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Die erste deutsche Wimbledon-Siegerin : Cilly Aussem: Ein Hauch von Tragik

„Reizend” im Sport für höhere Töchter: Cilly Aussem Bild: picture-alliance / akg-images

Vier Deutsche wurden Wimbledon-Sieger: Graf, Becker, Stich und ...? Richtig: Cilly Aussem, „das reizendste junge Mädchen, das je Tennis spielte“. Sie gewann schon 1931 das wichtigste Turnier der Welt. Vor hundert Jahren wurde sie geboren.

          Es ist eine Frage, mit der sich immer noch manches Quiz gewinnen ließe. Vier Deutsche wurden Wimbledon-Sieger im Einzel: Steffi Graf, Boris Becker, Michael Stich und . . . wer ist die Nummer vier? Sie war die Nummer eins: Cilly Aussem, die an diesem Sonntag vor hundert Jahren geboren wurde und auf dem Höhepunkt ihrer kurzen Karriere, 1931 mit 23 Jahren, das wichtigste Tennisturnier der Welt gewann, 7:5, 6:2 im Finale gegen eine andere Deutsche, die gleichaltrige Essenerin Hilde Krahwinkel.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Damals war Tennis ein Sport für höhere Töchter, ein Bild, dem die Kölner Kaufmannstochter entsprach. Der Vater hatte als deutscher Generalvertreter für Gervais-Käse ein Vermögen gemacht, das die Reisen zu Turnieren und zum Training an der Riviera erlaubte. Angetrieben von einer ehrgeizigen Mutter, wurde die zierliche Cilly schon in jungen Jahren ein kleiner Star. Sie und die drahtige Hilde Krahwinkel lösten Ende der zwanziger Jahre zwei Frankfurter Jüdinnen an der Spitze des deutschen Damentennis ab: Ilse Friedleben, die später der Judenverfolgung durch Flucht in die Schweiz entkam, und Nelly Neppach, die sich im Mai 1933 umbrachte.

          Sie gehörte zu den ersten weiblichen Weltstars

          In den zwanziger Jahren war Tennis der erste Sport, der weibliche Weltstars hervorbrachte, wie Suzanne Lenglen oder Helen Wills, deren Spiel und Auftreten einem neuen, aktiven, selbstbestimmten Frauenbild entsprach. Nach diesem Vorbild zog mit Cilly Aussem und Hilde Krahwinkel auch in Deutschland ein neuer, dynamischerer Stil ein. Anders als ihre Vorgängerinnen schlugen sie den Ball nicht mehr von unten auf. Nicht jeder mochte das. 1927 beklagte das Verbandsorgan „Tennis und Golf“ die voranschreitende „Vermännlichung“ des Damenspiels.

          Nicht alle waren begeistert: Das Verbandsorgan beklagte die voranschreitende „Vermännlichung” des Damenspiels
          Nicht alle waren begeistert: Das Verbandsorgan beklagte die voranschreitende „Vermännlichung” des Damenspiels : Bild: picture-alliance / akg-images

          Cilly Aussems Mutter soll an der Riviera den berühmten Bill Tilden gefragt haben, was sie tun müsse, um ihre Tochter zu einem großen Champion zu machen. Der Legende nach antwortete Tilden: „Gnädige Frau, nehmen Sie den nächsten Zug nach Berlin.“ Jedenfalls zog sich die Mutter zurück, und Tilden übernahm das Training der kleinen Deutschen. Er beschrieb sie als „das reizendste junge Mädchen, das je Tennis spielte“. Gemeinsam gewannen sie 1930 das Mixed in Paris. Ein Jahr später triumphierte Cilly Aussem dort auch im Einzel, so wie kurz darauf in Wimbledon.

          „Erstaunlich, wie beweglich sie auf dem Platz war“

          Das Finale gegen Hilde Krahwinkel war, wie der legendäre englische Journalist Lance Tingay schrieb, „nicht besonders aufregend“. Es hieß, beide Spielerinnen seien durch Blasen an den Händen behindert gewesen. Tingay, der Tennisexperte des „Telegraph“, erstellte am Jahresende persönlich die Weltranglisten, ehe das 1973 der Computer übernahm. Cilly Aussem war für ihn zweimal, 1930 und 1931, die Nummer zwei, hinter Helen Wills-Moody.

          Die als unschlagbar geltende Amerikanerin, die zwischen dem ersten Wimbledon-Titel 1927 und ihrem achten 1938 dort kein einziges Match verlor, hatte 1931 auf Turniere in Europa verzichtet und so der Deutschen das Feld überlassen. „So klein, wie sie war, mit ihren runden braunen Augen und ihrem Engelsgesicht, sah sie mehr wie ein kleines Mädchen aus“, erinnerte sich Helen Wills. „Erstaunlich, wie beweglich sie auf dem Platz war und welche Strecken sie dort zurücklegte.“

          Fast unbemerkter Tod als Cäcilie Editha Murari dalla Corte Brà

          Stets umwehte Cilly Aussem ein Hauch von leiser Tragik. 1930 war sie im Halbfinale von Wimbledon schwer gestürzt und ohnmächtig vom Platz getragen worden. Ihre Augen waren so empfindlich, dass sie stets einen Blendschutz trug und nach Matches abgedunkelte Räume aufsuchte. Auf einer Südamerika-Reise erlitt sie eine schwere Lebererkrankung, gefolgt von einer Notoperation am Blinddarm, was die spätere Karriere ruinierte. 1936 heiratete sie den italienischen Grafen Fermi Murari dalla Corte Brà und zog mit ihm nach Somalia, wo sie an Malaria erkrankte.

          Als sie 1963, erst 54 Jahre alt und nahezu erblindet, in Portofino starb, wäre das fast unbemerkt geblieben - hätte nicht ein Journalist, der die Todesanzeige las, gewusst, dass sich hinter der italienischen Gräfin Cäcilie Editha Murari dalla Corte Brà die deutsche Wimbledon-Siegerin Cilly Aussem verbarg.

          Quelle: F.A.Z.

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