, der neue, missionarisch auftretende Teambesitzer von T-Mobile: "Doping ist immer noch sehr verbreitet. Und die Substanzen sind immer noch schwer zu finden." Das heißt: Für die meisten Profis sind die Voraussetzungen gleich geblieben. Wenn sie für T-Mobile oder CSC fahren, werden sie zwar durch ein internes Testprogramm reglementiert. Doch alle anderen haben immer noch das Geld, das Netzwerk, die Mentalität und den Rückenwind der Entscheider, die für Doping nötig sind. Die Pharma-Missbrauch-Karawane rollt weiter.
Tausende Tests können dieses Problem nicht aus der Welt schaffen, sie können höchstens das völlig hemmungslose Dopen eindämmen. Doch in der Regel laufen die Labors den von irregeleiteten Fachkräften beratenen Dopern weit hinterher. Zehn Jahre hat es gedauert, bis man einen verlässlichen Epo-Test entwickelt hatte. Mittlerweile aber ist schon längst die nächste Generation des Blutverdickers auf dem Markt. Man gewinnt das gentechnisch hergestellte Medikament, das eigentlich Nierenpatienten helfen soll, nicht mehr aus Hamsterzellen, sondern benutzt menschliches Material. So kann die Zuführung von außen nicht mehr nachgewiesen werden.
Laborratten des Sports
Auch ein Produkt aus China namens Eposino wird im Internet unter Fitness-Freaks lebhaft diskutiert. Eigenblut-Doping ist überhaupt nicht nachweisbar - der Blutvolumen-Test, der für den Nachweis von allerlei Blutmanipulationen eingesetzt werden könnte, wird noch nicht angewandt. Davon abgesehen kann man selbst das klassische Epo wie auch das beliebte Wachstumshormon nur in extrem kleinen Zeitfenstern dingfest machen. Und die routinemäßige Testosteron-Analyse versucht zur Zeit Floyd Landis bei seinem Verfahren vor dem amerikanischen Sportgerichtshof zu torpedieren. Immer wieder tauchen zudem neue, noch in der Entwicklungsphase befindliche Medikamente bei den Radprofis auf. Der Begriff von den radelnden Laborratten des Sports ist also nicht nur so dahingesagt.
Dazu gibt es viele Methoden, an Grenzwerte heranzudopen oder sich den Tests zu entziehen - entweder durch Verschwinden oder durch den Einsatz von Fremd-Urin. Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen etwa wurde den Radsportlern nach der Kontaktaufnahme durch das Anti-Doping-Personal so viel unbeaufsichtigte Zeit gelassen, dass der Urin-Austausch oder das Anbringen einer hübsch versteckten Vorrichtung - auch Penis-Attrappen waren offenbar schon im Einsatz - leicht möglich gewesen wären. Nur etwa fünf Prozent aller Dopingtests seien positiv, postulierte Stapleton. Darunter fallen auch die positiven Tests auf die nicht leistungssteigernde Gesellschaftsdroge Marihuana.
Wer beim Dopen erwischt wird, war also in den meisten Fällen schlicht unprofessionell, oder es ist ihm eine Panne passiert. Schließlich kann man sich viele Medikamente auch vorab genehmigen lassen: Sechzehn Dopingtests bei der Tour 2006 seien positiv gewesen, sagte Stapleton. Fünfzehn davon seien durch therapeutische Ausnahmegenehmigungen gedeckt gewesen. Nur Floyd Landis bissen die Hunde.
Grenzwert
Dirk Sternberg (crescendo)
- 28.05.2007, 12:54 Uhr
aurelius
Dirk Sternberg (crescendo)
- 28.05.2007, 17:01 Uhr
Bravo Patrick Friese
Volkmar Leisser (vleisser)
- 28.05.2007, 17:29 Uhr
Werbung mit Radfahrern
Friederine Teich-Erdmann (Teich-Erdmann)
- 28.05.2007, 17:56 Uhr