Als der edle Araberhengst temperamentvoll nach der Möhre schnappt, zieht Justin Gatlin lieber die Hand zurück. Ganz geheuer ist dem Sprinter aus Florida der vierbeinige Athlet aus Qatar nicht. Davon abgesehen zeigt sich Gatlin durchaus beeindruckt vom Besuch des Gestüts Al Shaqab am Stadtrand von Doha. Besonders die Eisbadewanne für Pferde hat es ihm angetan. Bei 41 Grad kein Wunder. „Nach dem Wettkampf komme ich zurück“, sagt Gatlin und lacht. Der Amerikaner genießt es, im Mittelpunkt zu stehen.
Die Starrolle liegt dem 100-Meter-Olympiasieger von 2004, auch wenn sie längst anderen gebührt. Aber weil die jamaikanischen Sprintgrößen Usain Bolt, Johan Blake oder Gatlins amerikanischer Landsmann Tyson Gay sich rar machen beim Auftakt der Diamond League an diesem Freitag in Doha, weil Asafa Powell (Jamaika) nichts von kleinen Promotions-Touren ins arabische Pferdereich hält, schlüpft Gatlin gern in die Rolle des medienerprobten Frontmannes. Als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Was schon erstaunlich ist für einen, der wegen Testosteron-Dopings vier Jahre lang gesperrt war, und damit als Wiederholungstäter (2001 Amphetamine) noch gut weggekommen ist.
Traum vom großen olympischen Comeback
Aber mittlerweile hat sich der Mann, der seine Depressionen während der unfreiwilligen Auszeit gern theatralisch beschreibt, wieder aufgerappelt, und träumt im Alter von 30 Jahren den amerikanischen Traum vom großen olympischen Comeback. Auch wenn die Entwicklung im Sprint längst über ihn hinweggebraust ist, auch wenn die Jugend längst das Kommando übernommen hat. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Gatlin im März in Istanbul in 6,46 Sekunden Hallen-Weltmeister über 60 Meter geworden ist.
Dass die großen Namen gefehlt haben, weiß Gatlin, dennoch „hat Istanbul mir gezeigt: Du bist auf dem richtigen Weg.“ Auf dem olympischen nach London. Und da soll seine große Stunde schlagen. Ob er das wirklich glaubt? Dann müsste er das Phänomen Bolt schlagen, den Weltrekordhalter (9,58 Sekunden), der vor einer Woche mit 9,82 Sekunden zum Saisonstart keine Fragen offen gelassen hat.
Er hat Bolt per Video genauestens studiert
Gatlin ist clever genug, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Er sagt es nie direkt, aber er lässt es bei jedem Satz durchblicken: Auch Supermann Bolt ist schlagbar. Er hat den dreifachen Olympiasieger und fünfmaligen Weltmeister per Videoanalyse auf Stärken und Schwächen abgeklopft. Was er herausgefunden hat? Ins Detail gehen mag er nicht, ein paar Allgemeinplätze müssen reichen. Einerseits registriert er „atemraubende Leistungen“, andererseits „bleibt Bolt doch ein Mensch. Er atmet dieselbe Luft wie ich.“ Er habe ein ähnliches Schrittmuster. Klingt nicht, als sei Gatlin wirklich fündig geworden. „Na ja, letzten Endes geht es für mich nur darum, selbstbewusst meine Fähigkeiten vom Start bis zum Ziel auszuspielen.“ Daran arbeitet er mit seinem neuen Coach Dennis Mitchell, einem ehemaligen Weltklassesprinter. „Er hat mir Vertrauen und Zuversicht zurückgegeben“, sagt Gatlin.
Vertrauen in den früheren Coach
Mitchell will ihn in Form bringen wie bei seinem Olympiasieg 2004. „Dennis ist ein Coach, der deine Grenzen immer weiter hinausschiebt, und dein gottgegebenes Talent aus dir herauskitzelt.“ Interessant ist aber auch, was Gatlin nicht sagt: Dass Mitchell einst selbst zwei Jahre wegen erhöhter Testosteronwerte gesperrt war. Aber das ist Vergangenheit. Und jeder verdiene doch eine zweite Chance. Deswegen begrüßt Gatlin es auch, dass sein mit einem olympischen Doping-Bann belegter britischer Kollege Dwain Chambers nun doch bei den Spielen in London „in seinem eigenen Hinterhof“ starten darf. „Unschuldig oder schuldig, wir haben unsere Strafe verbüßt, und uns weiter davon abzuhalten, unserem Sport wieder nachzugehen, das fände ich ungerecht.“
Persönliche Bestzeit in Doha
Lieber spricht Gatlin über Doha. Über beste Erinnerungen. Am Persischen Golf ist er 2006 persönliche Bestzeit gerannt. Die 9,77 Sekunden, die damals die Einstellung des Weltrekordes von Asafa Powell bedeuteten, tauchen allerdings nur noch in Gatlins Erinnerung auf. Offiziell sind sie aus bekannten Gründen aberkannt worden. Am Freitag bekommt Gatlin es wieder mit Powell zu tun. Eine erste wirkliche Prüfung. „Ich habe mir die Statistik von damals angesehen: Wir sind neunmal gegeneinander gelaufen, und sechsmal davon habe ich gewonnen“, sagt Gatlin. Mal sehen, ob die Gegenwart der Vergangenheit standhält.