03.09.2009 · Nach den Jahren des Mittelmaßes, den vielen enttäuschten Hoffnungen und vergebenen Chancen steht die deutsche Volleyball-Nationalmannschaft plötzlich besser da denn je. Bei der Europameisterschaft in der Türkei will sie ihre Erfolgsgeschichte fortschreiben.
Von Bernd SteinleEigentlich alles ganz einfach, so gesehen. „Wir haben uns bestimmte Ziele gesteckt“, sagt Zuspieler Patrick Steuerwald, „und die haben wir bisher alle erreicht.“ Sie gewannen die Europaliga, sie sind auf dem besten Weg in die Weltliga, den Exklusiv-Zirkel des internationalen Volleyballs, und sie schafften den Sprung zur WM 2010 in Italien. Mit anderen Worten: Alles, was die Männer-Auswahl des Deutschen Volleyball-Verbands (DVV) zuletzt anfasste, brachte sie erfolgreich zu Ende.
Wie das geht? Nach den Jahren des Mittelmaßes, den vielen enttäuschten Hoffnungen und vergebenen Chancen, die erst mit der WM-Teilnahme 2006 und dann im vergangenen Frühjahr mit der ersten Olympia-Qualifikation seit 36 Jahren wirklich endeten? Bei der Europameisterschaft, die für die Deutschen an diesem Donnerstag in Izmir mit dem Spiel gegen die Türkei beginnt, wollen sie ihre Serie fortsetzen. Sebastian Schwarz sagt, für den jüngsten Aufschwung der deutschen Männer „gibt es viele Gründe“.
„Simon ist schon besser, das ist jedem bewusst“
Außenangreifer Schwarz und Zuspieler Steuerwald sind zwei davon. Beide haben ihre wohl beste Saison hinter sich: In der Bundesliga bescherten sie ihrem Verein Generali Haching mit dem Pokalsieg dessen ersten Titel, in der Nationalmannschaft spielten sie sich in der Europaliga in die Stammformation. Im Fall Steuerwald hieß das: Der 23 Jahre alte, gerade mal 1,80 Meter große Student, dessen Bruder Markus 2007 als Libero mit dem VfB Friedrichshafen die Champions League gewonnen hatte, verdrängte fürs Erste den etatmäßigen Zuspieler Simon Tischer, immerhin ebenfalls Champions-League-Sieger und zuletzt mit Iraklis Thessaloniki erst im Finale der Königsklasse gescheitert.
Tischer legte im Sommer eine Pause ein, und so war der Weg frei für Steuerwald. „Simon ist schon besser, das ist jedem bewusst“, sagt Steuerwald. „Ich hoffe, dass er bald wieder richtig fit ist.“ Bis dahin aber führt er nun hauptsächlich die Geschäfte, und schaut man sich die jüngste Bilanz an, kann er dabei so viel nicht falsch gemacht haben. Steuerwald selbst will die Konkurrenzsituation gar nicht so hoch hängen. „Wir sind einfach unterschiedliche Spielertypen“, sagt er.
So breit, so gut
Diese wechselvolle Spielweise, die Unberechenbarkeit, die die Doppelbesetzung der Regisseursrolle mit sich bringt, ist eine der großen Stärken der Nationalmannschaft. So verfügt sie parallel zum Duo Steuerwald/Tischer auch auf der wichtigen Position des Hauptangreifers über eine schlagkräftige Alternative: Dort steht neben Jochen Schöps, von manchen als bester Diagonalangreifer der Welt erachtet, Georg Grozer junior bereit, der wohl spektakulärste Spieler der Bundesliga.
Dass sich die DVV-Auswahl so breit so gut präsentiert, ist vor allem das Verdienst eines Mannes: des neuen Bundestrainers Raul Lozano. Vor einem knappen Jahr noch, als er seinen Posten übernahm, sah es kurz so aus, als liefe dem Argentinier die halbe Mannschaft davon: durch Rücktritte, postolympische Pausen oder Ausflüge zum Beachvolleyball. Lozano nahm den Umbruch als Chance, baute im Nu eine international wenig erfahrene Truppe zu einem selbstbewussten, spielstarken Team auf und mischte es erfolgreich mit Stützen wie Schöps oder Björn Andrae.
„Es macht immer Spaß mit ihm“
Kein Wunder, dass die Spieler höchst angetan sind von Lozanos Arbeit – weit über die Loyalität des Mannschaftsspielers hinaus, der es sich mit seinem Trainer nicht verscherzen will. „Lozano hat großen Anteil an unserem Erfolg“, sagt Steuerwald. „Er steuert das Training perfekt, man ist immer dann fit, wenn es drauf ankommt. Und er will einfach immer gewinnen, ob in einem Freundschaftsspiel oder im Wettkampf.“ Schwarz sagt: „Er ist ein absoluter Fachmann. Er hat vieles verbessert, im individuellen wie im mannschaftstaktischen Bereich.“ Und, nicht ganz unwichtig: „Es macht immer Spaß mit ihm.“
Das Ziel bei der EM? Ist offen. Weil sich so viele Teams in Europa auf einem Niveau bewegen, „wird die Tagesform entscheiden“, sagt Schwarz. Zumindest die Zwischenrunde aber wollen sie erreichen, dafür müssen sie in der Vierer-Vorrundengruppe, die Polen und Frankreich komplettieren, mindestens Dritter werden. Dass sie das Potential dafür haben, steht nach den vergangenen Wochen außer Frage. „Es hängt alles von uns ab“, sagt Steuerwald.
Doch wie immer die EM enden wird: Vorbei ist der lange Sommer mit der Nationalmannschaft für Schwarz und Steuerwald danach noch immer nicht. Am 18. und 19. September geht es in zwei Spielen gegen Venezuela um die Qualifikation für die Weltliga. Und zwei Wochen später fängt die Bundesliga wieder an. Der große Sommerurlaub? Ist diesmal ausgefallen, wegen zu großen Erfolgs. Nicht so schlimm, findet Steuerwald. „Besser als zwei Monate Pause“, sagt er. „Dann stehe ich in der Liga wenigstens gleich gut im Saft.“