02.09.2008 · Die „jungen Wilden“ sorgen weiter für Jubel. Andre Greipel hat den vierten Tagesabschnitt gewonnen, Linus Gerdemann streifte auch in Mainz das Gelbe Trikot über - ein Hoffnungsschimmer für Radsportveranstalter in Deutschland.
Von Uwe Martin, MainzAuch Jörg Billmeier stand auf der Großen Bleiche. Etwa fünfzehn Monate ist es her, dass die Rheinland-Pfalz-Rundfahrt in Mainz präsent war. Etwas später im Jahr 2007 wurde auch die Rheinland-Pfalz-Rundfahrt abgewickelt, kein Geld, keine weiteren Rennen mehr.
Der langjährige Tourmanager Billmeier ist im organisatorischen Vorfeld der weitaus prominenteren Deutschland-Tour, die am Dienstag in Mainz Station machte, wieder ein gefragter Gesprächspartner gewesen. Im Radsport, genauer bei der Sach- und Ortskenntnis in Rheinland-Pfalz, weiß niemand besser Bescheid als er. Doch als sich das Fahrerfeld um kurz nach 17 Uhr dem Zielbogen auf der Großen Bleiche näherte, kämpfte Billmeier mit den Tränen, dem Comeback der schnellen Profis in Mainz war er nicht wirklich gewachsen.
Zuschauerzuspruch nicht überwältigend, aber auch keine Enttäuschung
Kai Rapp, Tourdirektor der Deutschland-Tour, zeigte sich zufrieden mit der Premiere seiner Veranstaltung in Mainz. Der Zuspruch war nicht gerade überwältigend, aber auch keine Enttäuschung. Es standen in etwa so viele Zuschauer hinter den Absperrgittern wie im Frühjahr 2007 bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt. Fans in Trikots mit den Aufdrucken „Cofidis“, „Lampre“, „RV Henninger Sossenheim“ und „Bianchi“, weniger radsportaffine Zuschauer machten mit ihren T-Shirts schon mal Werbung für den Hunsrück-Marathon.
Doch wie ist der ungefähre Gleichstand bei dem Zuschauerinteresse zu bewerten? Vielleicht liegt man mit der Vermutung nicht falsch, dass jungen deutschen Fahrern wie dem Tagessieger André Greipel oder dem weiterhin Gesamtführenden, Linus Gerdemann (beide Team Columbia), eine Bewährungschance gegeben wird. „Wir sind im versprochenen Jahr des Neuanfangs“, sagt Rapp. „Mit neuen Namen, die aufgebaut werden müssen.“ Die beiden örtlichen Tageszeitungen jedoch hatten sich auffällig zurückgehalten in der Vorberichterstattung. Und Greipel, dem in Mainz der zwölfte Saisonsieg gelang, wurde auf dem Weg in die Pressekonferenz von dem Satz einer jungen Frau überrascht, die fragte: „Ist das jemand Dolles?“
Ciolek hilft Greipel
Profiradsport in Deutschland, das scheint ohne Routiniers wie Erik Zabel oder Jens Voigt ein schwer zu vermittelndes Produkt zu sein. Bei der Deutschland-Tour beherrschen andere das Geschehen. Zuvorderst das Team Columbia um den Rundfahrt-Favoriten Gerdemann und die große Hoffnung Gerald Ciolek, der für Greipel den Sprint angezogen hatte. „Ich hätte nie gedacht, dass er dies macht“, sagte der frühere Kletterspezialist Georg Totschnig. „Aber sie werden sich schon abgesprochen haben.“ Hatten sie, wie Greipel später bestätigte. Und das Team Columbia hat jetzt auch den erhofften Sprintsieg eingefahren.
Totschnig ist in Mainz für die Tirol-Werbung aktiv gewesen. Ein Engagement, das naheliegt, schließlich kommt er aus dem Zillertal. Auf dem Deutschhausplatz vor dem Mainzer Landtag saß er gemeinsam mit einem Moderator im Liegestuhl, beide kommentierten das Rennen live und über Lautsprecher, sie machten dies gut - nur zugehört hat kaum jemand.
Keine großen Emotionen
Zumindest nicht in jenen Minuten, als sich das Fahrerfeld dem Ziel näherte. Auch am Gerolsteiner-Truck, dem Stand von Milram und rund um die Präsentationsfläche des Tour-Autopartners ist schon mal mehr los gewesen. Spitzenradsport vor Ort im Spätsommer 2008, das nahm man in Mainz als Sportinteressierter halt mal mit, aber große Emotionen bewirkte der Auftritt der Fahrer nicht.
Den Etappenort Mainz hatte übrigens der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, Rudolf Scharping, „besorgt“, wie es Tourdirektor Rapp formuliert. Billmeier, der Grandseigneur der dahin geschiedenen Landesrundfahrt, hatte Bad Marienberg empfohlen. Rapp entschied sich auch aufgrund der „medialen Reichweite“ für die Landeshauptstadt und gegen die Provinz.
Das Geschehen vor Ort beobachtete auch Bernd Moos-Achenbach, Organisator des Radrennens „Rund um den Henninger Turm“ am 1. Mai in Frankfurt. Bis Ende September will sich Moos-Achenbach erklären, wie es mit der Traditionsveranstaltung weitergeht. Man darf gespannt sein.