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Doping im Radsport „Gedopt, um akzeptiert zu werden“

13.09.2006 ·  In Kürze wird der Fall Floyd Landis bei der amerikanischen Antidoping-Agentur Usada verhandelt. Unterdessen haben zwei frühere Teamkollegen des siebenmaligen Tour-de-France-Siegers Lance Armstrong den Griff zu unerlaubten Mitteln gestanden.

Von Jürgen Kalwa, New York
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Eine Woche, ehe der Fall Floyd Landis von der amerikanischen Antidoping-Agentur Usada abgewickelt werden soll, hat der Rechtsanwalt des Radfahrers die Verteidigungsstrategie aufgedeckt. Howard Jacobs will einen Freispruch seines Mandanten mit formaljuristischen Argumenten erkämpfen.

Zur Verhandlung stehen die Ergebnisse der Urinproben an, die Landis nach seinem überragenden Sieg auf der schweren 17. Etappe der Tour de France gegeben hatte. Das Labor entdeckte sowohl in der A- als auch in der B-Probe Spuren von synthetischem Testosteron. Landis muß deshalb nicht nur mit der Aberkennung des Gesamtsiegs der Tour rechnen, sondern auch mit einer zweijährigen Sperre.

Der eindeutige Befund soll nach Ansicht von Jacobs durch vertauschte Code-Nummern und weitere Verfahrensfehler zustande gekommen sein. Eine Einlassung, die Landis in einer schriftlichen Stellungnahme dankbar aufgriff: „Ich habe kein Testosteron oder andere leistungsfördernde Mittel genommen“, erklärte er aufs neue. „Ich freue mich, daß mein guter Ruf wiederhergestellt wird, damit ich mich auf meine Hüftoperation konzentrieren und mich auf die nächste Saison vorbereiten kann.“ Der dreißigjährige frühere Adjutant Lance Armstrongs, der nach dem Bekanntwerden der Testergebnisse vom Schweizer Phonak-Team entlassen wurde, leidet seit einem Oberschenkelhalsbruch an Knochenfraß und benötigt ein künstliches Gelenk. Die Mannschaft wurde inzwischen aufgelöst, nachdem der neue Sponsor, eine amerikanische Investmentfondsfirma, aufgrund der Affäre ausstieg.

„Jeder Athlet darf Einspruch einlegen“

Während man bei der Usada auf die Kommentare aus dem Landis-Lager im Detail nicht weiter einging (Generalsekretär Travis Tygart: „Jeder Athlet darf Einspruch einlegen.“), gaben zwei andere ehemalige Mitstreiter Armstrongs in Interviews mit der „New York Times“ zu, daß sie zu Dopingmitteln gegriffen haben. Frankie Andreu, Olympiavierter in Atlanta 1996, war 2001 vom aktiven Sport zurückgetreten und hatte zwischendurch als Co-Direktor des in den Amerika ansässigen „Toyota-United Pro Cycling Teams“ gearbeitet. Vor wenigen Wochen verlor er den Posten wegen einer Lappalie.

Seine Frau Betsy nimmt an, daß er die Kündigung aus einem ganz anderen Grund erhielt. Die beiden Eheleute hatten in einer zivilgerichtlichen Auseinandersetzung zwischen einer texanischen Versicherung und Lance Armstrong um eine Millionenprämie unter Eid ausgesagt, daß sie vor Jahren mitbekommen hätten, wie Armstrong seinem Krebsarzt gegenüber die Einnahme von Dopingmitteln zugegeben habe. Armstrong bestritt die Vorwürfe und war in der Lage, die ausstehende Summe plus Verfahrenskosten zu kassieren.

Die Zahl der Bekenner ist nicht groß

Andreus Versuch, nach so vielen Jahren per Selbstbezichtigung reinen Tisch zu machen und den Einsatz von Epo zuzugeben (“Ich habe versucht, keine leistungssteigernden Mittel zu nehmen. Aber ich habe mich ein paarmal vergriffen“) ist offensichtlich nur eine neue taktische Variante in den Machtspielen hinter den Kulissen des amerikanischen Radsports, wo Lance Armstrong noch immer viele Fäden zieht. So erfuhr die „New York Times“ von einem weiteren ehemaligen Fahrer aus Armstrongs US-Postal-Team des Jahres 1999, daß auch er sich Epo verabreicht habe. Doch der wollte lieber nicht seinen Namen in der Zeitung gedruckt sehen, weil er im Radsport tätig ist und Angst um seinen Job hat. Die Zahl der möglichen Bekenner ist jedoch nicht groß. Armstrong beschäftigte in seiner Mannschaft US Postal drei später positiv gestestete Rennfahrer: seinen Landsmann Tyler Hamilton, den Spanier Roberto Heras und eben Landis.

„Die Atmosphäre war so, daß man Dopingprodukte einnehmen mußte, um akzeptiert zu werden“, erklärte der frühere US-Postal-Fahrer. „Der Druck war hoch, wenn man einer von den coolen Jungs sein wollte.“ Beide Sportler räumten jedoch ein, daß sie kein einziges Mal persönlich gesehen hätten, daß sich Armstrong gedopt habe.

„Du wurdest dein eigener Arzt“

Auch der Neuseeländer Steve Swart, der wie Armstrong vor dessen Krebserkrankung Mitte der neunziger Jahre zum Motorola-Team gehörte, konnte im Zivilgerichtsverfahren keine konkreten Belege für seinen Verdacht nennen. Armstrong habe damals seine Mannschaftskollegen mit den Worten angeführt: „Es gibt nur einen Weg für uns.“ Aber aus der Aussage habe jeder Fahrer seine eigenen Schlüsse gezogen. Die meisten nahmen Epo, Cortison und Testosteron, sagte Swart der Zeitung, und setzten bewußt auf gesundheitliches Risiko: „Du wurdest dein eigener Arzt.“

Während des Prozesses mit der texanischen Versicherung bemühte sich Armstrong darum, die Zeugenaussagen des Ehepaares Andreu als Revanche erscheinen zu lassen. "Betsy Andreu haßt mich", sagte er. Und ihr Ehemann versuche nichts anderes, als seiner Frau die Stange zu halten. Dieser Tage bereitet sich der 35 Jahre alte Lance Armstrong auf den Marathon von New York vor, der im November stattfindet. Und er kümmert sich um den Start einer neuen Bekleidungslinie seines Werbepartners Nike, die in ein paar Wochen auf den Markt kommen soll - zum zehnjährigen Jubiläum jenes Tages, an dem er seine Krebsdiagnose erhielt.

Sein ehemaliger Domestike Tyler Hamilton, dem erst einige Rennen nach denseinem Olympiasieg im Zeitfahren der Spiele von Athen Blutdoping nachgewiesen wurde, darf theoretisch in diesem Monat nach dem Ablauf seiner zweijährigen Sperre wieder mitmachen. Doch seine Situation bleibt unklar. Hamiltons Name tauchte jüngst in den Unterlagen des spanischen Dopingskandals auf. Sollte er überführt werden, muß er mit einem lebenslangen Ausschluß vom Sport rechnen.

Quelle: F.A.Z., 13.09.2006, Nr. 213 / Seite 33
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