01.09.2003 · Kelli White ist im Besitz von zwei Goldmedaillen aus Paris abgereist, die ihr praktisch schon nicht mehr gehören. Wegen des Dopingvergehens werden ihr beide Titel aberkannt.
Von Hans-Joachim Waldbröl, ParisKelli White ist im Besitz von zwei Goldmedaillen aus Paris abgereist, die ihr praktisch schon nicht mehr gehören. "Wenn es nach uns geht, dann werden ihr jetzt so oder so beide Titel aberkannt", sagt Istvan Gyulai, der Generalsekretär des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), auf Anfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Das "oder" ist aber auch am Tag nach Abschluß der Weltmeisterschaften im Stade de France noch nicht ausgeräumt, weil es immer noch keine Entscheidung gibt und die IAAF-Führung auf die Antworten angefragter Wissenschaftler wartet.
Wettbewerb von Pharmakologen und Juristen
Gilt das erste "so", dann wird das in der Urinprobe der 26jährigen Sprinterin nach dem 100-Meter-Sieg gefundene Modafinil als leichteres Stimulantium eingestuft; die amerikanische Doppelweltmeisterin würde öffentlich verwarnt und für die gesamten Titelkämpfe disqualifiziert, also auch für die 200 Meter, nach denen sie übrigens nicht positiv getestet wurde. Läuft es auf das zweite "so" hinaus, dann wird sie wegen eines schwereren Dopingverstoßes mit einem Amphetamin auch noch für zwei Jahre gesperrt.
So oder so dauert das laufende Verfahren, der Wettbewerb von Pharmakologen und Juristen, zu lang für jene Mitläuferinnen von Kelli White, die von deren Ausschluß profitieren würden. Denn es gäbe für den Fall ihrer Verurteilung ja zwei neue Weltmeisterinnen, zwei andere Zweite, zwei aufrückende Dritte. Über 100 Meter hieße die Rangfolge: Torri Edwards (Vereinigte Staaten) vor Shanna Block (Ukraine) und Chandra Sturrup (Bahamas). Und über 200 Meter: Anastasia Kapaschinskaja (Rußland) vor Torri Edwards und Muriel Hurtis (Frankreich).
Entscheidung über Strafmaß bis Wochenmitte
Diese insgesamt fünf Damen hätten ihre andersfarbigen Trophäen sicher auch gerne noch im WM-Stadion um den Hals gehängt bekommen. "Aber in den Sportverbänden und auch in der IAAF wird das Thema Doping immer noch als ärgerlich angesehen, das einen von schöneren Dingen abhält", bestätigt der deutsche IAAF-Vizepräsident Helmut Digel. Sein Council-Kollege Gyulai stellt sich, zumindest in der Öffentlichkeit, offensiv auf seine Seite: "Mir wäre es auch lieber, unsere Anti-Doping-Experten hätten solche Fragen vor den Weltmeisterschaften geklärt, und wir hätten in Paris schneller handeln können."
Dennoch, so hofft der Generalsekretär, werde die IAAF-Führung wohl bis zur Wochenmitte zu einem Schluß kommen. Das dürfte auch im dringenden Interesse von Wilfried Meert liegen. Der Organisator des letzten Golden League Meetings am Freitag in Brüssel sollte rechtzeitig wissen, ob er Kelli White korrekt als Doppelweltmeisterin ankündigen kann - falls sie überhaupt vorhat, in dieser Saison noch zu starten.
Leichtathletik vor langem Rechtsstreit
Aufgeben wird die derzeit schnellste Frau der Welt so rasch sicher nicht, denn ihren Anwälten bietet sich gleich eine ganze Reihe von Ansatzpunkten, die Rechtmäßigkeit der Regeln oder ihrer Interpretation in Frage zu stellen: Muß eine Athletin, die ein ärztliches Attest über Narkolepsie vorlegen kann, ihre Behandlung mit einem Wirkstoff offenlegen, der nicht namentlich auf der Verbotsliste steht? Und dessen Klassifizierung nicht einmal der oberste IAAF-Mediziner, der Vizepräsident Professor Arne Ljungqvist, vornehmen kann?
Wer bietet die verbindliche Übersetzung, was in den IAAF-Sanktionsregeln mit "event", was mit "competition" gemeint ist? Gyulais Auslegung: "Das ,event' sind für mich die 100 Meter, aber der in unseren Statuten geforderte Ausschluß bezieht sich auf ,competition', also auf die gesamten Titelkämpfe." Warum das keine kleinliche Wortklauberei ist, beweist die Tatsache, daß die beiden Begriffe im neuen Welt-Anti-Doping-Code genau umgekehrt verwendet und verstanden werden.
Wer hat, wer behält am Ende Recht? Höchstwahrscheinlich die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Denn die Delegierten aus 210 Ländern haben beim IAAF-Kongreß vor Beginn der Weltmeisterschaften den Wada-Code ohne inhaltliche Diskussion akzeptiert - und damit auch den Text.