Robert Harting hält sich nicht gerne mit diplomatischen Floskeln auf: „Hinkommen, auf den Tisch hauen und gucken, was rauskommt“ - so umschrieb Robert Harting seinen Plan für das Trainingslager auf der südkoreanischen Ferieninsel Jeju und den anschließenden WM-Wettkampf an diesem Dienstag in Daegu (12.55 Uhr/ARD und Eurosport live). Der Diskuswerfer aus Berlin, der einzige deutsche Titelverteidiger bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft, gefällt sich in der Rolle des Provokateurs innerhalb einer Mannschaft der Braven. „Ich bin halt immer der Böse“, hat er längst festgestellt.
Harting haut gerne mal einen raus, mit der Scheibe im Ring, aber auch mit seinem losen Mundwerk. Zwischendurch müssen andere die Scherben zusammenkehren. Er selbst baut dadurch aber die nötige Aggressivität gegen sich und die Welt auf, die er braucht, um den Diskus in siegbringende Weiten um 68 oder 69 Meter zu schleudern. Oft geht seine Krawalltaktik auf: Ein Weltmeistertitel und zwei Silbermedaillen stehen auf der Habenseite des 26-Jährigen.
Als Oliver Kahn mit einer ähnlichen Mischung aus Abschreckung, Kraftmeierei und Leistungswillen bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 das Tor der deutschen Nationalmannschaft verteidigte, wurde er von den Südkoreanern zum Titanen verklärt. Robert Harting könnte es zum Doppel-Titan schaffen, denn neben seiner Haltung bringt er ja auch noch 2,01 Meter Körpergröße, 126 Kilogramm Kampfgewicht und den Haarschnitt eines Gladiatoren mit in die Arena.
Ursprünglich stammt er aus Cottbus, den Plattenbaubezirk seines Heimatkiezes hat er selbst einmal als Getto bezeichnet, in dem das Recht des Stärkeren zumindest nicht unbeachtet bleibt. Harting ist einst als Disko-Schläger unangenehm aufgefallen. Ein Eintrag im Führungszeugnis verhinderte, dass er als Sportler bei der Polizei unterkam. Jetzt ist er eben Zeitsoldat.
Wenn er vor einem Wettkampf ein angenehmes Körpergefühl verspürt, ist ihm das ein Warnsignal: „Ich trainiere nicht die ganze Zeit, um mich dann am Finaltag wie eine Weichwurst zu fühlen“, schrieb er während der EM im vergangenen Jahr auf seiner Homepage. Zuvor hatte er die deutsche Mannschaft in Barcelona als „Trauersekte“ bezeichnet. Das Team war schlecht gestartet, hatte dann aber - nach Hartings Ankunft - immerhin noch 16 Medaillen gewonnen. Auch Harting steuerte eine silberne bei, nachdem Frust und Stress über schlechte Würfe in ihm aufgestiegen waren: „Ich kam langsam auf die Brennwerte, die ich brauchte.“
In Südkorea werden die deutschen Leichtathleten vermutlich hauptsächlich von Erfolgen der Werfer zehren: Weltrekordhalterin Betty Heidler und ihre Frankfurter Klubkollegin Kathrin Klaas sind mit dem Hammer für einen Doppelschlag gut. Speerwerferin Christina Obergföll könnte Nachfolgerin der zurückgetretenen Weltmeisterin Steffi Nerius werden. Und dem jungen David Storl ist durchaus ein Coup mit der Kugel zuzutrauen.
„Ich weiß, es wird weh tun“
Und dann ist da ja noch „Der Harting“, wie der Titelverteidiger sich selbst bezeichnet. In der Weltrangliste liegt er mit 68,99 Metern hinter dem Ungarn Zoltan Kovago (69,50) auf Rang zwei. Die Aussichten sind also gut, obwohl es körperlich nicht bestens um ihn bestellt ist. Die Patellasehne seines linken Knies ist entzündet. Seit Wochen muss er Cortison-Tabletten nehmen: „Ich weiß, es wird weh tun. Es kann sein, dass die Sehne beim WM-Wettkampf reißt. Aber da muss ich durch.“ Er würde wahrscheinlich sein Knie opfern, wenn er wieder den Titel gewinnen könnte.
Und dafür fühlt er sich extrem schlecht entlohnt. Das ist sein diesjähriges Krawallthema: Während sein polnischer Konkurrent Piotr Malachowski nach einem Olympiasieg bis zum Lebensende ausgesorgt habe, werde er in Deutschland mit einem Kasten Bier frei Haus abgespeist - oder besser abgefüllt, maulte er vergangene Woche in der „Sport-Bild“. Die 15.000 Euro Prämie von der Sporthilfe und die 60.000 Dollar vom Weltverband ließ er dabei freilich unter den Tisch fallen.
Aber die Diskussion ist eröffnet, die Stimmung steigt. Es ist stets das gleiche Muster. Einst beleidigte er seine Diskus-Kollegen Michael Möllenbeck und Lars Riedel als „Säufer“ und „Egozentriker“. Mal forderte er vom Verband Fördergelder für seinen jüngeren Bruder - seine besondere Lesart des Familienrechts - und immer wieder legt er sich mit Dopingopfern an.
Bei der WM in Berlin war er deshalb fast schon zur unerwünschten Person erklärt worden. Ehemalige DDR-Leistungssportler hatten mit blickdichten Brillen und dem Slogan „Ich will das nicht sehen“ gegen die Vertuschung der doping-verseuchten Vergangenheit protestiert. Es war auch eine Anspielung auf Hartings Trainer Werner Goldmann, der zu DDR-Zeiten Anabolika verabreicht haben soll. Goldmann äußert sich nicht dazu, Harting, der beim Mauerfall erst fünf Jahre alt war, umso mehr: Hoffentlich springe sein Diskus so auf, dass er die Brillen treffe und die Demonstranten dann wirklich nichts mehr sehen würden, ließ er ausrichten.
Hinterher räumte er ein, es sei nicht schlau gewesen, direkt nach der Qualifikation aufgewühlt Emotionales zu sagen. Die Reaktionen ihm gegenüber seien heftig gewesen. Entschuldigt hat er sich nicht wirklich. Als er dann mit dem letzten Wurf Weltmeister geworden war, zerriss er sich das Trikot vor laufender Kamera und machte ein Zeichen, dass sein Mund fest verschlossen sei. Der Abiturient Harting studiert nebenbei an der Universität der Künste Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. Es könnte also durchaus sein, dass er weiß, wie man Wirkungen erzielt.
Mir...
Martin Reinser (blubb77)
- 30.08.2011, 13:51 Uhr