Michael Ballack hat am Dienstag seine Karriere beendet, am Donnerstag hat Michael Schumacher seinen Rücktritt zum Saisonende erklärt. In weniger als 48 Stunden hat der deutsche Sport also zwei seiner Weltstars verloren. So viele hat er davon ja nicht. Einer allerdings ist in dieser Woche zurückgekehrt: Dirk Nowitzki, der beste Basketballspieler, den das Land je hervorgebracht hat, macht am Samstag erstmals mit den Dallas Mavericks ein Spiel in Deutschland.
Die Zeit schrumpft immer weiter
Der erste Auftritt Nowitzkis in Berlin aber ist ein Pressetermin. Die Mavericks wohnen im Adlon, direkt neben dem Brandenburger Tor. Den Termin mit dem deutschen Weltstar, den Deutschland längst nicht so gut kennt wie „Schumi“ und den „Capitano“, hat die amerikanische Profiliga NBA organisiert. Ein Interview zu arrangieren, ist eine komplizierte Sache. Das Fernsehen hoffte nach ersten Kontakten mit der NBA, den deutschen Star in eine Sendung zu bekommen. Das geht dann aber nicht. Die NBA stellte dafür ein längeres Interview in Aussicht. Das geht dann auch nicht. Einzelgespräche gibt es nicht, heißt es. Nicht fürs Fernsehen, nicht für Zeitungen. Eine Gesprächsrunde sei drin. Aber auch dafür schrumpft die Zeit immer weiter. Und so wirkt es, als ob Nowitzki immer schwerer zu erreichen ist, je näher er Deutschland kommt.
Er landet gegen neun Uhr in Berlin. Aber da ist noch nicht klar, wann er zum Pressetermin erscheinen wird. Die Dinge verschieben sich, er ist schließlich für 13.30 Uhr angekündigt. In einem Nebenraum des Hotels steht ein Sofa mitten im Raum. Das Werbebanner der NBA Europe steht schon lange hinter dem Sofa. Es ist eine Menge los in dem Raum. Nowitzki kommt auf die Minute pünktlich um die Ecke. Er wirkt sehr entspannt. Vier Reporter sitzen auf schweren Stühlen um ihn herum. Zwanzig Minuten sind gestattet. Das macht fünf Minuten für jeden. Die Reporter haben die Themen abgesprochen, man will keine Zeit verlieren: Der Auftritt in Berlin. Der Sport. Das Leben in Amerika und Deutschland. Die Politik. Seine Pläne. Eine ganze Menge für zwanzig Minuten.
Nowitzki reicht die Hand zur Begrüßung. Der Flug mit der eigenen Maschine der Mavericks war okay, sagt er, trotz Zwischenlandung. Die Zeitverschiebung nervt, aber irgendwie werde er schon durch den Tag kommen. „Klar, dass viel los ist“, sagt Nowitzki. „Aber ich habe immer davon geträumt, dass wir einmal mit den Mavericks in Deutschland spielen. Es war immer frustrierend zu sehen, dass wir nie dabei waren.“ Am Samstag treten die Mavericks gegen Berlin an. Aber alle kommen, um Nowitzki zu sehen. Die Halle war nach 45 Minuten ausverkauft. „Berlin ist voll im Rausch, sie sind topfit“, sagt Nowitzki über den Gegner. „Wir aber haben gerade erst angefangen. Ich hoffe, dass es keine Blamage wird - und wir eine gute Show abliefern.“ Sind die Tage in Berlin nun eine Geschäftsreise mit der NBA, ein Trainingsausflug mit den Mavericks oder Heimaturlaub? „Von allem ein bisschen“, sagt Nowitzki. „Aber Urlaub ist es eher nicht, dann wäre ich in Würzburg unterwegs.“ In seiner Heimatstadt also. Am Sonntag zieht der NBA-Tross nach Barcelona weiter. Nowitzki will unbedingt zum Fußball-Clásico zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid. Aber er hat keine Karte.
Unverständnis ins Gesicht geschrieben
Die Basketball-Bundesliga verfolge er regelmäßig im Internet, sagt er. Die Entlassung seines ehemaligen Nationaltrainers Dirk Bauermann beim FC Bayern hat ihn umgehauen. „Das ist ein Schock für die Basketball-Welt hier in Deutschland. Eine Woche vor dem Saisonauftakt ist das schon ein absoluter Hammer.“ Das Unverständnis steht ihm ins Gesicht geschrieben. Interessantes Thema. Aber für Nachfragen ist keine Zeit.
Nächstes Thema, Deutschland und Amerika. An diesem Freitag zeichnet ihn die amerikanische Handelskammer in Deutschland für sein gesellschaftliches Engagement im Zuge seiner Stiftung mit dem „Transatlantic Partnership Award“ aus. In Amerika und der Welt sei er inoffizieller Botschafter Deutschlands. Den Preis haben auch schon Hans-Dietrich Genscher und Bill Gates erhalten. „Ich habe mich selbst nie als Botschafter gesehen“, sagt Nowitzki, „sondern als einen Jungen, der da rübergegangen ist und seinen Traum verfolgt hat.“ Was ist noch deutsch an ihm, was schon amerikanisch? „Ich habe beides angenommen. In Ami-Land mag ich diesen relaxten Lebensstil, kein Stress im Alltag. Die deutschen Tugenden haben mich dahin gebracht, wo ich heute bin.“
„Nicht in die Brennnesseln setzen“
Im November wählt Amerika zwischen Obama und Romney. Aber zur Politik will sich Nowitzki nicht äußern, auch wenn er es selbst schon ins Weiße Haus zu Obama gebracht hat. Nach dem NBA-Titelgewinn war er mit den Mavericks da. „Man kann sich da viele Feinde machen“, sagt Nowitzki. „Ob es Religion oder Politik angeht - da gibt es viele Brennpunkte. Man muss sich nicht in die Brennnesseln setzen.“
Die Zukunft. Aus Dallas kommt die Meldung, dass er mit seinen 34 Jahren noch fünf Jahre auf NBA-Niveau spielen könne. „So weit habe ich noch gar nicht gedacht“, sagt er. „Ich habe noch zwei Jahre Vertrag, dann muss man mal schauen, ob es mir noch Spaß macht, und ob der Körper mitmacht. Dem Basketball werde ich auf jeden Fall erhalten bleiben. Dallas ist schon wie eine neue Heimat für mich, dass ich da nicht ganz meine Zelte abbreche, ist klar.“ Die PR-Dame umkreist den Tisch, die Zeit läuft ab. Am Ende sind es 20 Minuten und 22 Sekunden. Dann ist das Fernsehen dran. Die Reporter bekommen vier Minuten. Bei der letzten Frage greift die Dame lächelnd ein. Schluss, Dirk muss jetzt wirklich weiter.