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Doping-Kommentar Persilschein ohne Versöhnung

18.04.2009 ·  Eigentlich ist das Bekenntnis der ostdeutschen Leichtathletik-Trainer, Mitwirkende des DDR-Dopingsystems gewesen zu sein, der erste Schritt zur erfolgreichen Vergangenheitsbewältigung. Aber in ihrer Erklärung fehlt das Entscheidende: die in die Einzelheiten gehende Selbstbezichtigung.

Von Anno Hecker
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Die Geschichten wiederholen sich seit nun fast zwanzig Jahren: Ein Trainer des Spitzensports wird als Doper entlarvt. Als Mitspieler im allumfassenden Manipulationssystem der DDR hat er gefährliche Pillen verabreicht, um seine Athleten auf Gold zu trimmen. Damals – lang ist es her. Und nun fährt er auf Kosten des allgemeinen Budgets zu den Olympischen Spielen. Selbstverständlich gilt er als Saubermann. Denn in den vergangenen beiden Jahrzehnten, beteuert der Sport, hat er sich nichts zuschulden kommen lassen.

Verdient nicht jeder eine zweite Chance? Es ist eine rhetorische Frage, die der deutsche Sport an den Anfang seines Lösungsversuchs stellt. Er ist diese Fälle leid. Er fühlt sich gestört durch alte Sprengsätze, die immer wieder – auch von den Sprechern der Opfer – ans Licht geholt werden; immer wieder auch vor großen Sportfesten, wenn Trainer und Athleten Ruhe beanspruchen für ihren Leistungsauftrag, wenn die Gesellschaft erwartungsfroh hinschaut. Der vermeintliche Überdruss dient den obersten Funktionären nun als Argument, den ehemaligen Dopern die Hand reichen zu müssen. Die Führung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hat bei den Bürgern einen Trend zur Generalamnestie ausgemacht. Zwanzig Jahre scheinen genug.

Es soll aber angeblich kein Persilschein ausgestellt werden. Vier Leichtathletik-Trainer und eine Trainerin mussten sich persönlich zu ihrer Verfehlung bekennen, Reue beteuern und ihre ehemaligen Sportler förmlich um Entschuldigung bitten: Mit einer Unterschrift unter eine zweifellos einmalige Formulierung in der deutschen Sportgeschichte, vorgelegt von einer „Unabhängigen Kommission des DOSB“, abgenickt vom Bundesinnenministerium und von der Sportführung (siehe: Doping in der DDR: Fünf Trainer bekennen sich zu Verfehlungen und Doping-Kommentar: Unpersönliches Papier). Das Selbstbezichtigungspapier soll die Basis für die Vergebung sein, eine aus Sicht der Sportführung akzeptable Hürde, wenn doch kaum jemand in der Gesellschaft bereit ist, Fehler zuzugeben. Ist es also nichts, nach zwanzig Jahren Verschwiegenheit zu bekennen: Ich war auch dabei?

Das Entscheidende fehlt - doch mancher Täter hat „alles gesagt“

Eigentlich ist das Bekennen der erste Schritt. Aber in den genannten Fällen fehlt das Entscheidende: die in die Einzelheiten gehende Selbstbezichtigung. Denn seit 18 Jahren ist genauestens bekannt, dass DDR-Trainer Doping-Mittel einsetzten. Doch der Versuch der fünf Unterzeichner, um Vergebung zu bitten, endet in einem für Doping-Opfer grotesken Satz: „Soweit die Sportler ... gesundheitliche Schäden davongetragen haben sollten, sind wir tief betroffen ...“

Sollten? Der als Standard vorgesehene Spruch zur Entschuldung ehemaliger Doper übergeht höchstrichterliche Feststellungen. Er blendet aus, dass sich frühere Athleten vor Gericht entblößen mussten, um Doping-Schäden beweisen zu können. Diese Menschen trugen unter physischen wie psychischen Schmerzen zu einer beispiellosen Aufklärung bei. Immerhin hat ihnen auch der junge DOSB zu einer kleinen Entschädigung verholfen. Was aber leisten ehemalige Täter? Zwei der fünf glauben, mit den dargelegten Sätzen „alles gesagt zu haben“ – und legen den Hörer auf.

Deutsch-deutsches Schweigegelübde

Es gibt also keine ausreichende Offenheit für eine Versöhnung. Und vermutlich ist es dafür auch zu spät. Denn die Fehler sind vor zwanzig Jahren gemacht worden, als die Vorgänger des DOSB eine rein medaillenorientierte Vereinigungsstrategie betrieben. Zwar bekamen einige der bekannten Uneinsichtigen und Doping-Förderer keine Chance. Aber die zweite Reihe unter den Manipulateuren wurde ganz bewusst eingegliedert. Der Westen schlug zwei Fliegen mit einer Klappe. Er sicherte sich Kenntnisse und sorgte für Ruhe. Eine ausgeschlossene DDR-Trainerschaft hätte sicher ihr Wissen über die Arbeit der Kollegen in der Bundesrepublik ausgeplaudert (siehe: Die westdeutsche Vergangenheit: Doper, vereint Euch).

Mit dem deutsch-deutschen Schweigegelübde ist ein Problem gewachsen, das den Sport überfordert, wenn er eine kurzfristige Lösung anstrebt. Die Führung hat keine Möglichkeit, so systematisch vorzugehen, wie sie es in Stasi-Fällen inzwischen tut – mit einer Überprüfung durch die Birthler-Behörde. Deshalb fühlt sie sich immer wieder gebremst durch Enttarnungen in ohnehin schwierigen Zeiten.

Nur der Dialog bietet eine Basis für Versöhnung

Die Erfolge haben stetig nachgelassen. Händeringend suchen DOSB-Mitglieder wie der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) – nicht ganz zufällig ein paar Monate vor der Weltmeisterschaft in Berlin – nach einer Lösung auf der ganzen Linie. Man wünscht sich eine Abwendung vom unbequemen Einzelfall und bietet im Gegenzug eine wissenschaftliche Forschung über Doping in Ost und West an. Die Entlastungserklärung, verbunden mit der Konzentration allein auf ein wichtiges, aber unpersönliches Forschungsprojekt, nähme Opfern aber endgültig die Chance, ihre Pillenverordner anzusprechen, endlich Erklärungen und Antworten zu drängenden Fragen zu bekommen.

Nur mit einem solchen Dialog aber lassen sich das Doping-System und seine Folgen bis in die Gegenwart verstehen und eine Basis für eine Versöhnung finden. Er ist schmerzhaft, langwierig, und vielleicht kostet die Kraft, die von allen Seiten aufgewendet werden muss, tatsächlich ein paar Medaillen. Das aber wäre der Beweis, dass es im Sport doch um mehr geht als um Siege.

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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