17.07.2006 · Der niederländische Arzt Berend Nikkels gibt einen Einblick in die aktuelle Dopingszene. Er berichtet von „Zellen“ in Spanien, Italien, Österreich und der Schweiz, die Spitzensportler mit unerlaubten Mitteln versorgen: „Dort ist alles zu bekommen.“
Von Gerd SchneiderMan kann nicht sagen, daß der Niederländer Berend Nikkels in Deutschland ein bekannter Mann wäre. In der Eisschnellaufszene ist er manchen noch ein Begriff, er war jahrelang ganz offiziell der Arzt des Privatteams Spaarselect. Zu diesem Team gehörten bis zu seiner Auflösung im Jahr 2002 einige der besten Läufer aus den Niederlanden, etwa die Olympiasieger Gianni Romme und Marianne Timmer, große Figuren in der Sportszene ihres Landes.
Warum die bloße Erwähnung von Berend Nikkels in der Branche noch immer Stirnrunzeln auslöst, weiß man seit Januar dieses Jahres. Denn da tauchte der Name des Arztes aus Breda ganz plötzlich in Deutschland auf - und zwar in einer ganz brisanten Angelegenheit, dem Dopingprozeß gegen den Magdeburger Leichtathletik-Trainer Thomas Springstein (Siehe auch: 16 Monate Bewährungsstrafe für Springstein). Vor Gericht verlesene E-Mails ließen den Schluß zu, daß Springstein vor einigen Jahren in Kontakt mit Nikkels stand. Eine mit seinem Namen versehene Nachricht ("Nikkels an Top Speed") liest sich wie eine detaillierte Gebrauchsanleitung für die Einnahme von Eprex. Hinter dem Namen dieses Medikaments verbirgt sich das Blutdopingmittel Erythropoietin, kurz Epo.
Kontakte zu Springstein
In niederländischen Zeitungen räumte Nikkels damals zwar Kontakte zu Springstein ein. Aber er behauptete, diese Kontakte hätten niemals mit Doping zu tun gehabt. Doch jetzt hatte Nikkels in seiner Heimat einige öffentliche Auftritte, die erst recht an dieser Darstellung zweifeln lassen. In einem Interview mit der seriösen Tageszeitung "NRC Handelsblad" und später auch im niederländischen Fernsehen gab Nikkels so ungeniert und so fachkundig Auskunft über die im Radsport gängigen Dopingpraktiken, daß man das Gefühl hat: Hier spricht ein Experte (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Das Zeitalter des Gendopings hat begonnen).
Der Autor des Berichts in der Zeitung "NRC Handelsblad" nennt Nikkels in seinem gänzlich kritikfreien Bericht denn auch "einen der wenigen Insider auf dem Gebiet des Blutdopings". Der Artikel beginnt damit, daß Nikkels dem Journalisten bei dessen Besuch in seiner Hausarztpraxis in Breda einen Beutel zeigt, der einen Stoff namens Oxiglobin enthalte: denaturiertes, immunologisch neutral gemachtes Rinderblut. "Hundefutter nennen sie das im Peloton", so wird Nikkels zitiert. Die Substanz sei für die Veterinärmedizin entwickelt worden, zur Behandlung von Blutverlusten, etwa nach Operationen an Hunden (daher der Name "Hundefutter"). Für Nikkels ist das Blutersatzmittel eines der kommenden Dopingpräparate. Noch seien das keine Wundermittel. "Aber es gibt auf diesem Gebiet enorme Entwicklungen. Kunstblut, um es populär auszudrücken. Bald werden wir die ersten Fälle davon haben."
„Ein schwieriges Produkt“
Reiner Zufall, daß im E-Mail-Verkehr von Thomas Springstein auch von Oxiglobinen die Rede ist? "Dieses ist ein schwieriges Produkt, da der eigene Körper eine Gegenreaktion auf die synthetischen Hämoglobine zeigen kann", heißt es in einer Mail von einem gewissen "Peraita" (Spitzname "Top Doc") an Springstein, "wir versuchen es aus Krankenhäusern in den USA zu bekommen." Peraita soll ein Arzt aus Madrid sein. Im Interview mit dem "NRC Handelsblad" sprach Berend Nikkels nun von "Zellen", die die Athleten mit Dopingmitteln versorgen: "Es gibt in Spanien zwei Zellen, ebenso in Italien, eine in Österreich. (...)Dort ist alles zu bekommen." Im niederländischen Fernsehen bezog Nikkels später auch die Schweiz in das Doping-Netzwerk mit ein.
Der nächste "Zufall": Auch im aktuellen Dopingskandal rund um die Tour de France ist der Name Peraita gefallen. Es gibt offenbar Querverbindungen zwischen Eufemiano Fuentes, der zentralen Figur der Affäre, und einem gewissen Miguel Angel Peraita, der in Madrid eine Klinik besitzt. Die spanischen Fahnder durchsuchten bei ihren Ermittlungen auch die Geschäftsräume von Peraita, allerdings ohne etwas zu finden; deshalb wurden die Nachforschungen eingestellt. Die spanische Zeitung "El Pais" schrieb dazu unlängst: "Dennoch haben die Enthüllungen das Gedächtnis von Leuten aus der spanischen Leichtathletik aufgefrischt, die sich an die häufigen Besuche einiger wichtiger Leichtathleten im Madrider Stadtviertel Chamberi während der neunziger Jahre erinnerten, an Athleten aus Spanien und dem Ausland."
Keine Frage von Schuld oder Unschuld
Doch zurück zu Berend Nikkels. Der Hausarzt aus Breda scheint sich nicht nur bestens auszukennen in der internationalen Dopingszene - er hat auch eine eigenwillige Einstellung zu diesem Thema. Wie er in seinen jüngsten Medienauftritten kundtat, sei Blutdoping in den Ausdauersportarten wie Radrennen, Skilanglauf und Leichtathletik "keine Frage von Schuld oder Unschuld". Sondern: "Es ist einfach nicht mehr wegzudenken." Von Athleten aus dem Radsport, die er betreue, wisse er, daß sie seit Jahren intensiv damit beschäftigt seien. Das Eigenblutdoping, in letzter Zeit wieder in Mode gekommen, hält er gleich gar nicht für eine verdammungswürdige Praxis. Es sei eine Kombination aus den schon früher praktizierten Bluttransfusionen und Epo-Einsatz. Nikkels wörtlich: "Das ist eine Art hämatologischer Reservetank. Unter guten medizinischen Umständen ist diese Methode nicht unverantwortlich." Der Heidelberger Dopingbekämpfer Professor Werner Franke sagt zu diesen Äußerungen: "Das ist Schwachsinn. Wenn ein angehender Arzt bei mir so etwas in der Prüfung behauptet, fällt der hochkantig durch."
Daß Epo mit den gängigen Kontrollmethoden leicht nachzuweisen sei, hält Nikkels für einen "Bluff der Dopingjäger". Vielmehr könne man Eprex "ohne Risiko" in kleinen Dosen nehmen: "Wenn man es gut macht, hat man bei den Dopingkontrollen keinerlei Risiko, erwischt zu werden." In dem Interview mit "NRC Handelsblad" weist Nikkels den Verdacht von sich, er befürworte den Einsatz künstlich hergestellter Blutersatzmittel wie Oxiglobine oder gar Reboxygen, der gentechnisch hergestellten Variante eines Blutdopingmittels. Im Springstein-Prozeß war auch dieses Mittel beim Verlesen der E-Mail-Texte genannt worden. Diese Substanzen seien gefährlich, da sei für ihn die Grenze erreicht, so Nikkels. Aber eben erst da. Im Fall von Epo und Eigenblutdoping spricht er sich dagegen für eine Legalisierung aus. "Meiner Ansicht nach sollte für den Einsatz von solchen Mitteln ein Lizenzsystem eingeführt werden. Verbandsärzte sollten das begleiten. Das ist der einzige Weg."
Wer arbeitet noch mit Nikkels zusammen?
Wie viele niederländische Athleten mit Berend Nikkels zusammenarbeiten, ist ungewiß. Namen wollte er bei seinem Auftritt im niederländischen Fernsehen nicht nennen. Daß er Leistungssportler betreut, steht außer Frage. Im "NRC Handelsblad" ist vage "von einigen Sportlern aus dem Radsport und der Leichtathletik" die Rede. Zu diesen Athleten soll etwa Simon Vroemen, der Europarekordinhaber im 3000-Meter-Hindernislauf, gehören. Ob Nikkels privat - wie vermutet wird - noch mit niederländischen Eisschnelläufern zusammenarbeitet, ist nicht bekannt.
Nikkels selbst ist in diesen Tagen nicht ans Telefon zu bekommen. Seine Praxis in Breda, so erfährt man es durch den Anrufbeantworter, ist bis zum 24. Juli geschlossen. Die Tour de France - noch ein Zufall? - endet am 23. Juli.