30.10.2006 · Dieter Baumann kommt in den Knast und geht mit den Häftlingen laufen. „Ob ich mit einem Manager laufe oder mit einem Häftling, das ist gleich. Beide haben kurze Hosen an, und beide schwitzen“, sagt der Olympiasieger.
Von Hans-Joachim Waldbröl, GießenDrei Fußbälle hätten es beinahe geschafft. Sie sind in ihrer kurzen Karriere hoch hinausgekommen - und dann, knapp vor dem Überflug ins Freie, doch an der kratzbürstigen Stacheldraht-Schlange gescheitert. Dort oben läßt man sie hängen, wie abschreckende Warnzeichen. Von Dornen aufgespießt, ist einem gänzlich die Luft ausgegangen: vielleicht nur belächelt oder doch bedauert von Häftlingen, die angesichts der unerbittlichen Fangarme jeden Anflug von Fluchtgedanken gleich wieder sausenlassen?
Komisch, daß die da draußen denen da drinnen durchweg Ausbruch-Versuchungen unterstellen. Unmöglich, das hier zu schaffen! Der Innenhof, ein Mini-Sportplatz für die Insassen der Justizvollzugsanstalt Gießen, ist da, wo das kleine Karree nicht von zwei Zellentrakten begrenzt wird, durch beeindruckende Backsteinmauern abgeschottet. Dabei haben die Wälle nicht einmal die angestrebte Höhe von sechs Metern, sondern ragen nur vier bis fünf Meter auf. "Weil sie unter Denkmalschutz stehen und nicht aufgemauert werden dürfen", sagt Arthur Schmidt, Abteilungsleiter des offenen Vollzugs. Dennoch müßte man ein veritabler Stabhochspringer sein, um sie zu überwinden.
Schlange vor der Mucki-Bude
Leichtathletik war bisher bestimmt nicht die Sportart Nummer eins im Knast - aber auch nicht Fußball, wie man angesichts der drei gefangenen Bälle gleich vermutet. An erster Stelle der Nachfrage steht das, was Bodybuilder martialisch den Besuch in der "Folterkammer" nennen. Ein Wort mit makabrer Bedeutung in einem Gefängnis. Also: die Mucki-Bude, vor ihr stehen sie Schlange.
Hier und heute zählen keine plumpen Körperkräfte. Zähe Ausdauer ist gefragt, wenn auch geteilt durch vier. Schmidt preist die Aufführung an, als wäre sie eine Kirmesattraktion: "Das hat's auf der ganzen Welt noch nicht gegeben." Eine mutige Behauptung. Immerhin ist es garantiert der erste Staffel-Marathon in einem deutschen Gefängnishof, angeboten und vorbereitet durch einen leibhaftigen Olympiasieger, wenn auch "nur" über 5000 Meter. Der pfiffige - und nicht zu überhörende - Schwabe Dieter Baumann, der schon vor zehn Jahren in den "Knascht" kommen und "mit meinen Jungs" laufen gehen wollte, wirkte als vorbildlicher Motivator und anspornender Mitläufer, der, sportlich gesehen, keine großen Unterschiede zwischen drinnen und draußen machen will: "Ob ich mit einem Manager laufe oder mit einem Häftling, das ist gleich. Beide haben kurze Hosen an, und beide schwitzen."
Freigängerstaffel beim Frankfurt-Marathon
Der Goldmedaillengewinner von 1992 in Barcelona solidarisierte sich mit seinen Laufschülern. Er verstärkte am Freitag eine Sträflingsstaffel im geschlossenen Rahmen, an diesem Sonntag startete er beim Frankfurter Marathon als vierter Mann mit drei Freigängern. Und gleich kommt wieder die Frage: Keine Angst, daß dabei einer wegrennt? "Die Gefahr ist nahezu null", versichert Schmidt. "Das sind Männer, die jeden Tag drei Stunden raus dürfen, ins Café oder ins Kino. Da könnten sie jederzeit abhauen."
Das ist schon passiert. Allerdings bei Gefangenen einer geschlossenen Abteilung mit geringer Hafterleichterung. Dem evangelischen Seelsorger Otto Seesemann, der schon vor 30 Jahren mit Insassen der Butzbacher JVA durch den Wald rannte, sind damals drei stiftengegangen. "Drei von Tausenden! In 17 Jahren!" rechnet er wie zur Entschuldigung vor. "Und auch die waren schneller wieder eingeholt, als sie abhauen und untertauchen konnten."
„Es wird nicht geschummelt“
Seesemann, inzwischen pensioniert, schaut zu, wie die Häftlinge in Gießen sich einen Drehwurm einhandeln. Jeder der vier läuft gut 105 Runden à 100 Meter. Macht etwas mehr als 10.000 Meter und ergibt, mit vier multipliziert, die klassische Marathonlänge von 42,195 Kilometern. "Das belastet ganz schön die Gelenke", bemerkt, ohne einen klagenden Unterton, U-Häftling Christian, der wie alle Mitläufer aus Diskretionsgründen nur unter seinem Vornamen antritt. Die vielen Ecken und Kanten spürt er als besondere Belastung. Das Problem ist bekannt, und man hat auch schon daran gedacht, die Sportler nach der Streckenhälfte umkehren und in Gegenrichtung laufen zu lassen. Abgesehen davon, daß der Verschleiß doch nur gleichmäßiger verteilt würde, sprach bei der sogenannten Weltpremiere ein anderer Umstand dagegen: Mit den drei Häftlingsstaffeln traten noch neun Gastquartette an. Welch ein heilloses Durcheinander hätte der Gegenverkehr gebracht, zumal die Übersicht ohnehin schon ein Problem war.
Deshalb forderte Moderator Schmidt: "Jeder zählt seine Runden selbst. Es wird nicht geschummelt." Dabei wäre Verzählen doch irgendwie menschlich. Auch unter Männern hinter Schloß und Riegel, die sich ohne Dieter Baumann sicher nicht aufgerafft hätten. "Der hat's ja druff", sagt Christian, und Kahan war vor einigen Monaten "überrascht, wie locker der auf uns zugegangen ist".
„Besser, als auf der Zelle zu hocken“
Im April beschloß Schmidt, Baumanns Dauerofferte anzunehmen: "Jetzt machen wir's." Der reisende Dauerläufer schrieb das Trainingsprogramm. Ziel: Einsteiger in acht Wochen so weit zu bringen, daß sie eine Stunde lang durchhalten. 25 Häftlinge haben damit angefangen, nicht alle sind dabeigeblieben. Baumann hielt die meisten auf den Beinen, weil er für Abwechslung sorgte und auch mal befreundete Kenianer mitbrachte, um den schweren Jungs zu zeigen, wie leichtfüßig man laufen kann - wenn man im ostafrikanischen Hochland geboren ist und läuft und läuft und läuft. Das kann kein Häftling. "Die sind alle weggesperrt, und ich will denen, die täglich nur eine Stunde Freigang im Innenhof haben, ein bißchen Bewegung bringen."
Angebot und Ergebnis, beides sollte nicht sozialpsychologisch überfrachtet werden. Das sieht die Anstaltspsychologin Henriette Winter auch: "Immerhin kann man mit Sport am einfachsten Zugang zu den Häftlingen finden. Sie erfahren ein bißchen Leistung, ein wenig Erfolg - viele von ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben." Auch Baumann will sein Engagement nicht heroisieren, seinen Erfolg nicht glorifizieren. Es gibt schließlich ganz banale Gründe, warum Häftlinge laufen gehen, wie Andreas beweist: "Es ist jedenfalls besser, als auf der Zelle zu hocken." Der berühmte Vorläufer weiß das, und er formuliert seine selbstgestellte Aufgabe mit biblischer Bescheidenheit: "Wenn ich nur einen einzigen dazu bringe, draußen weiterzulaufen, dann habe ich mein Ziel schon erreicht."