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Dokumentarfilm „Sportsfreunde“ : Zerfetzter Laufschuh

Länderübergreifende Freundschaft: Peter Junge und Isaak Kiplagat Bild: De Facto Medienagentur

Paul, ein Kikuyu, und Isaak, ein Kalendjin, sind zwei Läufer, die für Resignation und für Hoffnung stehen. In „Sportsfreunde“ träumen sie vom Ende der Gewalt in Kenia und bekommen Hilfe aus Bitterfeld.

          Sind Mord, Brandschatzen und ethnische Säuberungen in Kenia schon Geschichte? Oder stehen Gewaltausbrüche wie nach der Präsidentenwahl vom 27. Dezember 2007 zwischen den Volksgruppen wieder bevor? Am 4. März wird gewählt in Kenia, und Paul und Isaak werden nicht zu Hause bei ihren Familien sein. „Wir beten jeden Tag um Frieden“, sagen sie. „Wir werden nicht wählen können, und wir werden unsere Familien nicht schützen können.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Paul und Isaak sind in Deutschland, denn am Donnerstag hatte der DokumentarfilmSportsfreunde“ über sie und ihr Schicksal in Leipzig Premiere. Und da der Film noch keinen Verleih gefunden hat, sondern durch Crowdfunding mit Hilfe des Internets finanziert wird, gehen die beiden auch mit auf die Tournee durch fünfzehn Städte.

          Paul, ein Kikuyu, und Isaak, ein Kalendjin, sind zwei Läufer, die für Resignation und für Hoffnung stehen. Ihr Weg hat sie einst zur Teilnahme am Mitteldeutschen Marathon geführt. Leichtfüßig traben sie vorneweg. Doch unbeschwert sind sie nicht. Seufzend und stockend erzählen sie, dass das Laufen die einzige Möglichkeit sei, ihre Familien zu ernähren. Vor fünf Jahren flüchteten Paul und seine Familie vor dem blutrünstigen Mob von Angehörigen des Kalendjin-Volkes auf das Gelände der katholischen Kirche von Eldoret. Seine Sportsfreunde vom Verein Mitteldeutscher Marathon ließen ihn ausfliegen nach Bitterfeld.

          Leichtfüßig, aber nicht unbeschwert: „Wir beten jeden Tag um Frieden“

          So beginnt der Film: Zwei dieser Freunde, ein ehemaliger Boxer und ein inzwischen abgelöster Pfarrer, brechen auf, um in Afrika nach dem Rechten zu schauen. Sie wollen sehen, wohin die Spenden gehen, die sie für Paul und Isaak, für eine Schule, für die katholische Gemeinde von Eldoret gesammelt haben. Sie bringen persönliche Opfer, sie haben einen Staffellauf nach Rom organisiert, um Hilfe leisten zu können. Sie können sich nicht vorstellen, dass die beiden keine Perspektive haben sollen in Kenia.

          Von Plattenbauten mit Hirschgeweih zu Lehmhütten

          Es ist lustig, wie die beiden massigen Herren, bar jeglicher Englischkenntnisse, in Kenia landen. Der Schnitt von Plattenbauten mit Hirschgeweih zu Lehmhütten in der Sonne des kenianischen Hochlandes wirft wie im Scherz die Frage auf, welches Quartier wohl das elendere sei. Man ist peinlich berührt, wenn man sieht, wie die weißen Riesen an der Kommunikation scheitern, wie sie durch die Landschaft joggen, wie sie arme einheimische Kinder mit Plastikspielzeug und Süßigkeiten beschenken. Zwischen Magdeburger Börde und ostafrikanischem Grabenbruch liegt eine größere Distanz als sechstausend Kilometer Luftlinie.

          Filmemacher Knud Vetten: Von Plattenbauten zu Lehmhütten

          Als Isaak erzählt, dass er seine Hütte für fünfhundert Dollar vom Laufen in Europa gebaut habe, geht der Spaß an Klischee und Kulturbruch zu Ende. Als Paul erklärt, warum er bis heute im Getto lebt, führen er und seine Mutter die deutschen Freunde mitsamt Filmemacher Knud Vetten zu dem Land, das einst die Familie ernährte, auf dem ihr Vieh graste, auf dem ihre Häuser, ihr Geschäft und ihre Bäume standen. Sie finden verkohlte Lehmbrocken, die Stümpfe der abgeholzten Bäume und einen zerfetzten Laufschuh. Dies ist die anhaltende Warnung davor, dass die Gewalt zurückkehren könnte, deren Ausbruch vor fünf Jahren tausend Menschen tötete und mehr als eine halbe Million vertrieb. Männer, die in der Nachbarschaft ein Grundstück bebauen, machen mit kaum verklausulierten Drohungen deutlich, dass es für Kikuyu „kein Zurück gibt“.

          „Wir könnten die nächste Runde beginnen“

          Der Boxer ballt die Hände zu Fäusten, doch dann überwältigen ihn die Tränen. Der Film erreicht seinen emotionalen Höhepunkt, als die Gäste fassungslos auf die Nachricht reagieren, dass Isaak mit Geld aus Deutschland ein Grundstück direkt neben dem Land von Paul gekauft hat. Kalendjin, wie Isaak einer ist, können hier unbehelligt siedeln. Halsabschneider schlagen Profit daraus, ihnen das Land der Vertriebenen zu verkaufen. Der Traum, dass Isaak und Paul, so wie sie gemeinsam laufen, auch nebeneinander leben, geht nicht in Erfüllung. Sie würde hier nicht ruhig schlafen können, sagt Pauls Mutter, sie würde hier nicht einmal mehr essen können. Isaak und seine Familie leben inzwischen auf ihrem Land neben dem verwüsteten Grund ihrer Freunde. Von den Angreifern von damals, den Mördern und Plünderern, ist kein einziger gefasst und verurteilt worden.

          Wie zur Bestätigung der anhaltenden Bedrohung prahlen zwei Betrunkene, auch sie offenbar aus der Nachbarschaft, dass sie damals ein paar Häuser angezündet hätten. Sie seien mit dem Ausgang der Wahl nicht einverstanden gewesen, sagen sie, und fordern gröhlend ein paar Schilling für Alkohol. Dann sagt einer der beiden: „Wir könnten die nächste Runde beginnen.“

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