Home
http://www.faz.net/-gub-127h1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Doping Die Wiener Blutbank hat wieder geöffnet

02.04.2009 ·  Österreich in Aufruhr: Die Enthüllungen des gesperrten Radprofis Bernhard Kohl veranlassen auch den Deutschen Skiverband zu einem neuen Dementi. Die Polizei plant zehn Zugriffe. Die Luft ist nun sehr dünn geworden für einen einstigen Macher der Szene.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Bernhard Kohl saß im Wintergarten des Wiener Cafés Landtmann, er soll, wie es heißt, selbstsicher und besonnen gewesen sein. Er hatte ja schon einmal unter dem Druck der Ereignisse ein Dopinggeständnis abgelegt, jetzt rückte Kohl mit weiteren brisanten Details heraus - offenbar in der Hoffnung, seine zweijährige Sperre verkürzen zu können. Der Radprofi brachte mit seinen jüngsten Enthüllungen auf alle Fälle nicht nur den österreichischen Sport in Aufruhr. Kohl erzählte von umfangreichen Dopingpraktiken, er soll alle ihm bekannten Hintermänner genannt haben, er belastete auch seinen früheren Manager Stefan Matschiner schwer. Und möglicherweise wird nach seinen Aussagen die Affäre um den Wiener Blutplasma-Hersteller Humanplasma neu aufgerollt werden.

Die Ermittlungen gegen die Einrichtung waren am 24. März eingestellt worden, weil zwei verdächtige Ärzte nicht nach dem modifizierten österreichischen Anti-Doping-Gesetz, das erst im August 2008 in Kraft trat, belangt werden konnten. Neue Schritte seien nicht ausgeschlossen, sagte am Mittwoch ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien. Humanplasma war im Januar 2008 im Zuge einer anonymen Anzeige in Verdacht geraten, Biathleten, Langläufer und Radrennfahrer gedopt zu haben. Dabei soll es um Sportler aus mehreren europäischen Ländern gehen; die Rede ist von bis zu 120 Kunden. Der Deutsche Skiverband (DSV) ließ am Mittwoch vorsorglich verlauten: „Alle Spitzenathleten des DSV haben im Vorjahr eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, dass sie mit dieser Firma nichts zu tun hatten.“

„Er kannte sich sehr professionell aus“

Kohl sagte nun als erster Sportler, dass er mehrere Male bei der Blutbank gewesen sei - mit Matschiner, der in der Nacht zum Dienstag in Österreich festgenommen wurde. Kohl, der einst für das Team Gerolsteiner fuhr, zeichnete ein sehr düsteres Bild von Matschiner, er stellte ihn als einen wahren Blutpanscher dar. Er habe ihm, so Kohl, Epo, Wachstumshormon, Testosteron und Insulin verschafft. „Mein Cera-Lieferant war er aber nicht.“ Matschiner soll sehr geübt im Umgang mit Mitteln und Geräten gewesen sein. „Er kannte sich sehr professionell aus“, sagte Kohl, der Dritte der Tour de France 2008, „ein Arzt war nicht dabei.“

Kohl hat sich nach eigenen Angaben mit 20.000 Euro an dem Kauf einer Blutzentrifuge beteiligt. Insgesamt, sagte er, habe er 50.000 Euro an Matschiner bezahlt, den er im Jahr 2005 kennengelernt hatte - da begann auch das Doping. Ende des vergangenen Jahres hatte Kohl noch gesagt, mit Doping erst vor der Tour de France 2008 angefangen zu haben - mit der Wahrheit nahm er es offensichtlich auch damals, obwohl er sich in einer heiklen Situation befand, nicht so genau. Da Kohl zuletzt im September 2008 von Matschiner behandelt wurde, drohen dem früheren Leichtathleten bei einer Verurteilung bis zu fünf Jahre Haft. Nach der neuen Rechtslage werden in Österreich die Weitergabe und der Handel mit Dopingsubstanzen bestraft, allerdings nicht das Doping selbst.

„Es gibt derzeit keine Ermittlungsakte Totschnig

Laut österreichischen Medienberichten soll Kohl bei der Vernehmung durch die österreichische Sonderkommission Doping weitere Athleten als Kunden des Netzwerkes enttarnt haben. Zeitungen in Österreich berichteten, es handele sich um den früheren Radrennfahrer Georg Totschnig und den Langläufer Christian Hoffmann. Beide wiesen die Vorwürfe umgehend zurück. Gerald Tatzgern, Sprecher des österreichischen Bundeskriminalamtes, sagte: „Es gibt derzeit keine Ermittlungsakte Totschnig.“

Hoffmann erklärte zwar, dass er Kontakt mit Matschiner gehabt habe, dabei sei es aber lediglich um einen Sponsor gegangen. Hoffmann hatte 2002 die olympische Goldmedaille über 30 Kilometer Freistil erhalten - nachdem der Sieger Johann Mühlegg des Dopings überführt worden war. In diesem März war Hoffmann wieder ins Gerede gekommen: Vor dem Weltcup-Finale in Falun wurde er vom Internationalen Skiverband wegen unregelmäßiger Blutwerte mit einer Schutzsperre von zwei Wochen belegt.

„Wir sind nicht die Nation, die an der Dopingspitze in Europa liegt“

Wegen des Verdachts, gegen die neuen Anti-Doping-Bestimmungen verstoßen zu haben, wurden bereits der ehemalige Skilanglauftrainer Walter Mayer und ein Wiener Apotheker verhaftet (siehe auch: Doping-Kommentar: Wahre Krimis). Ein Radrennfahrer war nach seiner Vernehmung wieder freigelassen worden. Nach Angaben des österreichischen Bundeskriminalamts soll es mindestens zehn Zugriffe geben. Österreich scheint inzwischen mit großem Eifer gegen Doping kämpfen zu wollen. Der vermeintliche Dopingexperte Matschiner will jetzt angeblich mit der Justiz kooperieren - sein Fall könnte weite Kreise ziehen. Der Österreicher, der von der Triathletin Lisa Hütthaler bei ihrer Dopingbeichte ebenfalls schwer beschuldigt wurde, hatte ein dichtes Geflecht an Beziehungen aufgebaut. Zu seinen Kunden gehörten beispielsweise Langstreckenläufer aus Kenia. Über seine International Sports Agency ermöglichte Matschiner ihnen auch in Deutschland Auftritte, etwa bei Marathonläufen.

Die Luft ist nun sehr dünn geworden für einen einstigen Macher der Szene - in Österreich, dessen Sport nicht zuletzt durch Matschiner in schwere Turbulenzen geraten ist, wird indes offenbar auch der Versuch der Schadensbegrenzung unternommen. „Es ist ein reinigendes Gewitter für uns und zeigt, dass der Sport keine Spielwiese ohne Regeln ist“, sagte einerseits Hans Holdhaus, Direktor des Instituts für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung am Olympiazentrum Wien-Südstadt, zur augenblicklichen Lage. Holdhaus behauptete aber auch: „Wir sind nicht die Nation, die an der Dopingspitze in Europa liegt, definitiv nicht.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Franz Putin

Von Peter Sturm

Franz Beckenbauer dürfte wissen, dass in Russland das System Putin auch auf Unternehmen wie Gasprom ruht. Sein von Gasprom bezahltes Engagement als Sportbotschafter Russlands sollte er sich nochmal überlegen. Mehr 3 7