30.08.2009 · Zwölf Monate nach dem Debakel bei den Olympischen Spielen von Peking ist der Deutschland-Achter wieder ein Medaillenaspirant, nach den bisherigen Ergebnissen ist er im Finale an diesem Sonntag sogar Titelfavorit. Es hat sich einiges getand im Deutschen Ruder-Verband.
Von Elisabeth Schlammerl, PosenDie Einkaufsstraße von Posen kennen die meisten Ruderer des Deutschland-Achters mittlerweile gut, die historische Altstadt ebenfalls. Sie hatten in den vergangenen Tagen viel Zeit, die Umgebung ihres stadtnahen Hotels zu erkunden. Wie bei einer Weltmeisterschaft kamen sie sich bisher nur einmal vor, als sie am zweiten Tag der Titelkämpfe auf dem Maltasee zum Vorlauf antraten. Das deutsche Boot hatte sich am vergangenen Montag direkt fürs Finale qualifiziert, das war einerseits das angestrebte Ziel, andererseits mussten die acht Ruderer plus Steuermann Martin Sauer nun fast eine Woche die Anspannung hoch halten, ohne aber ein Rennen zu fahren. „Eine Katastrophe“, findet Trainer Ralf Holtmeyer diesen Zeitplan, für den die Organisatoren aber gar nichts können.
Denn wegen des kleinen Starterfeldes entfielen in Polen die Halbfinals. Holtmeyer war deshalb in den vergangenen Tagen nicht nur Trainer, sondern auch Freizeitmanager. Er initiierte Unternehmungen, hielt die Athleten einmal an der langen Leine, dann wieder hielt er die Zügel straffer. Bei einem gemeinsamen Kneipenbummel verzichten die Ruderer deshalb lieber auf ein Bierchen. „Der Trainer sieht das nicht so gerne“, sagt Kristof Wilke.
Den Druck der Goldmedaille ist der Achter los
Der Vierundzwanzigjährige aus Radolfzell gehörte neben Sebastian Schmidt und Florian Mennigen schon jener Crew an, die bei den Olympischen Spielen vor einem Jahr den letzten Platz belegte. Wilke dachte nach dieser Demütigung, seine Achter-Karriere sei schon wieder beendet, ehe sie richtig begonnen habe. Aber die Zeit heilt Wunden, außerdem hat sich einiges getan im Deutschen Ruderverband (DRV) nach dem Debakel von Peking.
Zwölf Monate später ist der Achter wieder ein Medaillenaspirant, nach den bisherigen Ergebnissen ist er im Finale an diesem Sonntag sogar Titelfavorit: Den Vorlauf souverän vor Großbritannien gewonnen, Australien und die Vereinigten Staaten ausgeschieden und beim letzten Weltcup in Luzern Mitte Juli die Konkurrenz beherrscht, darunter den vielleicht härtesten Konkurrenten, Olympiasieger Kanada. Den Druck, zum ersten Mal seit 2006 wieder eine Goldmedaille für den DRV bei einem Großereignis zu gewinnen, ist der Achter aber vor dem Start los: Der Doppelzweier mit Eric Knittel (Berlin) und Stephan Krüger (Rostock) siegten am Samstag vor Frankreich und Estland.
„Wer in Luzern so gewinnt, will auch Weltmeister werden“
Während die deutsche Mannschaft den ersten WM-Titel seit dem Sieg des Achters vor drei Jahren in Eton bejubelte, erholten sich Holtmeyers Ruderer vom Training in den frühen Morgenstunden im Hotel. „Wer in Luzern so deutlich gewinnt, der will auch Weltmeister werden“, sagt der Trainer – und lächelt dabei. Holtmeyer wirkt sehr entspannt in diesen Tagen. Er ist längst nicht mehr so wortkarg wie in den vergangenen acht Jahren, als er die Riemen-Ruderinnen betreut hatte. Das war nicht sein Wunschjob gewesen, er hatte es wie eine Strafversetzung nach der verpassten Olympia-Teilnahme mit dem Deutschland-Achter 2000 empfunden (siehe auch: Ruder-Trainer Ralf Holtmeyer „Bei den Männern fällt es mir leichter, hart zu sein“).
Nun hat ihn der neue Cheftrainer Hartmut Buschbacher zu den Männern zurückgeholt, und Holtmeyer sieht es als Chance, an seine erste erfolgreiche Ära als Achter-Trainer anzuknüpfen. Zwischen 1986 und 2000 hatten seine Boote fünf WM-Titel und einen kompletten Medaillensatz bei Olympischen Spielen geholt. Lange war allerdings nicht sicher, ob er tatsächlich für den Achter verantwortlich sein darf, ebenso, ob das Paradeboot des DRV bei der WM überhaupt in Bestbesetzung antreten werde. Buschbacher dachte zunächst daran, die kleineren Riemenboote Zweier und Vierer zu stärken und darauf in der gesamten Saison zu setzen.
Der Stützpunkt Dortmund, traditionell die Heimat des Achters, begehrte auf, und da besonders der Vermarkter der Fördergesellschaft. Klaus Walkenhorst sah die Stellung des Achters als Premium-Produkt in Gefahr, immerhin gab es für das Boot einen eigenen Sponsor. Nach dem Weltcup in Luzern, wo der Achter zum ersten Mal in Bestbesetzung gefahren war und gleich gewonnen hatte, löste sich alles in Wohlgefallen auf. Buschbacher beendete seine Experimentierphase mit den kleinen Booten früher als geplant, womöglich auch, weil er die nicht ganz unbedeutende Medaillenchance für das zuletzt arg gebeutelte Paradeboot sah. „In Deutschland wird eben ein starker Achter erwartet“, sagt Holtmeyer. „An dieser Weichenstellung kommt man nicht vorbei.“