14.04.2009 · Jeder weiß was, jeden Tag kommen neue Details ans Licht: Die Sonderkommission Doping ist dabei, den österreichischen Sport auszumisten - aber Fragen werden offenbleiben. Rainer Seele hat sich in Wien auf Spuren- und Antworten-Suche begeben.
Von Rainer Seele, WienNichts gegen eine besondere Empfehlung, gegen ein bisschen Abwechslung, gerade in diesen Zeiten, die düster sind und auf das Gemüt schlagen. Ja, Österreich leidet, ein Orkan fegt über das Land, er trifft viele mit großer Wucht, er drückt nicht zuletzt heftig auf den Nerv des Sports. Das Wiener Wochenblatt „Falter“ schreibt von einem „verkohlten Krisengefühl“. Was kann man da nur tun? Mut fassen, rät die Publikation. Vielleicht mit einem guten Essen, mit gebackenem Ei auf Spinatpaste. Der Text zum Rezept wird als „Gerichtsbericht“ deklariert, das macht Sinn, und doch führt dieser Begriff auch gleich wieder zum großen Dilemma, zum grauen Alltag in Österreich. Justitia muss allgegenwärtig sein, sie muss handeln, auch im Sport, der ein einziger Sumpf zu sein scheint: überall böses Blut, Doping, Humanplasma als vermeintlicher Ort des Betrugs, eine verseuchte Szene.
Ein Treffen mit Gerald Tatzgern: „Café Griensteidl“, Wien, Michaelerplatz, früher war das Haus als „Café Größenwahn“ bekannt. Der Oberst Tatzgern war früher für Schleuserkriminalität zuständig, jetzt ist er Sprecher des Bundeskriminalamtes und damit auch der Sonderkommission Doping, die gerade dabei ist, den österreichischen Sport auszumisten. Tatzgern glaubt, dass das gelingen wird, größtenteils jedenfalls. Weil Österreich schließlich nicht so groß ist, da müsste man doch einigermaßen Licht ins Dunkel bringen können. „Vielleicht werden nur wenige Fragen offenbleiben“, sagt Tatzgern. Vorerst muss aber noch kräftig an der Erhellung gearbeitet werden. Tatzgern spricht von einem Puzzle, Teil für Teil wird aneinandergereiht, und im Gesamtbild, sagt Tatzgern, werde man schließlich nicht nur Elemente aus Österreich erkennen.
Fast Tag für Tag erhält die Soko, auch aus dem Profisport, neue Hinweise auf vermeintliche Doping-Sünder, die von dem Sportmanager Stefan Matschiner, der weitreichende Verbindungen aufbaute, und dem Langlauftrainer Walter Mayer mit verbotenen Substanzen versorgt worden sein sollen. Es gibt neue konkrete Anhaltspunkte, sie zielen auf Tirol. Es sind ja zuletzt viele Namen genannt worden. „Jeder weiß etwas über jemanden“, sagt Tatzgern. Das klingt ein wenig nach Tratschen, und der Oberst sagt deshalb, dass man sachte umgehen müsse mit all den Informationen, dass auch Athleten und ihre Karrieren geschützt werden müssten.
„Hilferuf einer Person, die möglicherweise in Schwierigkeiten ist“
Matschiner immerhin, schwer belastet von dem Radprofi Bernhard Kohl und der nach ihrer Doping-Beichte zurückgetretenen Triathletin Lisa Hütthaler, hat sich bisher kooperativ gegenüber den Behörden gezeigt. „Seine Angaben waren bis dato richtig“, sagt Tatzgern. Allerdings ist noch nicht sicher, ob sie auch vollständig gewesen sind. In einer Wohnung von Matschiner in Budapest fand die Polizei jedenfalls eine Blutzentrifuge und ein Blutabnahmegerät, gekauft im Jahr 2008, Gesamtwert 75 000 Euro. Wer sie benutzt hat, steht jedoch noch nicht fest, das ist eine der vielen offenen Fragen im österreichischen Doping-Skandal. Die Soko hofft, mit Hilfe von DNA-Spuren weiterzukommen.
Bei Mayer, der wie Matschiner in Untersuchungshaft sitzt, stoßen die Beamten bisher an Grenzen. Der Mann sei eher verschlossen, sagt Tatzgern, es geht dabei um seine möglichen Verwicklungen in Doping-Affären, auch bei Olympia 2006 in Turin. Mayer beklagt sich vorläufig lieber darüber, wie er gerade behandelt wird, er hält das für unangemessen. Tatzgern wertet diese Reaktion als den „Hilferuf einer Person, die möglicherweise in Schwierigkeiten ist“.
Das Handy von Oberst Tatzgern klingelt im Minutentakt
Tatzgern hat in diesen Tagen viel damit zu tun, das Wirken der Soko zu erläutern, die es bisher auf neun Festnahmen gebracht hat. Sein Handy klingelt fast im Minutentakt. Aber der Oberst bewahrt Kontenance, er beherzigt Wiener Gepflogenheiten auch beim Abschied - „Baba“. Und er versucht, dem Eindruck entgegenzutreten, dass Wien, dass Österreich eine wahre Doping-Drehscheibe sei. „Ganz im Gegenteil“, behauptet Tatzgern. „Ich bin überzeugt“, sagt er in einer etwas sperrigen Formulierung, „dass es in anderen Ländern mindestens genau solche Vorgänge gibt.“
Da liegt Tatzgern ganz auf einer Linie mit Claudia Bandion-Ortner, der Justizministerin von Österreich. Das Gros der österreichischen Spitzensportler sei sauber, erzählte sie neulich während einer Pressekonferenz, es gebe nur einige schwarze Schafe. Neben ihr saß Reinhold Lopatka, früher Staatssekretär für Sport, inzwischen kümmert er sich um Finanzen. Im August 2008 - da hatte Lopatka noch mit Sport zu tun - war das neue österreichische Anti-Doping-Gesetz in Kraft getreten; es ist seitdem in Österreich möglich, Handel und Weitergabe von Doping-Mitteln strafrechtlich zu verfolgen, ein Mann wie Matschiner könnte deswegen zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt werden. Lopatka fordert nun eine stärkere internationale Vernetzung im Kampf gegen Doping. „Es brauchte in ganz Europa so professionelle Doping-Jäger und so entschlossene Staatsanwälte wie in Österreich.“
„Kollektives Bewusstsein gegen Doping“ soll geschaffen werden
Lopatka redet immer noch gerne über Sport und Doping, obwohl das eigentlich nicht mehr in seine Verantwortung fällt. Vielleicht hängt sein Engagement auch damit zusammen, dass der neue österreichische Sportminister Norbert Darabos in dieser Debatte auf das Tempo drückt. Da möchte der begeisterte Marathonläufer Lopatka offenbar nicht den Anschluss verlieren. Darabos will ebenfalls dopende Sportler belangen, im Parlament regt sich dagegen allerdings Widerstand. Lopatka macht andere Vorschläge, Jugendliche beispielsweise könnten mit einem Anti-Doping-Pass ausgestattet werden. Damit soll ein „kollektives Bewusstsein gegen Doping“ geschaffen werden.
Ja, Lopatka ist sehr stolz auf das österreichische Vorgehen gegen Doping, er spricht von einem Qualitätssprung. „Ich habe darunter gelitten“, sagt er, „dass lange so viele Behauptungen und Verdächtigungen im Raum stehen geblieben sind.“ Allerdings ist die Aufklärung mühsam, Lopatka räumt das ein: Es gebe nach wie vor viel Nebel. Auch im Zusammenhang mit angeblich dubiosen Besuchen ausländischer Sportler in Wien, Lopatka selbst erwähnt sie immer wieder. Im Jahr 2007 etwa waren deutsche Wintersportler über Wien nach Asien gereist, Lopatka fand das sehr erstaunlich. Und er sagt, dass dies auch „hiesigen Sportfunktionären“ aufgefallen sei.
„Ich verstehe mich ausdrücklich als Gegner jeglicher Art von Doping“
Der Politiker hat zweifelsohne recht damit, dass eine „dichte Gemengelage“ an Gerüchten existiert, er selbst ist davon betroffen. Auch er habe sich bis vor einiger Zeit, angeblich aus familiären Gründen, wenig für Humanplasma interessiert, das war neulich in einer Zeitung zu lesen. Lopatkas Bruder Eduard nämlich steht als Teamarzt in Diensten des Österreichischen Skiverbandes. Er taucht dabei auf einer Liste auf, in der er und etliche Kollegen von ihm erklären: „Ich verstehe mich ausdrücklich als Gegner jeglicher Art von Doping.“
Die mutmaßlichen Machenschaften bei Humanplasma, einem Blutplasma-Spendezentrum am Alsergrund in Wien, waren zwar im März aus Mangel an Beweisen ad acta gelegt worden - nach dem Geständnis von Kohl, der die Blutbank zusammen mit Matschiner angeblich dreimal aufgesucht hat, fallen neue Schatten auf das Institut. Dort soll ein reger Betrieb im Dunkeln geherrscht haben, und die Spirale der Vermutungen dreht sich schnell: mehr als 100 Kunden aus Sportlerkreisen, 300 Blutbeutel für fragwürdige Zwecke, Behandlungen im Wert von jeweils 2000 Euro, ein möglicher Fall auch für die Steuerfahnder. All das wird kolportiert im Zusammenhang mit Humanplasma und angeblich skrupellosen Transfusionsmedizinern, und natürlich wird am Alsergrund heftig dementiert.
Die Blutbank gerät abermals ins Visier der Fahnder
Der Oberst Tatzgern hält sich mit Äußerungen über Humanplasma zurück. Auf Zahlen angesprochen, antwortet er allgemein. Dass zum Beispiel zu hören gewesen sei, dass jemand, der dope, für diese „Betreuung“ 80 000 Euro pro Jahr aufwenden müsse. Dass, generell, bei all diesen Leuten „das Unrechtsbewusstsein nicht sehr hoch ist“. Dazu passt ein grotesker Auftritt des Radrennfahrers Kohl Anfang des Jahres bei einer Comedy-Show, ausgestrahlt von ORF 1. Sie trug den Titel „Wir sind Kaiser“, sie transportierte eigenartigen alpenländischen Humor. Ein Mann, als Majestät verkleidet, schwadronierte: „Doping is nix Schlimmes. Aber erwischen lassen is a Blödsinn.“ Und der Untertan Kohl lächelte ergebenst.
So bringt das Thema Doping in Österreich auch manch zweifelhafte Inszenierung hervor, gewissermaßen als schaurig-schönes Sujet. Jene, die sich ernsthaft mit der Problematik und all ihren Auswüchsen auseinandersetzen, stehen vor vielen Fragen und manchen Gefahren. Manipulationen anzuprangern kann Bedrohungen auslösen, der Wiener Anti-Doping-Experte Hans Holdhaus etwa hat das festgestellt. Von anonymen Anrufern wurde ihm nahegelegt, den Mund zu halten. Auf Zetteln an seinem Auto stand: „Wer zu viel redet, kriegt Probleme.“ Aber Holdhaus will auch weiterhin nicht schweigen, er betont: „Ich stehe eindeutig auf der Anti-Doping-Seite.“ Er erwartet jetzt ein „reinigendes Gewitter“ in Österreich: „Wir können einen sauberen Sport auf die Beine stellen.“
„Wir werden künftig noch weniger konkurrenzfähig sein“
Ob das wirklich funktionieren kann mit Männern, die eine Vergangenheit haben, die in das DDR-System verstrickt waren und seit langem als Trainer in Österreichs Sport schalten und walten? Einige von ihnen sind gerne aufgenommen worden in Österreich wegen ihres ausgeprägten Knowhows, das sie vermutlich in vielerlei Hinsicht anwendeten. Einer aus dieser Gruppe, Helmut Stechemesser, war einst auch Coach des Leichtathleten Matschiner. Es ist ein seltsames Beziehungsgeflecht entstanden in Österreichs Sportwelt, die nun gehörig ins Wanken geriet.
Weil der Staat die Muskeln spielen lässt, weil illegale Praktiken und Vertuschung erschwert werden sollen, rechnet mancher jetzt mit einem Einbruch der Nation im internationalen Wettstreit. Der Sportredaktion des „Standard“ in Wien beispielsweise schwant, dass „wir künftig noch weniger konkurrenzfähig sein werden“. Der „Falter“ schließt von den aktuellen Erschütterungen auch im Sport auf gravierende gesellschaftliche Veränderungen, er ruft kurzerhand das „Ende der Bananenrepublik Österreich“ aus. Trotzdem werden auch Sport-Freunderln im Lande, habe die Ehre, weiterhin ein bisschen Kaiser sein. Sie finden einen Weg, garantiert.
Unverständlich!
Ewald Haberson (flyer50)
- 14.04.2009, 11:45 Uhr
überall böses blut
Anna-Maria Poller (annapol)
- 15.04.2009, 11:57 Uhr