14.03.2009 · Die Welle der schweren Manipulationsvorwürfe hat nun zwei deutsche Schiedsrichter erreicht. Es klingt wie ein Krimi: Flughafen Moskau, 50.000 Dollar in einer Plastiktüte. Die beiden wehren sich: „Wir sind reingelegt worden.“ Der europäische Verband will ermitteln.
Von Rainer SeeleBernd Ullrich schwant, dass nun das Ende für ihn gekommen sein könnte, jedenfalls auf der internationalen Bühne. Er habe ja auch gar keine Lust mehr, sagt er, in ein osteuropäisches Land zu reisen. In der Bundesliga aber will er irgendwann doch wieder eingesetzt werden. Um sich reinwaschen zu können von all den Gerüchten, wie er sagt.
Vorläufig aber ist Ullrich ein Schiedsrichter außer Dienst, wie Frank Lemme, mit dem er seit vielen Jahren ein Gespann bildet. Die Welle der schweren Manipulationsvorwürfe im Handball hat jetzt auch sie erfasst. Und nicht nur für den deutschen Handball, der seit einiger Zeit bereits durch den Verdacht gegen den THW Kiel erschüttert wird (siehe: Handball-Kommentar: Verblüffende Passivität), ist das ein Desaster. Der Handball scheint immer tiefer in den Sumpf zu geraten, er verliert immer mehr an Glaubwürdigkeit. Es ist, als wäre die Büchse der Pandora geöffnet worden, und alles Schlechte bräche über diesen Sport herein. Er hat aber all das, was ihn nun ins Wanken bringt, selbst zu verantworten.
Lemme und Ullrich gelten als die besten deutschen Schiedsrichter
Im Fall Lemme/Ullrich geht es um 50.000 Dollar, um eine abenteuerlich klingende Geschichte, eine Art Kriminalstück – jedoch auch erstmals um einen Beleg dafür, dass im Handball Bestechungsversuche unternommen werden. Während die Kieler Staatsanwaltschaft sich bemüht, die Vorkommnisse um den deutschen Meister aufzuhellen, wurde bekannt, dass die Magdeburger Lemme und Ullrich, die als die besten deutschen Referees gelten, im Jahr 2006 merkwürdige russische Kontakte hatten.
Sie leiteten damals im Europapokal der Pokalsieger das Rückspiel zwischen Medwedi Tschechow und BM Valladolid. Die Russen siegten mit acht Toren Differenz, das reichte knapp, um nach der Niederlage in Spanien den Cup zu gewinnen. „Das Spiel ist normal gelaufen“, sagt Ullrich gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, „da wird man nichts finden.“
Eine Plastiktüte, darin 50.000 Dollar
Allerdings hatten die Russen Einfluss auf die beiden Deutschen nehmen wollen, auf alle Fälle beschreibt Ullrich das so. Sein Partner Lemme sei vor dem Spiel angesprochen worden, er habe jedoch das unmoralische Angebot abgelehnt. Und doch wurde bei den Magdeburgern später Bargeld entdeckt: Der russische Zoll fand am Flughafen Moskau im Gepäck von Ullrich eine Plastiktüte mit 50.000 Dollar. Dieser Betrag wurde ebenso wie das übrige Geld, das die beiden Deutschen bei sich trugen, konfisziert. Die russischen Behörden hielten Lemme und Ullrich auf der Polizeistation des Airports fest. Sie durften erst die Rückreise in die Heimat antreten, nachdem sie Unterschriften geleistet hatten. Was sie unterzeichneten, wussten sie nicht. „Es war alles in Russisch“, sagt Ullrich. „Wir hatten nur ein Ziel: da rauszukommen.“
Ullrich, von Beruf Handelsvertreter, behauptet, dass er sich niemals habe bestechen lassen, dass er nie ein Spiel verpfiffen habe. Er und Lemme stellen sich in dem jüngsten Skandal als Opfer eines Komplotts dar. „Wir sind gelinkt geworden“, sagt Ullrich. Nach ihrer Schilderung hätten die Russen die Dollarscheine vermutlich in der Kabine in die Sporttasche von Ullrich gesteckt. Der Magdeburger will das nicht bemerkt haben. Warum aber handelten die Russen überhaupt so, obwohl Lemme doch ihr unlauteres Ansinnen angeblich zurückgewiesen hatte?
Über den Vorfall war seit längerem spekuliert worden
Ullrich gibt sich ratlos. Vielleicht, sagt er, hätten er und sein Partner für künftige Spiele mit Beteiligung von Medwedi Tschechow gefügig gemacht werden sollen. Über den Vorfall vom April 2006 war in der Branche seit längerem schon spekuliert worden. Ein ehemaliger russischer Handball-Nationalspieler soll Informationen darüber preisgegeben haben.
Ullrich sagt, dass er und sein Kompagnon in dieser brisanten Angelegenheit nur einen großen Fehler begangen hätten: Sie verschwiegen, was sich in Moskau ereignet hatte, sie setzten weder die Europäische Handball-Föderation (EHF) noch den Deutschen Handballbund (DHB) davon in Kenntnis. Weil die Sache, wie Ullrich erzählt, so bescheuert gelaufen sei, „dass wir dachten, das glaubt uns eh keiner“. Die beiden Magdeburger hatten bei den aktuellen Enthüllungen noch erreichen wollen, dass die Namen der betroffenen Vereine nicht genannt werden – vergebens. Jetzt ist Ullrich ein wenig in Sorge: Schließlich wisse man nicht, „wie die reagieren, wenn man die an den Pranger stellt“.
Der deutsche Schiedsrichterwart nimmt die EHF in die Pflicht
Der DHB zog die beiden in die Schusslinie geratenen Magdeburger umgehend aus der Bundesliga zurück. Lemme und Ullrich hätten am Samstag beim Duell zwischen dem HSV Hamburg und dem THW Kiel auf dem Feld stehen sollen, das die Kieler mit 34:33 gewannen. Vorerst werden sie in der Bundesliga generell nicht mehr aktiv sein. Der DHB, der sich in der Causa Kiel auffällig zurückhält, will erst Klarheit schaffen, der Verband ist nun offensichtlich doch alarmiert. „Wir müssen jetzt mit aller Gewalt aufklären“, sagt DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier.
Er schlägt sich aber schon auf die Seite von Lemme und Ullrich. „Sie sind für mich über jeden Zweifel erhaben.“ Der deutsche Schiedsrichterwart Peter Rauchfuß nimmt die EHF in die Pflicht, sie müsse jetzt Ermittlungen aufnehmen. „Ich hoffe, dass die EHF langsam in die Gänge kommt“, sagt der Chemnitzer. Schließlich handele es sich bei der angeblichen Korruption im Europapokal um ein internationales Problem.
„Der Fall ist so oder so unvorstellbar“
EHF-Generalsekretär Michael Wiederer sagte am Samstag gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass das Geschehen in Moskau „selbstverständlich zu einem Verfahren führen wird“. Er zeigte sich von der Entwicklung überrascht: „Der Fall ist so oder so unvorstellbar.“ Und er hat zumindest den Chemnitzer Rauchfuß in Angst und Schrecken versetzt: „Wir müssen versuchen, den Handball in Deutschland überhaupt noch am Leben zu erhalten.“