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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Doping-Fall Ullrich Die Spur führt nach Bad Sachsa

17.08.2006 ·  Ein Narkosearzt aus dem Südharz ist offenbar als Komplize des Doping-Netzwerkes um den spanischen Arzt Fuentes identifiziert worden. Deutschlands Dopingjäger Franke will Jan Ullrich als Kronzeugen nutzen, um weitere Hauptverantwortliche zu finden.

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Ein erster deutscher Komplize des Doping-Netzwerkes um den spanischen Arzt Eufemanio Fuentes ist offenbar identifiziert. Nach Recherchen des ARD-Fernsehens handelt es sich um einen 53jährigen Narkosearzt aus der niedersächsischen Kleinstadt Bad Sachsa im Südharz.

Bundeskriminalamt und Staatsanwaltschaft Göttingen bestätigten in einer gemeinsamen Erklärung, daß „zeitgleiche Durchsuchungen“ am Donnerstag im Wohnhaus des Verdächtigen und in der Klinik vorgenommen wurden und ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes „gegen Paragraph 95, Absatz 1, Nummer 2a“ des Arzneimittelgesetzes eingeleitet worden ist.

Thomas Bach begrüßt das Vorgehen

„Der Arzt war den bisherigen Ermittlungen zufolge der Mann, der vermutlich über Fuentes-Mitarbeiter Ignacio Labarta die Medikamente für Dopingzwecke illegal aus Deutschland für die Spanier beschafft hat“, sagte ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt, der mit einem Team vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) die Razzien filmte.

Dabei seien unter anderem Computerdateien und Kontoauszüge Choinas beschlagnahmt worden. „Die Durchsuchung hat zum Auffinden umfangreicher Beweismittel geführt, die Auswertung dauert an. Die Staatsanwaltschaft Göttingen hat ein Ermittlungsverfahren gegen den Arzt wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz eingeleitet und das BKA mit den Ermittlungen beauftragt“, hieß es in der Erklärung beider Behörden.

Franke will Ullrich als Kronzeuge nutzen

Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), begrüßte das Vorgehen der deutschen Behörden: „Es beweist, daß auch unter den bei uns schon bestehenden Gesetze der Zugriff auf die Hintermänner des Dopings möglich ist. Unser Anliegen ist es, diese Möglichkeiten noch zu verschärfen.“

Kaum überrascht zeigte sich der Heidelberger „Dopingjäger“ Prof. Werner Franke: „Ich habe schon mehrfach vorausgesagt, daß es in Deutschland und Frankreich geheime Dopinglager gibt.“ Der Molekular-Biologe plädierte nach der Razzia in der deutschen Provinz dafür, Ullrich eine goldene Brücke zu bauen: „Wenn er als Kronzeuge aussagt, sollten die Sportgerichte ihm eine verkürzte Sperre von nur einem Jahr anbieten.“

Es sei seit langem sein Konzept, den Sportlern den Zeugenstand anzubieten, sagte Franke. „Der Weg über das Arzneimittelgesetz, auf das sich die Ermittler beziehen, hat ja den Charme, daß er diese Chance bietet, weil es die Athleten als Konsumenten nicht mit Strafe bedroht.“ Auf dieser Basis müßten Staat und Sportgerichte kooperieren.

Jan Ullrich erstmals namentlich genannt

Denn die Beweiskette um den gebürtigen Rostocker, gegen den die Anklage vor der Dopingkammer des Schweizer Sports seit Mittwoch beschlossene Sache ist, schließt sich immer weiter. Der deutsche Radstar wird auf einer in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Kundenliste erstmals auch namentlich aufgeführt. Zuvor hatten nur Codenamen wie „Rudis Sohn“ (in Anlehnung an Ullrich-Betreuer Rudy Pevenage) und Blutbeutel mit der Aufschrift „Jan“ auf die Spur des gebürtigen Rostockers geführt.

Laut BKA-Erklärung steht der Beschuldigte im Verdacht, „Arzneimittel, die dem Arzneimittelgesetz unterliegen, zu Dopingzwecken im Sport in den Verkehr gebracht zu haben“. Das Verfahren sei auf Grund von Erkenntnissen des BKA und der spanischen Behörden im Zusammenhang mit dortigen Ermittlungen gegen den Arzt und mutmaßlichen Lieferanten von Dopingmitteln, Eufemiano Fuentes, eingeleitet worden. „Im Rahmen dieser Ermittlungen war der Verdacht aufgekommen, daß es sich bei einem der Zulieferer der Dopingmittel an Fuentes um den Beschuldigten handeln könnte“, heißt es in der Mitteilung.

Ärztering in Deutschland vermutet

Der deutsche Arzt aus dem Harz soll den ARD-Informationen zufolge Medikamente besorgt und den Transport nach Spanien vermutlich mit Ignacio Labarta abgewickelt haben, dem bis zur Aufdeckung des Skandals zweiten sportlichen Leiter des spanischen Profi-Radteams Communidad Valenciana.

Zu den Adressaten soll die Ehefrau von Eufemiano Fuentes, Christina Perez, gehört haben. Die ehemalige Leichtathletin, die in ihrer Karriere einen positiven Dopingtest aufwies, soll als Anlaufstelle in Spanien für den Dopingring ihres Ehemannes gedient haben.

Zahlreiche Sportler mit Dopingsubstanzen versorgt

Medikamente, die der Narkosearzt nach Spanien verschickt haben soll, wurden bei Manolo Saiz, dem Direktor des ehemaligen Profi-Radteams Liberty Seguros sichergestellt. Dabei handelte es sich unter anderem um das Präparat Synacthen aus deutscher Produktion, das neben anderen Effekten die Eigenproduktion von Kortison im Körper stimuliert, also eine Art „Eigenblut-Doping“ anregt.

„Nach Erkenntnissen der spanischen Ermittler muß es ein großes Dopingnetzwerk in Deutschland analog zu Spanien geben“, so Seppelt. Die Polizei in Spanien vermutet, daß auch in Deutschland ein Ärztering zahlreiche Sportler mit Dopingsubstanzen versorgt hat.

Quelle: FAZ.NET mit Material von sid, dpa, AP
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