Home
http://www.faz.net/-gub-tony
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Dieter Baumann im Interview „Ich habe mich nicht versteckt wie Jan Ullrich“

 ·  Dieter Baumann hat aus seiner Zahnpasta-Affäre einiges gelernt. Im Interview mit der F.A.Z. spricht sich der 5000-Meter-Olympiasieger von 1992 für ein Anti-Doping-Gesetz aus. Die Selbstkontrolle des Sports sei nicht glaubwürdig.

Artikel Bilder (11) Lesermeinungen (0)

Dieter Baumann hat aus seiner Zahnpasta-Affäre einiges gelernt. Im F.A.Z.-Interview spricht sich der 5000-Meter-Olympiasieger von 1992 für ein Anti-Doping-Gesetz aus.

Der beherzte Spurt, mit dem Jan Fitschen in Göteborg das EM-Finale über 10 000 Meter gewann, erinnerte viele Zuschauer an Dieter Baumanns Olympiasieg über 5000 Meter in Barcelona. Haben Sie das auch so gesehen?

Natürlich war der Spurt hintenraus genauso beeindruckend und schnell wie meiner. Das war ein Klasse-Erfolg für Jan - und ich glaube auch für die Laufszene in Deutschland ein ziemlich wichtiges Signal. Denn wir sind ja nicht gerade verwöhnt. Die jungen Athleten brauchen immer wieder solche Lichtblicke, damit sie sehen: Wenn ich lange genug dranbleibe, beharrlich bin, dann gibt es Chancen und auch mal Rennkonstellationen, an die niemand gedacht hat. Ich habe auch Glück gehabt 1992 in Barcelona. Nicht viele meiner internationalen Rennen sind von meinen Gegnern so langsam angegangen worden, daß ich bis zum Schluß mithalten und im Spurt gewinnen konnte.

Als Sie selbst noch aktiver Athlet waren, haben Sie gesagt, sie wollten nie auf die „andere Seite“ wechseln. Nun sind Sie Funktionärsberater des Landessportverbandes Baden-Württemberg. Wer oder was hat Ihren Sinneswandel bewirkt?

Ich sehe keinen Sinneswandel, es gibt keine andere Seite. Ich sehe das als Bereicherung. Wenn man Athlet ist, sieht man natürlich auch viele Dinge aus der Perspektive des Athleten. Alles ist fokussiert auf die Vorbereitung, auf das einmalige Event. Auch als Athlet war mir schon bewußt, daß da viel mehr dranhängt. Ich habe mich auch eingemischt, also das getan, was man von einem mündigen Athleten erwartet. Ich sehe das nur als sehr stringent, daß ich jetzt als Teilzeitberater für die Leichtathletik in einem Landessportverband engagiert wurde, dem ich selbst viel zu verdanken habe. Es macht mir viel Spaß, es ist eine Herausforderung. Und der stelle ich mich.

Worin können Sie die Verbandsführung denn beraten - und was würden Sie ihr raten?

Wenn ich das jetzt auf Anhieb wüßte, dann könnten wir uns dort sehr viel Arbeit sparen. Zunächst einmal gilt es, eine Bestandsaufnahme zu machen. Wie arbeitet die Arbeitsgemeinschaft Baden und Württemberg, das sind ja zwei Gebilde, die nur im Bereich Leistungssport miteinander verbunden sind. Meine Funktion bezieht sich auf beide.

Wären Ihre Tips nicht auch für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) interessant? Oder hegen Sie da immer noch Vorbehalte wegen der Doping-Geschichte?

Natürlich kann ich mir vorstellen, etwas für den DLV zu machen. Ich mache doch eigentlich schon was für den DLV, denn ich betreue vier Leistungsathleten, die alle für die Nationalmannschaft starten können. Insofern nehme ich an Trainersitzungen des Laufteams teil. Ich bin in Trainingslagern mit dabei. Das ist doch schon unmittelbare Arbeit für den Dachverband.

Innerhalb Ihres Landessportverbandes waren nicht unerhebliche Widerstände gegen Ihr Engagement laut geworden. Hat Sie das gestört oder gar enttäuscht?

Es hat mich weder gestört noch enttäuscht. Von wem hätte ich enttäuscht sein sollen? Ich weiß nicht, wo die Widerstände lagen. Vielleicht lagen sie bei der „Bild“-Zeitung. Aber davon kann ich nicht enttäuscht sein, das habe ich erwartet.

Aber es soll eben doch Vorbehalte im LSV gegeben haben, und zwar wegen Ihres Dopingfalls.

Innerhalb des entscheidenden Gremiums wurde einstimmig beschlossen, daß ich diesen Vertrag bekomme. Da gehe ich doch nicht noch einmal zurück und frage, wer welches Argument vorgetragen hat. Das ist doch die Pflicht des Gremiums, die Sache zu prüfen.

Sie haben also von solchen Widerständen nichts mitbekommen?

Natürlich habe ich das mitbekommen, aber ich kann das nur an einem CDU-Stadtrat in Stuttgart festmachen, der in keiner Sportorganisation ist. Die beiden Fachverbandspräsidenten, die ich ja beraten soll, haben beide beim ersten Kontakt gesagt: Das finden wir klasse.

Ist Ihnen eine Ablehnung wegen Ihrer Dopingsperre schon mal untergekommen?

Nein. Ich begegne Menschen, wenn ich Zug fahre oder in einer Festgesellschaft bin oder im Knast laufe, Ablehnung ist mir noch nicht begegnet. Heute sowieso nicht mehr.

Im Knast?

Ja, ich laufe mit Strafgefangenen in der Justizvollzugsanstalt Gießen. Im Innenhof mit den Insassen des geschlossenen Vollzugs, da haben wir gerade eine Marathon-Staffel geschafft. Oder auch draußen, wie jetzt beim Frankfurter Marathon, bei dem natürlich nur die Häftlinge im offenen Vollzug mitmachen durften.

Und all diese Menschen haben ein anderes Bild von Ihnen, als es in den Medien dargestellt wird?

Da betrachtet man mich auf meinem Lebensweg. Und da gibt es zwei markante Ereignisse: Das eine ist der Olympiasieg, und das andere ist dieser Dopingfall. Aus meiner Sicht ein Dopingfall, in dem es zu Unrecht zu einer Verurteilung kam. Ich weiß, Sie haben eine andere Meinung, das ist auch okay. Ich habe versucht, meine Energie davon wegzubewegen; denn wenn ich dort bleibe, kreist mein Leben immer nur um dieses Problem. Und das fände ich schade. Ich habe versucht, mein Leben auf die Zukunft zu richten, und die Leute, die mir begegnen, interessiert: Was ist das für einer? Warum hatte der Erfolg, warum hat er so gekämpft, wie er gekämpft hat gegen die Anschuldigungen, warum hat er sich nicht versteckt wie jetzt der Jan Ullrich. Ich glaube, die Leute begegnen mir heute mit Offenheit. Die einen mit einer distanzierten, kritischen Offenheit, die anderen mit einer vielleicht sogar schon bewundernden Offenheit.

Hat der Dopingfall Ihre geschäftlichen Aktivitäten eingeschränkt und zu finanziellen Einbußen geführt?

Klar hat es finanzielle Einbußen gebracht. Nur ich muß Ihnen sagen: Das hat mich überhaupt nicht beschäftigt. Ich habe erkannt, daß beides zusammengehört. Wenn ich jetzt ewig lange rumgerechnet hätte, wieviel mich was gekostet hat und wo ich mich bewegt hätte in meinem Leben ohne den Dopingfall, da würde ich verrückt. Ich habe mir einen Gang zum Psychiater gespart und gesagt: Okay, das gehört zu meinem Leben, und ich muß für mich gucken, wie ich damit zurechtkomme. Ich komme zurecht, und ich glaube, das ist alles gar nicht so schlecht, was ich da mache.

Sie sind früher - und sind es heute vielleicht auch noch - ein sehr strenger Prediger gegen jede Manipulation im Sport gewesen. Hat Ihr eigener Fall etwas an dieser Haltung verändert?

Meine Einstellung hat sich nie geändert. Ich war vor meinem Fall gegen Doping, ich war während des Falles gegen Doping, und ich bin heute gegen Doping. Es ist doch ganz normal, daß ich aufgrund meiner Erfahrungen gewisse Eckpunkte anders werte und daß ich auch meine Argumente auf diese Erfahrungen abstimme. Nach wie vor stehe ich für jede Bemühung um einen sauberen Sport.

Einer dieser Eckpunkte dürfte ein Anti-Doping-Gesetz sein. Was halten Sie von einem eigenen Straftatbestand für Athleten, die Dopingmittel besitzen, weitergeben oder selbst mißbrauchen?

Ich glaube, so ein Anti-Doping-Gesetz wäre ein ganz wichtiger Schritt. Es geht um die Glaubwürdigkeit. Wir alle im Sport nehmen den Kampf gegen Doping doch nicht mehr als glaubwürdig wahr. Derjenige, der sich selbst kontrolliert, dem nimmt man das eben nicht ab. Es ist so, als wenn die Metzger-Innung ihre Fleischladungen selbst kontrolliert. Würden wir als Verbraucher etwa sagen: Das wird schon stimmen, was die da messen? Die Kontrolleure, die Ankläger, die Richter - alle bewegen sich innerhalb des Sportes. Über ein Anti-Doping-Gesetz bringe ich ja plötzlich eine externe Institution ins Spiel. Und überall dort, wo wir Erfolg in der Dopingbekämpfung haben, spielt sich das außerhalb von sportlichen Institutionen ab. Denken wir an Spanien und Fuentes, Italien und Fußball, Frankreich und die Tour de France. Wer hat die Schritte, die uns weitergebracht haben, initiiert? Das waren Staatsanwälte, das waren staatliche Richter.

Im organisierten Sport überwiegt die Ablehnung eines Anti-Doping-Gesetzes vor allem wegen der anderen Beweiserhebung staatlicher Gerichte. Und damit, so fürchten viele Sportfunktionäre, würde die „strict liability“ kippen. Also die unbedingte Verantwortung des Sportlers für alle Substanzen, die in seinem Körper gefunden werden. Ohne „strict liability“ müßten die sportlichen Ankläger dem Athleten die Schuld nachweisen.

Ich möchte keine juristische Fachdiskussion mehr führen, weder mit Ihnen noch mit Sportfunktionären. Die Diskussion um ein Anti-Doping-Gesetz zeigt mir nur, daß man sich nicht auf einen neuen Weg einlassen will. Und wenn man sagt, wir haben das immer schon so gemacht, dann muß ich sagen, so alt ist der Anti-Doping-Kampf noch gar nicht. Für mich ist wichtig, was für alle Beteiligten die glaubwürdigste, fairste Möglichkeit ist. Das müssen sich alle fragen, Sportorganisationen, Athleten, Trainer, die gesamte Gesellschaft muß das beantworten. Sind wir bereit zu einem Anti-Doping-Gesetz? Und das bedeutet, daß wir diese „strict liability“ oder Beweislastumkehr vergessen können.

Genau das befürchten ja führende Sportfunktionäre.

So what? Der konsequente Weg aus meiner Sicht wäre dann, daß man bei einem Erstvergehen eine mildere Bestrafung hätte. Denn vorher müßte man eine Beweisaufnahme machen, sich fragen: Was ist hier passiert? Wir haben auf der einen Seite eine schnelle Suspendierung, weil die Probe positiv war. Egal, was der Sportler genommen hat, es ist in seinem Körper, er hat einen Leistungsvorteil, also müssen die anderen Athleten geschützt werden - durch die vorläufige Sperre des Verdächtigen. Ersttäter sollten, wenn sie nicht vorbelastet sind und bei den früheren Proben nichts Auffälliges war, mit einem halben oder dreiviertel Jahr Sperre bestraft werden. Wenn es dann zu Wiederholungsfällen kommt, dann gibt es wie im normalen Leben kein Pardon mehr. Dann gibt es vier, fünf, sechs Jahre. Warum nicht? Man hat diesen ersten Warnschuß gegeben, aber dann ist der Wiederholungstäter richtig dabei. Man kann es koppeln mit Geldstrafen. Wo ist also das Problem?

Wenn es die „strict liability“ 1999 nicht gegeben hätte, dann wäre Ihr Dopingfall wohl anders ausgegangen. Beschäftigt Sie das noch?

Nein. Der Fall ist so gelaufen, wie er gelaufen ist. Es gab ja einen Freispruch auf nationaler Ebene. . .

. . . den später aufgehobenen des DLV-Rechtsausschusses. . .

. . . der sich nicht auf die „strict liability“ berufen hat, weil die in Deutschland gar nicht greifen darf. Auch zu diesem juristischen Thema gibt es Urteile.

Welche denn?

Ach, die krame ich Ihnen nicht raus. Es interessiert mich nicht, wie mein Fall ausgegangen wäre, er ist so ausgegangen, wie er ausgegangen ist. Die einen haben Sektkorken knallen lassen, die anderen haben es bedauert. Mir geht es darum, wie ich ein faires Verfahren für Athleten gewährleisten kann. Innerhalb des Sports mit seiner „strict liability“ geht es eben nicht. Und hier glaube ich, daß die Athleten ihre Rechte zuwenig beachten.

Daß Sie Ihre Rechte nicht kennen oder zuwenig beachten, kann man aber nicht sagen.

Ich kann natürlich immer Leute finden, die auf den Tisch hauen, die man instrumentalisieren kann, und ich sage das im Rückblick: Man hat mich genauso instrumentalisiert und gesagt: Mensch, Baumann, sag mal, daß die anderen alle dopen und alle hart bestraft werden müssen.

Haben Sie das nicht aus eigenem Antrieb gesagt? Und hätten Sie es besser nicht gesagt?

Wenn man mich juristisch besser aufgeklärt hätte und wenn ich jetzt die Konsequenzen durchdenke: Nein, ich hätte es nicht sagen sollen.

Das Gespräch führte Hans-Joachim Waldbröl.

Das vollständige Interview lesen Sie in der F.A.Z. vom 3. November.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahre des Versagens

Von Paul Ingendaay

Die Zeit von José Mourinho bei Real Madrid ist abgelaufen. Der unbequeme Trainer ist aber nicht der einzige Grund für die Misere des Klubs. Präsident Pérez regiert mit beispielloser Ahnungslosigkeit. Mehr 2 9

Ergebnisse, Tabellen und Statistik