Manchmal greift Markus Fothen noch zu Viehfutter, zu Haferschrot oder Rübenschnitzel, und er versorgt damit die Schweine auf dem elterlichen Hof. Häufig hat er dazu natürlich nicht Gelegenheit, Fothen ist schließlich auf einem anderen Terrain stark gefordert. Beispielsweise in dieser Woche: Markus Fothen sitzt dann wieder neun Tage lang im Sattel, er bestreitet mit dem Team Gerolsteiner die Deutschland-Rundfahrt (ab 13.30 Uhr im FAZ.NET-Liveticker), die von Altenburg nach Bonn führt und länger und schwieriger ist denn je. In dem jungen, erst 23 Jahre alten Radprofi Fothen sieht sein Teamchef Hans-Michael Holczer eine Art Kronprinz in der Mannschaft hinter Georg Totschnig, dem österreichischen Kapitän der Eifeler Equipe, der bei der Tour de France in diesem Jahr den ersten Etappensieg für Gerolsteiner geholt hatte.
Fothen, der Bauernsohn aus der Nähe von Neuss, hat sich längst einen Namen gemacht im Peloton; er zählt zu den hoffnungsvollsten deutschen Radrennfahrern. Er unterstrich das in dieser Saison mit Platz zwölf beim Giro d'Italia; Fothen, der sich zu einem exzellenten Klassementsfahrer entwickeln möchte, sagte danach, mit seinem bemerkenswerten Auftritt in Italien - er war dort der beste deutsche Profi - habe er „den ersten Stein“ geworfen. „Berg hoch“, beschrieb er seine italienischen Erfahrungen, „hatte ich immer gute Beine. Das gibt mir Hoffnung für die nächsten Jahre.“
Investition in die Zukunft
Fothen brachte sich damit auch in eine günstige Verhandlungsposition. Schließlich ging es nach dem Giro darum, den auslaufenden Vertrag mit dem Team Gerolsteiner zu verlängern - zu verbesserten Konditionen, versteht sich. Holczer mußte dem gestiegenen Wert Fothens, der Angebote anderer Rennställe hatte, Rechnung tragen. „Eigentlich“, erzählt der Schwabe, „haben wir uns innerhalb von Minuten geeinigt.“ Der neue Kontrakt läuft bis zum Jahr 2008.
Holczer glaubt, damit in die Zukunft investiert zu haben. Fothen gilt schließlich als ein Mann mit ausgeprägten Fähigkeiten im Zeitfahren, er ist ein guter Kletterer, auch wenn Holczer erkannt hat, daß „er es nicht ganz so steil mag“. Sein Lob für Fothen verpackt er in eine eigenwillige Formulierung: „Er scheint prädestiniert zu sein, mit ihm vernünftig weiterzuarbeiten.“ Vergleiche mit anderen, mit etablierten deutschen Profis scheut Holczer allerdings; er möchte den aufstrebenden Markus Fothen auch nicht in die Nähe von Jan Ullrich vom Team T-Mobile rücken, der nun ebenfalls an der Deutschland-Tour teilnimmt. Man müsse, betont Holczer, sehr vorsichtig mit den jungen Leuten sein; sie sollten nicht durch allzu hohe Erwartungen zu stark belastet werden. „Wir haben eine ganze Reihe von Talenten“, sagt Holczer zur Situation in Deutschland, er wünscht sich, „daß alle möglichst weit kommen“.
Debüt bei der Tour de France 2006
Holczers Mahnung zielt nicht zuletzt auf die Sehnsucht der Öffentlichkeit, daß der deutsche Profiradsport einmal nach Jan Ullrichs Karriereende möglichst sofort über einen neuen Rundfahrer auf höchstem Niveau verfüge. Aber einen Ullrich, sagt der Macher des Teams Gerolsteiner, „gräbt man nicht alle Tage aus“. Fothen, der schon einmal Weltmeister im Zeitfahren in der Kategorie „U23“ war, dürfte immerhin im nächsten Jahr sein Debüt bei der Tour de France geben. Holczer hatte bereits diesmal damit geliebäugelt, ihn wenigstens einen Schnupperkurs in Frankreich machen zu lassen, ihm einige Tage lang eine „Chance zum Lernen“ zu gewähren - eine Erkältung Fothens durchkreuzte aber diesen Plan.
Auf deutschem Boden möchte Holczer nun erleben, wie Fothen den Giro verkraftet hat, ob seine Substanz für eine weitere strapaziöse Rundfahrt reicht. „Ich bin unheimlich gespannt, was er aus der Geschichte macht“, sagt Holczer. Grundsätzlich geht es ihm auch bei Fothen um einen behutsamen Aufbau, „wir werden ihn nicht erdrücken, nicht erschlagen“. Er weiß dabei, einen Mann unter seinen Fittichen zu haben, der „klaren Kopfes und sehr normal geblieben ist“.
„Mir passiert nichts“
Tatsächlich macht der Emporkömmling Fothen den Eindruck, erdverbunden zu sein. So redete er etwa auch schon mal von der Verantwortung gegenüber Sponsoren - so, wie er sich den Tieren im heimischen Stall verpflichtet sah, wo Fothen, ein ausgebildeter Landwirt, lange kräftig mit angepackt hat. Das ist sein Rückhalt, seine Absicherung. „Mir passiert nichts“, behauptet er. Bis 35, das ist sein Lebensentwurf, möchte er den Sport als Beruf betreiben. Danach könnte sich Fothen auch vorstellen, sich wieder um die Ferkel zu kümmern, „als Hobby“ wenigstens. Jetzt aber will er erst einmal weiterhin zeigen, was er auf dem Rad sein kann: sauschnell, salopp gesagt.