13.10.2008 · Was ein Heer von Dopern nicht vermochte, hat jetzt Stefan Schumacher geschafft: Auf einmal kommt das Krisenmanagement in Fahrt, um den Radsport vor dem Kollaps zu bewahren. Doch noch immer sprechen die Akteure von Einzelfällen. Das ist Unsinn.
Von Anno Hecker und Ralf MeutgensJetzt muss Stefan Schumacher richtig harte Sachen schlucken: Die „Bild“-Zeitung hat ihm den Titel „Rad-Schumi“ postwendend auf die Nachricht von der positiven Dopingkontrolle entzogen. Fahrer-Kollegen und Funktionäre sprechen vom „dummen“ wie „dreisten“ Täter, der alle Bemühungen um Sauberkeit mit „seinem Hintern eingerissen hat“ und „den Radsport vernichtet“.
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt wegen Betrugsverdachts. Der Teamchef seines Radrennstalls Gerolsteiner droht eine Klage bis zum „letzten Cent“ an. Radsport-Präsident Rudolf Scharping dringt auf Schadenersatz, der Deutsche Olympische Sportbund verlangt eine Kostenerstattung für die Reise nach Peking, Sportpolitiker fordern eine Mittelsperre für den Verband, Renn-Veranstalter klagen über das Ende ihrer Bemühungen um Sponsoren, ZDF und ARD beraten über den Ausstieg von der Live-Berichterstattung, das Internationale Olympische Komitee wird über den Ausschluss einer Sportart von Olympia diskutieren. Schumacher, 27 Jahre alt, so scheint es, hat geschafft, was ein Heer von Dopern in gut vierzig Jahren nicht vermochte: Er hält das Rad an.
Schumacher ist schmutzig, aber der Radsport ist sauber?
Hirnlos, dreist und allein im Peloton: Diesen Eindruck formulierten und vermitteln die Erregten, Überraschten, Geschockten, Enttäuschten, vom erfahrenen Trainer Schumachers bis hin zum langjährigen deutschen Radsport-Spitzenfunktionär. Wie beim Zielsprint ist das Krisenmanagement in Fahrt gekommen, um den schwer gestörten Kreislauf des Radsports vor dem Kollaps zu bewahren.
Bei dieser wilden und gefährlichen Strampelei wird die alte Geschichte mit kräftigen Tritten wiederbelebt, die Personalisierung des Problems: „In jedem Sport gibt es schwarze Schafe“, sagte Fritz Ramseier, Vorstandsmitglied im Internationalen Rad-Sportverband (UCI), dieser Tage der „Rheinischen Post“. Frei übersetzt: Schumacher ist schuld. Ob der über drei Jahre des Dopings Verdächtigte im sportjuristischen Sinne diesmal Schuld hat, wird die Analyse der B-Probe belegen. Ob er eine Wahl hatte, auf das jüngst entdeckte Blutdopingmittel Cera zu verzichten, lässt sich auch ohne Laboratorien klären. „Der Fall Schumacher zeigt noch einmal die Verlogenheit der Akteure“, sagt der Sportsoziologe Karl Bette, ein jahrzehntelanger Beobachter der Dopingsystematik: „Die nun wirkenden Mechanismen belegen die überindividuelle Wirksamkeit der Strukturen.“ Schumacher ist schmutzig, aber der Radsport ist sauber?
„Radsport ist die Vorstufe zur Drogenabhängigkeit“
Schumachers Teamchef Hans-Michael Holczer, der gewiefte Manager eines Radrennstalls der ersten Klasse, hatte „keinen Verdacht“, Schumachers Coach Hartmut Täumler fragt sich irritiert, warum man positiv wird: „In den letzten zwei Jahren muss doch allen klargeworden sein: Wer bescheißt, fliegt auf.“ Der Rad-Klubchef in Nürtingen, Schumachers Heimat, ist „fassungslos“, während der Kölner Rennorganisator Artur Tabat jetzt, 2008, dank des jüngsten Falls Glaubensfreiheit gewonnen hat: „Jetzt kann ich keinem Profi mehr trauen. Sie haben nicht begriffen, dass das Ende der Fahnenstange erreicht ist.“
Was aber haben diese Karrierebegleiter und Steigbügelhalter begriffen nach all den Tragödien und Skandalen mit auffälligen Parallelen? Marco Pantani fiel mit Doping- und Drogenkonsum auf, verunglückte mit seinem Auto, bevor er, isoliert von seinem Sport, an einer Überdosis Kokain starb. Jan Ullrich wurde positiv auf Ecstasy getestet, schleuderte mit seinem Porsche gegen einen Fahrradständer. Der über drei Jahre verdächtigte Schumacher krachte alkoholisiert mit seinem Auto in einen Zaun. In seinem Blut fand man Spuren von Amphetamin. Offenbar kommen die zunächst als Helden Verehrten im Drucktopf des Spitzensports systematisch ins Schleudern. „Radsport ist die Vorstufe zur Drogenabhängigkeit“, schilderte der ehemalige spanische Profi Jesus Manzano.
Sinkewitz: „Es gehörte zum Leben dazu, irgendetwas zu nehmen“
Ähnlich äußerte sich der frühere deutsche Radprofi und Kronzeuge Jörg Jaksche vor über einem Jahr im „Spiegel“: „Ich war gut in Form, ich kam locker die Berge hoch. Nach dem Training sagte ein Teamarzt von Polti, ich solle Vitamin B 12, Folsäure und Eisen zu mir nehmen. Kein Problem, antwortete ich, das kaufe ich mir daheim. Nein, hieß es, das geben wir dir, und wenn du zu Hause bist, musst du dir die Spritzen selbst setzen. So geht das los, das Fixertum, es ist ein fließender Übergang.“ Auf dem Weg dorthin schüren Erwartungen die psychische und je nach Medikament oder Substanz auch die physische Abhängigkeit. „Der Weg zum Doping-Delinquenten ist fast nie ein vorsätzlicher Prozess“, sagt der frühere Nationalmannschaftsfahrer und Soziologe Sascha Severin: „Es ist eher ein unbewusstes Hineintreiben, das in der Regel durch den wiederholten Einsatz vermeintlich harmloser Substanzen initiiert und irgendwann zu einem verbindlichen Ritual wird.“
Wenn das soziale Umfeld entsprechend wirkt. So hat es auch der 2007 des Testosteron-Dopings überführte Patrik Sinkewitz erlebt und kein Unrechtsbewusstsein gespürt: „Es gehörte zum Leben dazu, irgendetwas zu nehmen, um die Leistung zu steigern.“ Im Radsport hat sich trotz aller Beteuerungen und Aktionen nichts geändert. Die Menschen in den Verbänden und Radrennställen sind dieselben, die seit Jahrzehnten antreiben, fordern und mitradeln: „Es herrscht die gleiche Betriebsblindheit“, sagt Sinkewitz: „Für den Erfolg ist jedes Mittel recht, solange man nicht erwischt wird.“
Angeblich sind die Junioren sauber
Schumacher ist wohl erwischt worden. Aber die vollstreckte und die angekündigte Isolierung des Athleten - Manager Heinz Betz will sich sofort von Schumacher trennen, falls „er gedopt“ hat - hilft dem Radsport wahrscheinlich nicht, noch im großen Rennen zu bleiben. Wenn doch schon der eher vorsichtige Taktiker Thomas Bach, Vizepräsident des IOC, sofort öffentlich eine „olympische Denkpause“ für den Straßenradsport empfohlen hat, also den Ausschluss von den nächsten Olympischen Spielen in London 2012. (siehe: Bach: „Olympische Denkpause für den Straßenradsport“)
Heftig schlagen die Radsport-Protagonisten zurück. Wohl in der Hoffnung, nur mit den Profis das Feld räumen zu müssen. Denn „nur im Profigeschäft wird gedopt“, erklärte UCI-Mann Ramseier und versteigt sich in der „Rheinischen Post“ in seinem Zweckoptimismus: „In den unteren Klassen bis zur ,U 23' sind alle sauber.“ Jetzt, ganz plötzlich. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung ist in etlichen Proben von italienischen „U 23“-Radsportlern vor wenigen Jahren Epo entdeckt worden. Und 2006 wurde der österreichische „U 23“-Fahrer Marco Orregia kurz vor den Weltmeisterschaften im eigenen Land des Epo-Dopings überführt. Bei Razzien im Ausland sind regelmäßig auch Trainer und Sportliche Leiter von Amateur- und Nachwuchsmannschaften betroffen.
In Deutschland haben der frühere Bundestrainer Peter Weibel und der ehemalige Olympiaarzt Georg Huber eine Doping-Kultur bei deutschen Nachwuchsfahrern längst beschreiben müssen. Sie wirkten bis ins Jahr 2006 am Mann. Im vergangenen Jahr, als wegen der Absage der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt erstmals bei einem von der örtlichen Sparkasse gesponserten Radrennen Dopingkontrollen angesetzt wurden, ging gleich der Amateur Sven Bauer ins Netz.
Dopingfahnder Schänzer: „Der Radsport ist nicht die einzige Sportart mit Doping-Problem“
Insider berichten seit Jahren, dass unterhalb der Profiszene zunehmend gespritzt und geschluckt wird, manchmal sogar während der Rennen. Wenn sich herumgesprochen hat, dass es keine Doping-Kontrollen gibt. Vor zwei Wochen, bei einem Mountainbike-Rennen in Singen, wurde niemand zur Kontrolle gebeten. Dabei fuhren die Herren um die deutsche Meisterschaft. (siehe: Mountain-Bike: „Heute keine Doping-Kontrollen“)
Auch die enorme Watt-Leistung des britischen Bahn-Vierers auf dem Weg zum Olympiasieg ließ bei Experten ein Licht aufgehen. Vielleicht bestätigt die vom IOC eingeleitete Nachprüfung von Blutproben aus Peking nun den dringenden Verdacht. „Ich denke schon, dass der Radsport neu anfangen muss“, sagte Professor Wilhelm Schänzer, der Leiter des Kölner Anti-Doping-Labors, auf Anfrage: „Man muss Jugendliche mit neuen Ideen konfrontieren, präventiv arbeiten. Schon junge Radsportler nehmen heute noch Vitaminpräparate vor Rennen, weil sie glauben, sonst nicht schnell genug zu sein. Das ist Unsinn, unnötig.“
Das IOC hat also keine Wahl. Und doch würde es mit einer Aussperrung der Radrennfahrer die Personalisierung des Problems nur auf einer anderen Ebene fortsetzen. Denn ein isolierter Radsport lenkt vorerst ab vom Blick auf das Gesamtbild: „Der Radsport“, sagt Schänzer mit dem Blick des weltweiten Doping-Fahnders, „ist nicht die einzige Sportart, die ein Doping-Problem hat.“ (siehe auch: Dopingkontrollen in Peking: Verschlampt, verschwunden, verschwiegen)