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Doping „Für die Verdächtigen ist es noch nicht vorbei“

12.03.2007 ·  Obwohl der spanische Untersuchungsrichter die „Operación Puerto“ zu den Akten gelegt hat, können sich Radprofis wie Jan Ullrich oder Jörg Jaksche nicht in Sicherheit wiegen. Sie stehen im Verdacht, Kunden des spanischen Dopingrings gewesen zu sein.

Von Rainer Seele
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Überall lauern Gefahren, kleinere und größere, ein erfahrener Radprofi wie Jens Voigt weiß das nur zu gut. Er selbst hat sich gerade bei der Murcia-Rundfahrt in Spanien, die Alejandro Valverde gewann, einen leichten Sonnenbrand geholt. Das war natürlich nicht allzu schwer zu verschmerzen. Dazu hat der Berliner erlebt, wie ein Kollege von ihm durch einen Orkan über der Region "einfach von der Straße gepustet wurde".

Man kann dies, wenn man möchte, auch symbolisch sehen: Noch immer spürt die Branche, erschüttert durch die Aufdeckung des spanischen Dopingnetzwerkes im vergangenen Jahr, einen heftigen Gegenwind - daran ändert auch nichts, dass die spanische Justiz die Ermittlungen in der aufsehenerregenden "Operación Puerto" nun einstellen will. Der zuständige Untersuchungsrichter Antonio Serrano legt den Fall nach spanischen Presseberichten vom Samstag zu den Akten, weil Doping noch nicht strafbar war, als der bislang größte Dopingskandal der Radsportgeschichte enthüllt wurde. Die Staatsanwaltschaft will Einspruch gegen den Schritt von Serrano einlegen.

Verfahren gegen Ullrich wird nicht eingestellt

Radprofis wie Jan Ullrich oder Jörg Jaksche, die in dem Verdacht stehen, Kunden des spanischen Dopingrings gewesen sein, können sich trotz der Wende in Spanien nicht in Sicherheit wiegen: Serranos Entschluss muss nicht heißen, dass im Zuge der Untersuchungen aufgetauchte Indizien nicht für sportrechtliche Folgeverfahren verwertet werden könnten.

Ullrich zum Beispiel, der unlängst seinen Rücktritt erklärte, steht weiter im Blickfeld der Behörden. "Der Fall Ullrich bei der Bonner Staatsanwaltschaft, die gegen ihn wegen Betrugs zum Nachteil seines früheren Arbeitgebers T-Mobile ermittelt, ist dadurch nicht tangiert. Das Rechtshilfeverfahren zwischen der deutschen und der spanischen Justiz läuft weiter und das Ullrich zugerechnete Blut kann abgeglichen werden", sagte der Heidelberger Sportrechtler Michael Lehner gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Laut "Focus" lehnte die Bonner Staatsanwaltschaft ein Angebot der Anwälte Ullrichs ab, das Verfahren gegen Zahlung einer bestimmten Summe einzustellen.

Sportverbände können Ergebnisse nutzen

Pat McQuaid, Präsident des Internationalen Radsportverbandes (UCI), der am Freitag in Paris ein neues Anti-Doping-Programm vorstellte, kündigte nun sportrechtliche Konsequenzen an: "Für die verdächtigten Fahrer ist es noch nicht vorbei." Mehr als 50 Radprofis, unter ihnen auch der Italiener Ivan Basso, der einen Vertrag bei Discovery Channel erhielt, sollen Kontakt zu dem früheren Gynäkologen Eufemiano Fuentes gehabt haben - er gilt als Schlüsselfigur in der Dopingaffäre. Fuentes soll Rennfahrer mit präparierten Blutkonserven und weiteren verbotenen Substanzen versorgt haben.

Die spanischen Behörden verwiesen nun ausdrücklich darauf, dass die Sportverbände einen Teil der Ermittlungsergebnisse der Guardia Civil - bis auf abgehörte Telefonate etwa - nutzen können. Die UCI rechnet auf alle Fälle mit einer schnellen Freigabe aller Dokumente der Guardia Civil. McQuaid soll eine entsprechende Zusage von Sportminister Jaime Lissavetzky erhalten haben. Dass der Richter Serrano in der "Operación Puerto" nicht weiter aktiv sein will, wird in Spanien wie ein Freispruch für Fuentes und weitere Beschuldigte gewertet. Darunter befinden sich der Blutspezialist José Luis Merino Batres oder Manolo Saiz, früherer Teamchef der Mannschaft Liberty Seguros. Die verdächtigten Radprofis wurden in Spanien ohnehin nur als Zeugen befragt. Fuentes oder Saiz, heißt es, könnten nun Schadenersatzforderungen stellen oder wegen Rufschädigung klagen.

„Ende der 90er hat das gesamte Feld Epo genommen“

Serrano betonte, dass es Doping im Radsport gebe. Dieser sei zu einem Geschäft verkommen, bei dem es vor allem um Profit gehe. Weil Doping in Spanien erst mit dem Inkrafttreten eines neuen Anti-Doping-Gesetzes im Februar dieses Jahres zum Straftatbestand wurde, hätten Fuentes und die anderen Beschuldigten nur wegen "Gefährdung der öffentlichen Gesundheit" belangt werden können, sagte Serrano. Dafür gebe es aber keine Beweise, denn nach den vorliegenden Erkenntnissen habe keiner der verdächtigten Profis gesundheitliche Schäden erlitten. Rückwirkend könne das Gesetz nicht angewandt werden. Dass bei den Beschuldigten Blutbeutel und Medikamente entdeckt wurden, sei auch kein Beweis für den Handel mit Drogen oder anderen verbotenen Substanzen. Zwar sei in acht dieser Blutbeutel Epo nachgewiesen worden. Die gefundenen Mengen reichten aber nicht aus, um sie als gesundheitsgefährdend einzustufen.

In dem schwierigen Bemühen, den Radsport wieder glaubwürdig zu machen, präsentierte die UCI in Paris ein Konzept, mit dem Leistungsmanipulationen eingedämmt werden sollen. Es kostet angeblich eine Million Euro und trägt den Titel "100 Prozent gegen Doping". Dabei soll die Zahl der unangekündigten Trainingskontrollen deutlich erhöht werden. Zudem werden Blutprofile von Rennfahrern angelegt. Es sei ein Schritt in die richtige Richtung, sagte der französische Sportminister Jean-François Lamour, Vizepräsident der Welt-Antidoping-Agentur.

Wie gravierend die Probleme des Radsports waren - und offensichtlich auch noch sind -, verdeutlichen auch jüngste Aussagen des belgischen Radprofis Nico Mattan. In einem Interview erwiderte er auf eine Frage nach der Karriere des mutmaßlichen Dopingsünders Johan Museeuw: "Johan hat sicher nicht mehr genommen als die anderen Fahrer. In dieser Zeit, Ende der 90er Jahre, hat das gesamte Feld Epo genommen. Ich auch? Oh, wer noch nie gesündigt hat, der werfe den ersten Stein." Ein tückenreiches Metier, keine Frage.

Quelle: F.A.Z., 12.03.2007, Nr. 60 / Seite 32
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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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