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Doping Männeken, piss!

03.03.2009 ·  Der Sport wird von zwei Seiten stranguliert: vom Doping - und von den Praktiken des Anti-Doping-Kampfes. Der Widerstand gegen die Totalüberwachung wächst. Und der Sport bekommt Rückendeckung von Datenschützern und Juristen. Das Ende des Anti-Doping-Systems ist absehbar. Die Frage ist: Was kommt danach?

Von Michael Eder
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Doping ist der natürliche Feind des Sports, doch Ironie des Schicksals: Es ist ausgerechnet der Anti-Doping-Kampf, der den Sport in die größte Sinnkrise seiner Geschichte stürzt. Mit der seit Jahresbeginn praktizierten Totalüberwachung, die auf dem Prinzip des Generalverdachts und der Generalverfolgung beruht, haben die Doping-Jäger den einst hehren Athleten endgültig in ein Männeken Piss verwandelt, das unter Aufsicht pinkeln muss, dem man nach Belieben Körpersäfte abzapft und das nur noch unter strengen Auflagen das Haus verlassen darf.

Früher stellte man sich einen Sportstar bei einer Höchstleistung vor, heute beim Urinieren – diese Herabwürdigung zerstört die Illusion vom Sport als Vertreter edler, fairer, für die Gesellschaft vorbildlicher Werte, zerstört eine Illusion, der bislang nichts etwas anhaben konnte, so belanglos, aufgeblasen, verdorben und korrupt der Sport auch gewesen sein mag. Der neue Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hat jedes Maß verloren, der Sport beginnt sich zu wehren – und er bekommt Rückendeckung von Datenschützern und Juristen.

Das System steht vor dem Fall

Auch die Bundesregierung hat größte Zweifel. „Der internationale Datenschutzstandard, den die Wada erarbeitet hat, ist nicht mit deutschem und europäischem Datenschutzrecht vereinbar“, sagte Christoph Bergner, Parlamentarischer Staatssekretär des für Spitzensport zuständigen Bundesinnenministeriums. Das System steht vor dem Fall.

Was der Wada-Kodex den Sportlern zumutet, erlebt der Leverkusener Beachvolleyballprofi Julius Brink jeden Tag. Wenn er morgens seinen Laptop einschaltet, erscheint als Startseite die Eingabemaske des „Anti-Doping Administration & Management System“, kurz ADAMS. „Bei mir geht nicht die Sonne auf“, sagt Brink, „sondern ADAMS.“ Dort hat er für die Nationale Anti-Doping-Agentur Nada sein Leben zu dokumentieren, Tag für Tag, 24 Stunden, drei Monate im Voraus. Der morgendliche Computercheck sei sein „Reminder“, sagt Brink.

„Unser Problem ist die Verhältnismäßigkeit“

Bloß nicht vergessen, sich umzumelden, bloß nicht woanders anzutreffen sein als eingetragen, bloß keine Fehler machen. Und wegen der neuen Ein-Stunden-Regel immer morgens von sechs bis sieben Uhr jede Minute am angegebenen Ort sein. Und sicherstellen, dass man die Klingel hört. Sonst gäbe es einen „Strike“, und drei Strikes würden gewertet wie ein Doping-Vergehen, bis zu zwei Jahre Sperre inklusive. „Unser Problem“, sagt Nada-Sprecherin Ulrike Spitz, „ist die Verhältnismäßigkeit. Für zwölf bis fünfzehn Trainingskontrollen im Jahr 365 Tage zur Verfügung stehen, das ist schon heftig.“

Über die Rechtmäßigkeit des Anti-Doping-Systems werden Gerichte entscheiden, und es ist unwahrscheinlich, dass es einer juristischen Prüfung standhält. Schon im vergangenen November hatten die zuständigen Minister auf einem EU-Treffen in Biarritz ihre Bedenken zum Ausdruck gebracht. Es herrschte weitgehend Einigkeit, dass der Wada-Kodex gegen EU-Recht, vor allem gegen Richtlinien des Datenschutzes, verstößt. Die Wada bewegt sich, so viel steht schon jetzt fest, auf dünnem Eis, die Übermittlung von persönlichen Daten an ADAMS ohne Beachtung des europäischen Datenschutzrechts könnte demnächst von Verteidigern in Prozessen aufgegriffen werden.

Gründe, die keiner nachvollziehen kann

Schadensersatzforderungen und die Aufhebung von Sperren könnten die Folge sein, ebenso Bußgelder der Datenschutz-Aufsicht gegen die Anti-Doping-Agenturen. In Brüssel wartet man gespannt auf den Abschlussbericht der EU-Datenschutz-Arbeitsgruppe „Artikel 29“, die derzeit den Wada-Kodex im Hinblick auf eine mögliche Verletzung von Persönlichkeitsrechten prüft. Der Bericht ist für Anfang Mai angekündigt, und falls sein Ergebnis so ausfällt, wie allgemein erwartet wird, wird der Wada-Kodex in seiner jetzigen Form, wird die Totalüberwachung nicht mehr zu halten sein.

Bis dahin wird Julius Brink seine Tage mit ADAMS verbringen. Aus Gründen, die keiner nachvollziehen kann, auch die Nada nicht, sind die besten deutschen Volleyballspieler – wie weitere rund 450 Athleten – in den höchsten, den sogenannten „Registrierten Kontrollpool“ eingeteilt, sie werden behandelt wie Radfahrer, Ruderer, Kugelstoßer oder Gewichtheber. „Ich verstehe nicht, warum wir Volleyballspieler in die Gruppe der Hochrisikosportarten reingerutscht sind“, sagt Brink.

Permanent muss nachgebessert werden

Der Grund ist, dass der internationale Volleyball-Verband sage und schreibe 48 deutsche Spieler für seinen Testpool gemeldet hat und die Nada verpflichtet ist, diese Athleten in den „Registrierten Kontrollpool“ einzuteilen, für den die strengsten Auflagen inklusive der Ein-Stunden-Regel gelten. Andere Verbände haben das nicht getan, für Fußballspieler zum Beispiel gilt die Ein-Stunden-Regel nicht. Für Fechter und Tischtennisspieler hingegen schon. „Das ist vergeudetes Geld“, sagt Brink. „Wir haben durch die Einteilung eine erhöhte Zahl von Kontrollen, einen Teil davon könnte man sicherlich sinnvoller einsetzen.“

Wie soll man seinen Aufenthaltsort drei Monate im Voraus angeben? Unmöglich. Also wird grob eingetragen, und dann muss permanent nachgebessert werden. „Es ist ein erheblicher Aufwand“, sagt Brink. „Bei uns gleicht kein Trainingstag dem anderen, unser Alltag ist wenig strukturiert. Wir haben ständig wechselnde Hallen, Zeiten, die sich verschieben.“ Das geht noch, problematischer ist die private Lebensplanung. „Wie soll ich heute wissen, ob ich nächsten Sonntag schwimmen gehe oder mir ein Eishockeyspiel angucke.“ Kurzfristige Aktionen werden zum Problem. Matthias Steiner, Olympiasieger im Gewichtheben, fragt sich, was er denn machen solle, wenn er sich nach dem Training mal entscheide, mit Freunden ein Bier trinken zu gehen oder gar für zwei Stunden ins Kino?

Es geht auch um Sinn und Selbstverständnis des Sports

Lange Zeit blieb der Sport stumm. Nur notorische Querdenker wie der amerikanische Skirennläufer Bode Miller wagten es, die Doping-Fahndung („Piss-Polizei“) frontal anzugreifen. Sonst galt unter den Athleten selbst sachte Kritik als rufschädigend und gefährlich. Wer sich nicht allem fügen wollte, so das Totschlagargument, würde wohl etwas zu verbergen haben. Doch jetzt, da die Fahndungsmaschinerie orwellsche Dimensionen angenommen hat, regt sich der Widerstand.

Vom spanischen Tennisspieler Rafael Nadal bis zur russischen Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa laufen Stars weltweit Sturm gegen die Einschränkungen, die der zu Jahresbeginn verschärfte Wada-Kodex mit sich bringt. In Belgien klagen Radprofis und Fußballspieler gegen die flandrische Anti-Doping-Agentur, und auch der Internationale Fußballverband, dessen Athleten nur dem zweiten, dem Nationalen Testpool, zugerechnet werden, lehnen eine ganzjährige Meldepflicht ab.

Es geht bei alldem nicht nur um die Sportler, nicht nur um die Frage, ob das Kontrollsystem gegen den Datenschutz und gegen Artikel 8 der europäischen Menschenrechtskonvention sowie andere Gesetze zum Persönlichkeitsschutz und gegen das Arbeitsrecht verstößt, es geht auch um Sinn und Selbstverständnis des Sports, um die Sportidee selbst, die von zwei Seiten stranguliert wird: vom Doping – und von den Praktiken des Anti-Doping-Kampfes. Wer Sportler generell wie fluchtgefährdete Schwerverbrecher behandelt, führt den Sport und seine Werte und schließlich auch sich selbst ad absurdum.

Die bange Frage bleibt

Wenn Julius Brink in Leverkusen aus dem Haus geht, kommt er an einem Warnhinweis vorbei, an einem großen Schild, das er innen an die Wohnungstür geklebt hat, „NADA!“ steht darauf. Bevor er das Haus verlässt, signalisiert das Schild die Frage: Ist die Nada darüber informiert, dass du gehst, wohin du gehst? Ist alles vorschriftsmäßig gemeldet? „Das System ist grenzwertig“, sagt Brink. „Wenn man bedenkt, was wir für Informationen rausgeben . . . Ich glaube nicht, dass die Nada damit hausieren geht, aber es ist zweifellos ein erheblicher Eingriff in unsere Persönlichkeitsrechte.“

Er versuche, alles so gut wie möglich anzugeben, sagt Brink. „Wenn ich mehr als eine Stunde nicht zu Hause bin, dann notiere ich das in ADAMS. Wenn ich aber mal in den Real-Markt einkaufen gehe, dann trage ich das nicht ein. Und wenn ich von Leverkusen zum Shoppen nach Köln fahre, wie soll ich dann einen festen Ort angeben?“ Doch die bange Frage bleibt: Was, wenn in dieser Zeit ein Kontrolleur eine Probe nehmen will? „Wird ein/e Athlet/in nicht angetroffen, wird überprüft, ob der Grund darin liegt, dass die angegebenen Daten nicht stimmen. Wird dieser Fall festgestellt, wird ein Strike notiert“, heißt es in den Nada-Richtlinien.

Der Eishockeyprofi Sascha Goc von den Hannover Scorpions hat aus alldem die Konsequenz gezogen und seine Karriere in der Nationalmannschaft beendet. Er war nicht mehr bereit, sich als A-Kader-Mitglied dem Überwachungsregime des Registrierten Testpools zu unterziehen.

Hat Bode Miller recht?

Fiele das Wada-System nach Abschluss des Berichts der EU-Arbeitsgruppe in sich zusammen, so wäre der Anti-Doping-Kampf in seiner jetzigen Form gescheitert. Es gäbe dann keine Antworten mehr, nur noch Fragen: Gäbe es eine Alternative, ein Kontrollsystem, das Menschenwürde, Privatsphäre und Datenschutz der Sportler in ausreichender Form berücksichtigt? Kann es eine vertretbare und gleichzeitig erfolgversprechende Kontrolle geben? Gibt es eine Lösung, oder gibt es nur Unmöglichkeiten? Hat Bode Miller recht, wenn er sagt: „Wir können entweder eine freie Gesellschaft haben oder eine drogenfreie Gesellschaft, beides geht nicht.“

Anders gefragt: Bekommen wir den Sport, wenn überhaupt, nur mit totalitären Mitteln drogenfrei? Oder gar nicht? Brinks Tag fängt mit ADAMS an, und er hört mit ADAMS auf. Bevor er den Rechner am Abend herunterfährt, checkt er noch einmal den nächsten Tag. Alle Eintragungen richtig? Alles aktuell? Dann erst kann sich Brink zurücklehnen, dann erst geht ADAMS unter, bis zum nächsten Morgen.

Die neuen Meldepflichten: notwendige Maßnahme, um dem Dopingproblem Herr zu werden oder unverhältnismäßiger Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Sportler? Wie denken Sie über das neue Doping-Kontrollsystem? Diskutieren sie mit unter Das neue Meldesystem: Pro und Contra.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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