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Veröffentlicht: 21.04.2017, 20:00 Uhr

Mimik beim Bodenturnen Das Lächeln des Vampirs

Die Mimik beim Kunstturnen ist oftmals nur ein i-Tüpfelchen bei der Kür der Athleten und doch gewinnt sie immer mehr an Bedeutung. Die ausdrucksstärkste Mimin will dennoch nicht dauernd lächeln.

von Sandra Schmidt
© EPA „Das Gesicht muss zu der Geschichte passen, die ich erzähle“: Die Niederländerin Eythora Thorsdottir will nicht lächeln um jeden Preis.

Wer erinnerte sich nicht an das breite Lächeln von Superstar Simone Biles auf der olympischen Bodenfläche von Rio de Janeiro? Dieses Gesicht, in dem der Zuschauer die pure Freude und die komplette Mühelosigkeit dieser Turnerin, die da nahezu undenkbare Akrobatik vollführte, doch so ganz offensichtlich ablesen konnte.

Das Konzept dahinter ist einfach: Wenn es der Turnerin so viel Vergnügen bereitet, dann wird es auch den Zuschauer – und vor allem die Kampfrichterinnen! – erfreuen. Die Niederländerin Eythora Thorsdottir, die an diesem Sonntag im Boden-Finale der Europameisterschaft steht, hat da eine grundsätzlich andere Vorstellung: „Ich bin nicht eine von den Turnerinnen, die wenn sie eine Kampfrichterin sieht, denkt: Ah, ja, jetzt muss ich lächeln! Das Gesicht muss zu der Geschichte passen, die ich erzähle. Alles andere ist für mich nicht Kunstturnen.“

45983408 Das lächelnde Vorbild: Superstar Simone Biles bei den Olympischen Spielen. © AP Bilderstrecke 

Was hat es also auf sich mit dem Lächeln auf der Bodenfläche? „Er gibt das letzte i-Tüpfelchen auf eine gute Präsentation der Bodenübung,“ sagt Sabrina Klaesberg, Mitglied im Technischen Komitee des Europäischen Turnverbandes, über die Bedeutung des Gesichtsausdrucks. Ein i-Tüpfelchen ist nicht viel, und in der Tat: Die internationalen Wertungsvorschriften sehen maximal ein Zehntel Abzug vor für den Fall, dass die Turnerin die Mimik und Gestik nicht der Musik anpasst.

Klaesberg sagt auch, dass die Mimik den Kampfrichterinnen „insgesamt eher auffällt, wenn sie gut ist“, ansonsten wird sie meist übersehen. Und das Attribut gut ist nicht gleichbedeutend mit einem Lächeln: „Das kommt eben auf die Musik an.“ Auf die Frage nach einem herausragenden Beispiel für gute Mimik zögert Klaesberg nicht: „Eythora Thorsdottir.“

Jahrzehntelang spielt Mimik keine Rolle

Jahrzehntelang spielte dieses Thema im Frauenturnen keine Rolle. Beim Bodenturnen der Frauen lief Musik, allerdings von Ausnahmen abgesehen oft eher im Hintergrund, über dazugehörige Gestik und Mimik sprach niemand. Das breite Lächeln kam dann mit dem Aufstieg der Vereinigten Staaten ins internationale Turnen, namentlich mit der Olympiasiegerin 1984, Mary Lou Retton. Und bei längst nicht allen funktioniert das mit dem Lächeln so gut wie bei Simone Biles.

Es hat auch schon amerikanische Turnerinnen gegeben, die auch dann noch ihr offenbar eingeübtes breites Lächeln aufsetzten, wenn sie gerade gestürzt waren. Die sowjetischen Turnerinnen hingegen, deren Schule sich traditionell eher am klassischen Ballett orientiert, lachten und lächelten eigentlich nie. Die schlichte ideologische Lesart – freudvolle, selbstbestimmte Turnerinnen aus dem Westen einerseits, geschundene, traurige Gestalten aus dem Ostblock andererseits – hält sich übrigens teilweise bis heute. Der Umstand, dass ein Training, das in die Weltspitze führt, für Mädchen aller Länder gleich hart ist, wird da schnell unterschlagen.

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Bundestrainerin Ulla Koch ist überzeugt, dass sich die Mimik von alleine entwickelt, wenn Musik und Athletin zueinander passen: „Man kann da nichts erzwingen. Diejenigen, die nicht lächeln wollen, die kann man auch nicht dazu zwingen, weil es dann unecht wirkt.“ Patrick Kiens, der Heimtrainer von Eythora Thorsdottir, ist radikaler: „Wir nähern uns dem Turnen primär von der Warte des künstlerischen Ausdrucks,“ sagt der ehemalige Turner, der Sport und Darstellende Kunst studiert hat. Vielleicht niemand vor ihm hat Kriterien der theatralischen Aufführung so konsequent auf das Turnen am Balken und Boden übertragen.

Der Erfolg scheint ihm Recht zu geben: Sanne Wevers wurde in Rio Olympiasiegerin am Balken, das Team erturnte die dritthöchste Mannschaftswertung. Der Geschichte von Eythora Thorsdottirs aktueller Bodenübung liege die Story vom Tanz der Vampire zugrunde, erklärt Kiens. „Es geht um eine Figur, die aus dem Grab aufersteht, und dann tanzend die Menschen auf den Arm nimmt, sie spielerisch ärgert und auffrisst – das zeige ich mit den Händen,“ erklärt sie selbst ihre Choreographie.

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„Es gibt in der Übung auch einen Moment, in dem ich die Kampfrichterinnen anschaue und leicht maliziös lächele – eben weil die Figur sie neckt!“ Im Training kümmert sie sich nicht um ihre Mimik, sondern um die für die Bewertung zentralen akrobatischen und gymnastischen Schwierigkeiten. „Wenn ich auf der Bühne stehe, dann kommt die Mimik ganz automatisch,“ sagt sie.

Im Boden-Finale am Sonntag steht auch Pauline Schäfer. Sie hat eine eher emotionale, tragische Musik, bei der laut Ulla Koch „Lächeln überhaupt nicht gefragt ist“. Falls Pauline zum Beispiel ihr schwieriger Doppelsalto gestreckt gelingt, und ihr deswegen ein Lächeln über die Lippen huscht, ist das kein Problem. „Als menschliche Regung okay,“ findet Klaesberg in solchen Fällen, und zwar auch dann, wenn es nicht zur Musik passt.

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