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Doping-Fall Schumacher ARD und ZDF erwägen Ausstieg - Holczer will klagen

07.10.2008 ·  Nach dem Dopingfall Schumacher erwägt die ARD mal wieder den Ausstieg aus der Tour-Berichterstattung. Dem mutmaßlichen „Sünder“ droht der Radsportverband die „höchstmögliche Sperre“ an. Die Politik erwägt Fördergelder-Stopps. Stefan Schumacher bezeichnet die Vorwürfe indes als „Schwachsinn“.

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Der Profi-Radsport liegt in Trümmern. Am Montagabend erschütterte die Veröffentlichung zweier Namen diesen von seinem immanenten Hang zum Doping bereits schwer beschädigten Sport ein weiteres Mal. Der Nürtinger Stefan Schumacher und der Italiener Leonardo Piepoli wurden vom Pariser Anti-Doping-Labor der Einnahme des Epo-Präparates Cera bei der Tour de France 2008 überführt.

Beide gehören zu einer ganzen Gruppe von Tour-Profis, deren Proben in einer Nachuntersuchung noch einmal analysiert wurden. Das Depotpräparat Cera hatte nach interner Einschätzung im Peloton als nicht nachweisbar gegolten. „Wir sind geschockt. Er bestreitet die Vorwürfe“, hatte Schumachers Anwalt Michael Lehner am Montagabend im ZDF gesagt. Schumacher soll die Vorwürfe zudem als „Schwachsinn“ bezeichnet haben.

Bach erwägt „olympische Denkpause“ für Radsport

Die neuerlichen positiven A-Proben bringen den Radsport nun um jede Hoffnung auf innere Reinigung. Auch sein Status bei den Olympischen Spielen ist in ernster Gefahr. „Dies ist dramatisch, weil es zeigt, dass der Radsport weit weg von einem Bewusstseinswandel ist“, sagt Thomas Bach, der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

„Diese Dummdreistigkeit setzt sich offensichtlich weiter fort.“ Sofern die Analyse der B-Proben das Ergebnis bestätigten, sei die Glaubwürdigkeit des Radsports endgültig dahin. „Wir müssen uns fragen, ob es nicht an der Zeit ist, dem Radsport eine olympische Denkpause zu verordnen.“

Vesper spricht von Selbstmord

Ähnlich argwöhnisch beurteilt DOSB-Generaldirektor Michael Vesper die Situation im krisengeschüttelten Radsport. Er sei „erschüttert und unsagbar sauer“, sagte der Spitzenfunktionär des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) am Dienstag. „Das ist deprimierend. Der Radsport spielt mit seiner Existenz. Ich kann es nicht begreifen. Das ist Selbstmord“, erklärte Vesper. Positiv sei lediglich, dass auch die neue Dopingsubstanz CERA inzwischen nachgewiesen werden kann.

Vesper will sogar versuchen, von Schumacher die Entsendungskosten zu den Olympischen Spielen nach Peking zurückzufordern. Eine genaue Summe nannte er nicht, allerdings könnte es sich dabei um einen hohen vierstelligen Betrag handeln. „Stefan Schumacher hat vor Olympia mit uns eine Athletenvereinbarung geschlossen und durch seine Unterschrift bestätigt, dass er in dieser Olympiade - und das schließt die vier Jahre vor Peking ein - nicht gedopt hat. Wenn es anders war, greift unser Sanktionsmechanismus“, sagte Vesper.

ARD und ZDF erwägen Ausstieg

ARD und ZDF diskutieren derweil über einen Ausstieg aus der Tour-Berichterstattung. „Da packt einen die kalte Wut, wenn man sieht, wie solche Betrüger den Radsport kaputt machen“, sagte ein ARD-Sprecher am Dienstag. „Dabei ist es kein Unterschied ob ein Deutscher, ein Spanier oder ein Amerikaner erwischt wird.“ Die ARD-Intendanten hatten auf ihrer bisher letzten Sitzung eine Entscheidung über einen neuen TV-Vertrag vertagt. Nun werden sie telefonisch beraten. Eine Entscheidung über die zukünftige Tour- Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Senders soll nach den jüngsten Ereignissen kurzfristig fallen.

Das ZDF will nach den jüngsten Doping-Enthüllungen Anfang 2009 über einen möglichen Ausstieg aus der Tour-de-France-Berichterstattung entscheiden. „Wir werden in Ruhe abwarten, was noch so alles unter dem Tisch hervorgefegt wird und ob der Radsport überhaupt noch zu retten ist. Alle Konsequenzen - auch ein Ausstieg - sind möglich“, sagte ZDF-Chefredakteur NikolausBrender. Der neuerliche Fall sei für ihn „ein Schlag“, meinte Brender und stellte fest: „Zum wiederholten Mal wurde uns gesagt: Das sind die neuen Jungen, die nichts mit Doping zu tun haben.“

Holczer will seinen Angestellten Schumacher verklagen

Hans-Michael Holczer, Teamchef von Schumachers Mannschaft Gerolsteiner, bestätigte am Montagabend, dass der Deutsche positiv gestestet worden sei und bestätigte damit einen entsprechenden Bericht der französischen Sporttageszeitung „L'Equipe“. Der Nürtinger wurde von seinem Team umgehend suspendiert. „Wir sind betrogen worden. Ich werde Stefan Schumacher bis zum letzten Cent, den ich in der Tasche habe, versuchen, juristisch zu verfolgen“, kündigte Holczer an.

Er sei von Tour-Direktor Christian Prudhomme persönlich informiert worden. Schumacher hatte zuvor jegliches Doping bestritten. „Ich habe nicht gedopt und meine Blutwerte waren während der Tour völlig normal“, sagte er am Mittag nach dem Bekanntwerden von ersten Spekulationen.

Radsportverband will Höchststrafe

Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) will gegen den zweifachen Tour-Zeitfahrsieger an diesem Dienstag ein Verfahren „mit dem Ziel der höchstmöglichen Sperre“ von mindestens zwei Jahren einleiten, sagte BDR-Präsident Rudolf Scharping. Es werde zudem die Möglichkeit einer Geldstrafe und von Schadenersatz geprüft. Das Kapitel BDR ist für Schumacher wohl schon geschlossen. „Ich wage zudem die Prognose, dass Schumacher nie mehr für eine Mannschaft fahren wird“, sagte Scharping, der den 27 Jahre alten Sportler aufforderte, die „Hintermänner“ des Dopings offenzulegen. „Es ist ein Schock, weil es ein ungeheurer Betrug ist.“

Neben Schumacher ist laut „L'Équipe“ auch Tour-Etappensieger Leonardo Piepoli positiv auf Cera getestet worden. Damit hat die diesjährige Tour ihre Doping-Fälle fünf und sechs, sofern die B-Proben die Befunde bestätigen. Für Scharping ist Schumachers Schuld aber schon ein „Faktum“. Schumacher und sein Manager Heinz Betz waren am Montagabend telefonisch zunächst nicht zu erreichen.

Holczer hatte keinen Verdacht

Mit der vermutlichen Entlarvung Schumachers hat sich rund zweieinhalb Monate nach Tour-Ende der Höhenflug des Gerolsteiner-Teams, das zum Saisonende wegen erfolgloser Sponsorensuche eingestellt wird, teilweise als Produkt der pharmazeutischen Leistungssteigerung entpuppt. „Ich hatte keinen Verdacht“, beteuerte Holczer.

Schließlich sei Schumacher, der WM-Dritte von 2007, in diesem Jahr dreizehnmal vom Weltverband UCI überprüft worden, davon neunmal für den Blutpass. Zudem habe ihn die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) mehrfach kontrolliert. Allerdings hatten schon länger hartnäckige Verdachtsmomente die Karriere des Arztsohns aus Schwaben begleitet, die für Holczer offenbar kein Grund zum Handeln waren.

Sinkewitz attackiert Holczer

Der geständige Dopingsünder Patrik Sinkewitz hat Holczer scharf attackiert. „Er ist seit zehn Jahren dabei, so eine Betriebsblindheit an den Tag zu legen. Das ist aus meiner Sicht noch unglaubwürdiger und noch viel schlimmer als das Doping an sich“, sagte der frühere T-Mobile-Radprofi am Montagabend in der TV-Sendung „Heimspiel“ des Hessischen Rundfunks.

Holczer, meinte der 28-jährige Sinkewitz, „profiliert sich immer nach außen, dass er geschockt ist und von dem ganzen Theater nichts weiß“. Nach wie vor zähle der Erfolg, „und da ist jedes Mittel recht,so lange man nicht erwischt wird“.

Schon früher gab es Misstrauen gegenüber Schumacher

Schumacher, der stets seine Unschuld beteuerte, hatte als erster Profi seit Lance Armstrong beide Zeitfahren der Tour de France gewonnen und zwei Tage lang das Gelbe Trikot getragen. Doch schon während der 95. Frankreich-Rundfahrt war Misstrauen sein ständiger Begleiter. Die Liste seiner Verfehlungen ist ähnlich lang wie die seiner Erfolge. Schon vor seinem Wechsel zu Gerolsteiner Anfang 2006 gab es erste Irritationen um einen positiven Befund wegen eines angeblich verabreichten Anti-Allergikums, das von Medizinern viel eher als Hilfsmittel zur Gewichtsreduktion eingestuft wird.

Offenbar war Schumacher das Mittel von seiner Mutter, einer Ärztin, verordnet worden. Die vom BDR verhängte Sperre hob die UCI wieder auf. Vor der WM 2007, bei der Schumacher Ende September Dritter wurde, wurden bei ihm erhöhte Blutwerte festgestellt. Später schlossen allerdings drei Spezialisten eine Manipulation aus.

Gerdemann: „Unverschämt, frech, dreist“

Deutschland-Tour-Sieger Linus Gerdemann reagierte geschockt auf die nächste Hiobsbotschaft. „Es ist niederschmetternd, dass es immer wieder Leute gibt, die den Radsport vernichten“, sagte der als neuer Hoffnungsträger angetretene 26-Jährige aus dem Columbia-Team. Falls sich Schumachers positive A-Probe bestätigen sollte, sei dies „unverschämt, frech, dreist“.

Die ehemalige BDR-Präsidentin Sylvia Schenk erwartet angesichts des jüngsten Verdachtsfälle „einen Sturm“ und sieht selbst Radsport-Klassiker bedroht. „Ich fürchte, das ist das Aus für das Henninger Rennen“, meinte sie in der Fernsehsendung des HR. Ein Ende der Doping-Skandale sei nicht abzusehen. „Ich weiß, dass es offensichtlich noch ein paar größere Namen gibt“, erklärte Schenk, „nicht nur aus Deutschland, sondern aus anderen Ländern, und dass man bei der Tour de France richtig Bedenken hat.“

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