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Doping Sauberer Urin, leichtgemacht

03.11.2006 ·  Vor dem Wasserlassen bitte Hände waschen, heißt es für Athleten in Amerika. So wollen die Dopingfahnder verhindern, daß Wirkstoffe in die Urinprobe gelangen, die Epo-Doping verschleiern.

Von Evi Simeoni
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Jan Ullrich hat, wenn man so will, Hausfrauensorgen: Bekommt er seine Weste jemals wieder weiß? Übertriebener Einsatz von Waschmittel hilft da allerdings nicht. Im Gegenteil, er würde alles noch schlimmer machen: Eine auffällige Dosis Weißmacher in einer Urinprobe könnte nämlich schon bald als Dopingvergehen gewertet werden.

Die Substanz, um die es dabei geht, heißt Protease, kommt im Waschpulver vor und hat nach neuen Erkenntnissen Leistungssportlern schon häufig dazu gedient, Spuren des Blutdopingmittels Erythropoietin (Epo) zu maskieren. Sowohl das biochemische Institut der Sporthochschule Köln als auch das Anti-Doping-Labor in Lausanne sind dabei, einen Test auf Protease zu entwickeln. In Köln hofft man, die Validierungsphase bis Weihnachten abschließen zu können. In Lausanne heißt es, man plane eine Veröffentlichung bis Ende des Jahres. Nach der Validierung müßte ein Dopingtest der Welt-Anti-Doping-Agentur in Montreal zur Anerkennung vorgelegt werden.

„Reiskörner“ in der Harnröhre

"Auf die Idee gekommen sind wir durch ein Interview, das der ehemalige Radprofi Jesus Manzano gegeben hat", sagt der Kölner Professor Mario Thevis. Der Spanier hatte im Rahmen eines umfangreichen Dopinggeständnisses vor laufender Kamera beschrieben, wie er und seine Kollegen vom Rennstall Kelme die Einnahme von Epo verschleierten. Er habe vor Abgabe der Urinprobe eine Art Reiskorn in seine Harnröhre geschoben, das dann in den Behälter gefallen sei, wo es sich auflöste und alle Spuren eines gefährlichen Leistungssteigerers verwischte: Erythropoietin führt zu einer unnatürlichen Vermehrung der roten Blutkörperchen, wodurch die Sauerstoffkapazität und damit die Ausdauer eines Sportlers wesentlich erhöht werden kann. Allerdings ist dieser Mißbrauch manchmal sogar lebensgefährlich.

In letzter Zeit sind die Dopingbetrüger dazu übergegangen, Epo in kleinen Dosen einzunehmen, wodurch es nicht mehr nachweisbar ist. Offenbar ziehen manche Sportler es trotzdem vor, zu Verschleierungsmitteln zu greifen. "So viele Möglichkeiten, woraus dieses angebliche Reiskorn bestehen könnte, gab es nicht", sagt Thevis. "So kamen wir auf Protease." Im Gespräch mit Insidern konnte dieser Verdacht bestätigt werden. Nun wurde den Doping-Analytikern auch klar, warum sie immer wieder Dopingproben vorfanden, in denen sich unnatürlicherweise überhaupt keine Proteine mehr befanden. Das Mittel hatte ganze Arbeit geleistet und neben den Epo-Spuren auch alle anderen Eiweiße zerstört. Ohne Doping-Nachweis waren solche Proben bisher als negativ bewertet worden.

„Kleine Mengen mit bloßem Auge nicht zu erkennen“

Das Enzym Protease kommt in pflanzlicher, tierischer und menschlicher Variante vor, wird gentechnisch hergestellt und kann vielen Zwecken dienen. Hauptsächlich aber wird es massenweise dem handelsüblichen Waschpulver beigemengt, wo es seine proteinzersetzende und damit flecklösende Wirkung auch bei niedrigen Waschtemperaturen entwickelt. Megaperls schätzen viele, als Segen im Haushalt - und als verlockende Möglichkeit für Doper. Ein verschleierungswilliger Epo-Konsument muß nicht einmal die bunten Pulverzusätze aus dem Karton klauben: Protease gibt es mittlerweile schon bei den einschlägigen Dopingmittel-Händlern im Internet, man kann es im Chemiegroßhandel oder in Apotheken kaufen, ganz nach dem Motto: sauberer Urin, leichtgemacht. Wobei die unangenehme Harnröhren-Variante nicht einmal zwingend nötig ist. Man kann das Pulver in die Hosentasche stecken, einen Finger damit präparieren und im rechten Moment den Urin darüberlaufen lassen. "Man braucht so kleine Mengen, daß sie mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind", sagt Thevis.

Wenn es stimmt, was der Schweizer Fernsehsender SF 1 berichtet hat, dann muß auch Jan Ullrich fürchten, eines Tages des überhöhten Waschmittelverbrauchs überführt zu werden. Es existiere, vermeldete der Sender, eine Urinprobe Ullrichs ohne jegliche Spur von Epo, also auch ohne Rückstände der immer vorhandenen körpereigenen Epo-Produktion. Diese Probe, hieß es im Schweizer Fernsehen, stamme vom Dezember 2005 und sei bei einem Trainingslager in Südafrika entnommen worden. Die "Neue Zürcher Zeitung" berichtete sogar von der Existenz zweier weiterer verdächtiger Proben, die möglicherweise in naher Zukunft nach-analysiert werden könnten. Das Anti-Doping-Labor in Lausanne wollte das allerdings nicht bestätigen: "Bei uns sind die Proben anonymisiert. Wir kennen nur eine Code-Nummer und die betreffende Sportart", sagt Neil Robinson, der in der Schweiz mit der Entwicklung des Protease-Tests befaßt ist. Wer also könnte gegenüber den Schweizer Medien geplaudert haben? Theoretisch ist einzig der Internationale Radsportverband in der Lage, Dopingproben von Radprofis mit Sicherheit bestimmten Namen zuzuordnen.

Ananas zu essen reicht nicht

Rundum von Epo-Rückständen befreite Urinproben können allerdings nicht als Beweis für ein Verschleierungsmittel dienen. Eine solche Aussage wäre zu pauschal. "Um das zu entscheiden, wären umfassende Studien nötig", sagt Thevis. Der in Köln entwickelte Test kann Spuren des Enzyms nachweisen. Allerdings ist Protease selbst ein Protein, zerstört sich im Endeffekt also auch selbst. "Doch es ist wie mit dem Feuer", erklärt Thevis. "Das brennt so lange, wie Material da ist. Hinterher findet man Brandspuren." Die Substanz bleibt im übrigen um so länger im Urin erhalten, je kälter die Probe aufbewahrt wird. Sein Institut könne, sagt Thevis, auch zwischen menschlicher und von außen zugeführter Protease unterscheiden. In eigenen Versuchen stellte Thevis fest, wieviel Protease nötig ist, um eine Urinprobe gründlich zu verfälschen. Der Wirkstoff kommt nämlich im Alltag häufig vor, zum Beispiel in Ananas. Doch lediglich Ananas zu essen reiche nicht aus, um Epo-Spuren im Urin zu verschleiern, sagt Thevis.

Auch in den Vereinigten Staaten sind in den Urin geschmuggelte Verschleierungsmittel ein Thema. Die amerikanische Antidoping-Behörde hat deswegen reagiert. Sie verkehrte für Athleten eine alte Regel ins Gegenteil: vor dem Wasserlassen bitte Hände waschen.

Quelle: F.A.Z., 03.11.2006, Nr. 256 / Seite 32
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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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