Home
http://www.faz.net/-gtl-76xov
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Dokumentarfilm „Sportsfreunde“ Zerfetzter Laufschuh

Paul, ein Kikuyu, und Isaak, ein Kalendjin, sind zwei Läufer, die für Resignation und für Hoffnung stehen. In „Sportsfreunde“ träumen sie vom Ende der Gewalt in Kenia und bekommen Hilfe aus Bitterfeld.

© De Facto Medienagentur Länderübergreifende Freundschaft: Peter Junge und Isaak Kiplagat

Sind Mord, Brandschatzen und ethnische Säuberungen in Kenia schon Geschichte? Oder stehen Gewaltausbrüche wie nach der Präsidentenwahl vom 27. Dezember 2007 zwischen den Volksgruppen wieder bevor? Am 4. März wird gewählt in Kenia, und Paul und Isaak werden nicht zu Hause bei ihren Familien sein. „Wir beten jeden Tag um Frieden“, sagen sie. „Wir werden nicht wählen können, und wir werden unsere Familien nicht schützen können.“

Michael Reinsch Folgen:

Paul und Isaak sind in Deutschland, denn am Donnerstag hatte der Dokumentarfilm „Sportsfreunde“ über sie und ihr Schicksal in Leipzig Premiere. Und da der Film noch keinen Verleih gefunden hat, sondern durch Crowdfunding mit Hilfe des Internets finanziert wird, gehen die beiden auch mit auf die Tournee durch fünfzehn Städte.

Mehr zum Thema

Paul, ein Kikuyu, und Isaak, ein Kalendjin, sind zwei Läufer, die für Resignation und für Hoffnung stehen. Ihr Weg hat sie einst zur Teilnahme am Mitteldeutschen Marathon geführt. Leichtfüßig traben sie vorneweg. Doch unbeschwert sind sie nicht. Seufzend und stockend erzählen sie, dass das Laufen die einzige Möglichkeit sei, ihre Familien zu ernähren. Vor fünf Jahren flüchteten Paul und seine Familie vor dem blutrünstigen Mob von Angehörigen des Kalendjin-Volkes auf das Gelände der katholischen Kirche von Eldoret. Seine Sportsfreunde vom Verein Mitteldeutscher Marathon ließen ihn ausfliegen nach Bitterfeld.

23231549 © De Facto Medienagentur Vergrößern Leichtfüßig, aber nicht unbeschwert: „Wir beten jeden Tag um Frieden“

So beginnt der Film: Zwei dieser Freunde, ein ehemaliger Boxer und ein inzwischen abgelöster Pfarrer, brechen auf, um in Afrika nach dem Rechten zu schauen. Sie wollen sehen, wohin die Spenden gehen, die sie für Paul und Isaak, für eine Schule, für die katholische Gemeinde von Eldoret gesammelt haben. Sie bringen persönliche Opfer, sie haben einen Staffellauf nach Rom organisiert, um Hilfe leisten zu können. Sie können sich nicht vorstellen, dass die beiden keine Perspektive haben sollen in Kenia.

Von Plattenbauten mit Hirschgeweih zu Lehmhütten

Es ist lustig, wie die beiden massigen Herren, bar jeglicher Englischkenntnisse, in Kenia landen. Der Schnitt von Plattenbauten mit Hirschgeweih zu Lehmhütten in der Sonne des kenianischen Hochlandes wirft wie im Scherz die Frage auf, welches Quartier wohl das elendere sei. Man ist peinlich berührt, wenn man sieht, wie die weißen Riesen an der Kommunikation scheitern, wie sie durch die Landschaft joggen, wie sie arme einheimische Kinder mit Plastikspielzeug und Süßigkeiten beschenken. Zwischen Magdeburger Börde und ostafrikanischem Grabenbruch liegt eine größere Distanz als sechstausend Kilometer Luftlinie.

23231557 © De Facto Medienagentur Vergrößern Filmemacher Knud Vetten: Von Plattenbauten zu Lehmhütten

Als Isaak erzählt, dass er seine Hütte für fünfhundert Dollar vom Laufen in Europa gebaut habe, geht der Spaß an Klischee und Kulturbruch zu Ende. Als Paul erklärt, warum er bis heute im Getto lebt, führen er und seine Mutter die deutschen Freunde mitsamt Filmemacher Knud Vetten zu dem Land, das einst die Familie ernährte, auf dem ihr Vieh graste, auf dem ihre Häuser, ihr Geschäft und ihre Bäume standen. Sie finden verkohlte Lehmbrocken, die Stümpfe der abgeholzten Bäume und einen zerfetzten Laufschuh. Dies ist die anhaltende Warnung davor, dass die Gewalt zurückkehren könnte, deren Ausbruch vor fünf Jahren tausend Menschen tötete und mehr als eine halbe Million vertrieb. Männer, die in der Nachbarschaft ein Grundstück bebauen, machen mit kaum verklausulierten Drohungen deutlich, dass es für Kikuyu „kein Zurück gibt“.

„Wir könnten die nächste Runde beginnen“

Der Boxer ballt die Hände zu Fäusten, doch dann überwältigen ihn die Tränen. Der Film erreicht seinen emotionalen Höhepunkt, als die Gäste fassungslos auf die Nachricht reagieren, dass Isaak mit Geld aus Deutschland ein Grundstück direkt neben dem Land von Paul gekauft hat. Kalendjin, wie Isaak einer ist, können hier unbehelligt siedeln. Halsabschneider schlagen Profit daraus, ihnen das Land der Vertriebenen zu verkaufen. Der Traum, dass Isaak und Paul, so wie sie gemeinsam laufen, auch nebeneinander leben, geht nicht in Erfüllung. Sie würde hier nicht ruhig schlafen können, sagt Pauls Mutter, sie würde hier nicht einmal mehr essen können. Isaak und seine Familie leben inzwischen auf ihrem Land neben dem verwüsteten Grund ihrer Freunde. Von den Angreifern von damals, den Mördern und Plünderern, ist kein einziger gefasst und verurteilt worden.

Wie zur Bestätigung der anhaltenden Bedrohung prahlen zwei Betrunkene, auch sie offenbar aus der Nachbarschaft, dass sie damals ein paar Häuser angezündet hätten. Sie seien mit dem Ausgang der Wahl nicht einverstanden gewesen, sagen sie, und fordern gröhlend ein paar Schilling für Alkohol. Dann sagt einer der beiden: „Wir könnten die nächste Runde beginnen.“

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Doping in Kenia Mehr Epo für Athleten als für Kranke

WM-Medaillen: elf. Doping-Fälle: zwei. Vertrauen: verflogen. Kenias Umgang mit dem Betrug in der Leichtathletik ist hanebüchen. Die Reaktion der Welt-Anti-Doping-Agentur auch. Mehr Von Michael Reinsch, Peking

26.08.2015, 18:44 Uhr | Sport
Tierschutz Netzgiraffen in Kenia am Rande des Aussterbens

In den vergangenen Jahren ist der Bestand der Giraffen in Afrika um 40 Prozent zurückgegangen, bei den Netzgiraffen im Nordosten Kenias sind es sogar 80 Prozent. Wenn für den Schutz der Tiere nicht mehr getan wird, könnte es bald zu spät sein. Mehr

24.04.2015, 16:42 Uhr | Wissen
Leichtathletik-WM in Peking Ghebreslassie feiert Überraschungssieg im Marathon

Der erst 19 Jahre alte Ghirmay Ghebreslassie aus Eritrea läuft den Favoriten aus Äthiopien und Uganda beim WM-Marathon überraschend davon. Er ist der erste Weltmeister für Eritrea in der Leichtathletik-Geschichte. Mehr

22.08.2015, 04:38 Uhr | Sport
Nairobi Barack Obama besucht Kenia

Anlass ist der Global Entrepreneurship Summit, ein jährlicher Gipfel für Unternehmer. Mehr

24.07.2015, 23:36 Uhr | Politik
Schwerer Verkehrsunfall Sechs Tote auf dem Berliner Ring

Dramatische Szenen auf dem Berliner Ring: Ein Kleintransporter fährt auf einen Sattelzug. Sechs Menschen aus Bulgarien sterben. Am Stauende ereignet sich ein weiterer Unfall. Mehr

14.08.2015, 22:41 Uhr | Gesellschaft

Veröffentlicht: 14.02.2013, 17:30 Uhr

Im Rausch des Geldes

Von Michael Horeni

Der gesamte De-Bruyne-Deal dürfte sich auf gut 150 Millionen Euro belaufen. Mit Ethik muss man dem Fußball nicht kommen. Aber es ist schlicht obszön, wie hier Vermögen verschwendet wird. Mehr 93 50